Dietmar Bartsch

Herbstmeister zählt nicht. Oder doch?

Gestern flimmerte ein Pseudoduell über die Bildschirme. Eine Kontroverse konnte nicht einmal inszeniert werden, denn die vermeintlichen Kontrahenten bewerben sich um unterschiedliche Ämter, nämlich den Kanzler- und den Vizekanzlerposten. Aber anders als ARDZDFRTLSAT1 es vorspiegelten, stehen am 27. September nicht nur Union und SPD zur Wahl und DIE LINKE hat gute Karten.

Wenn ein Aufsteiger in der Fußball-Bundesliga am Ende der Saison in der ersten Tabellenhälfte landet, ist das ein großartiger Erfolg und für dessen Anhang in aller Regel Anlass für mehrtägige Feiern und Freudenfeste. In der Regel. Jüngst war es allerdings ein bisschen anders zu erleben. Die TSG Hoffenheim war im Dezember 2008 Herbstmeister der ersten Bundesliga geworden. Es war eine sportliche Sensation, dass der vielfach als „Dorfklub“ belächelte Verein das schaffte. Am Ende der Saison, im Mai dieses Jahres, erreichte die Mannschaft den siebenten Tabellenplatz. Vor Beginn der Meisterschaft hatten wohl nur härteste Fans der TSG einen so optimistischen Tipp gewagt, nun aber geriet bei vielen das letztliche Abschneiden gar zur leichten Enttäuschung. Einmal mehr machte die Feststellung die Runde: Herbstmeister zählt nicht.

DIE LINKE ist in diesen Tagen wieder einmal im Umfrage-Hoch. Gerade in dieser Situation betone ich: Wir wollen Wahlen gewinnen, nicht Umfragen! Gute Umfragen werden zum Danaergeschenk, wenn sie uns dazu verleiten, den Wahltag als „gelaufen“ zu betrachten. Es wäre verhängnisvoll, lehnten wir uns angesichts guter Prognosen zurück und ließen ab von dem Vorhaben, bis zu letzten Minute einen engagierten Wahlkampf zu führen, ja, diesen in den letzten 48 Stunden sogar mit größter Kraftanstrengung zu bestreiten. Sicher, wenn wir jüngst bei der sogenannten Sonntagsfrage stiegen, hat das ursächlich zu tun mit unseren Ergebnissen vom letzten August-Sonntag, mit dem großartigen Agieren unserer Bundestagsfraktion in der vergangenen Woche und wohl auch mit dem jetzt noch verstärkten Ruf: Raus aus Afghanistan!  Es hat überdies ganz wesentlich zu tun mit unserem Wahlkampf, dem rastlosen Einsatz zahlloser Genossinnen und Genossen und vieler Freunde der Partei. Nur wenn Letzteres so bleibt, kann das Hoch anhalten. Trotzdem werden wir nicht abheben, große Freude ist ab 10 Prozent plus X angesagt!

Unsere Partei hat nie bessere Ergebnisse vorausgesagt bekommen, als wir dann am Wahltag erreichten. Jüngst schafften wir im Saarland 21,3 Prozent, dort lag die höchste Umfrage zuvor bei 16 Prozent. „Forsa“ sah uns jeweils in der Woche vor der Wahl in Hessen bei 4 Prozent und in Bremen bei 4,5 Prozent. Also: Auch von mäßigen Vorhersagen lassen wir uns nicht irritieren. Gestern Abend stellten sich eine Kanzlerin und ein Vizekanzler dem TV-Publikum in einem zum Duell stilisierten Schattenboxen vor. Vermutlich werden dieser Tage sowohl Union als auch SPD von einer Fernsehschau profitieren, die den Leuten suggeriert, letztlich gehe es um eine Entscheidung zwischen diesen beiden. Die einen saugen aus dem Kanzlerinnen-Bonus Honig, die anderen können kaum mehr tiefer fallen. Ein Skandal ist, dass die vier größten Fernsehsender, darunter die gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen, vortäuschen, zur Wahl stünden nur Merkel und Steinmeier.

Meine These war stets, dass der Bundestagswahlkampf am 31. August erst richtig beginnt. Mit den Ergebnissen der vier Wahlen vom Vortag wurden die Karten neu gemischt. Verdientermaßen hat DIE LINKE ein gutes Blatt bekommen. Wir liegen mit den Themen und mit der Kampagnenführung richtig. Umfragen vor Wahlen haben den gleichen Wert wie die Herbstmeisterschaft im Fußball. Die Ballsportler müssen 34 Spieltage hinter sich bringen – 17 vor und 17 nach der „Herbstmeisterschaft“. Erst dann wird abgerechnet. Wir haben noch 13 Tage bis zur Bundestagswahl und zu den beiden Landtagswahlen vor uns. Ich bin sicher: Wir können kurz nach Sommerende am 27. September eine Herbstmeisterschaft von großem Wert feiern!