Matthias Höhn

100 Prozent für 100 Prozent

Matthias Höhn

"Gregor Gysi ist ein kluger Schelm und sehr charmant!", hörte ich vor Jahren schon - ein echter "Frauentyp", der uns die Wählerinnen doch bestimmt in Scharen sichere. Wer will dem ersten Teil widersprechen - ich nicht. Der zweite hingegen riecht zehn Meilen gegen den Wind nach Klischee und stimmt auch nicht. Ebenso absurd wäre es zu behaupten, nur, weil wir alles mindestquotieren, fühlen sich alle Frauen von und bei uns gut vertreten. Auch das große I oder die "Gender_Gap" sind bestenfalls äußere Zeichen dafür, dass wir wenigstens verstanden haben - den Wählerinnenanteil für DIE LINKE erhöht das nicht zwangsläufig.

Etwas mehr muss es schon sein. Fragt sich nur was? Schließlich wollen wir nicht nur "100 Prozent sozial" sein - sondern wir wollen dies auch für 100 Prozent der Menschen in diesem Land sein: Kinder, Erwachsene, Rentnerinnen und Rentner, den Hartz IV-Beziehenden ebenso wie die Kassiererin.

Die Armut ist vorwiegend weiblich - könnte man mit Blick auf Alleinerziehende und Alleingelassene sagen, verfängt sich aber dann schnell in der Falle, Frauen primär als Opfer zu sehen, der Verhältnisse, der Männer, der Strukturen… Damit guckt man schon wieder aus einem Winkel - von oben nach unten -, was dem Rollenverständnis, wie wir es anstreben, nicht gerecht wird.

Also noch einmal einen Schritt zurück: 100 Prozent für 100 Prozent. Deshalb haben wir uns für eine "integrierte Frauenansprache" im Wahlkampf entschieden - was etwas sperrig klingt, birgt leider auch die Gefahr, vergessen zu werden - nicht absichtlich, sondern eher im Sinne von: Ist ja mit drin. So geht es nicht, und so ist es auch nicht gemeint.

Die Stärke der LINKEN ist ihre Verankerung im Alltag. Diesen Alltag teilen sich in Deutschland etwa gleich viele Frauen und Männer. In diesem Alltag werden Probleme deutlich: Armut, zu hohe Mieten, Lohnungerechtigkeit… Und es ist dann unsere Aufgabe, die Probleme konkret zu benennen und Lösungsvorschläge zu machen. Konkret benennen geht ganz ohne den Opferblick. Es ist nicht traurig, es ist nicht bemitleidenswert - es ist Fakt, dass Frauen z.B. 80 Prozent der meist schlecht bezahlten Beschäftigten in der Pflege stellen, im Einzelhandel den übergroßen Anteil. Diesen Fakt gilt es anzusprechen. Wir benennen Ungerechtigkeiten und bieten den Beschäftigten unsere Positionen an, die ihnen Möglichkeiten zum "Mitlösen" der Probleme bieten. Nicht nur "Wir für euch" - das auch, aber vor allem: "Ihr für euch" und "Ihr mit uns für euch".

Unser Wahlprogramm richtet sich an die Er-Lebenswelt von Wählerinnen und Wählern. Und bestimmte Themen, wie Geschlechtergerechtigkeit, Armutsbekämpfung, moderne Familienkonzepte oder Altersarmut, sind gerade für Frauen Themen, mit denen sie sich identifizieren können, weil Tag für Tag erlebbar. Und wenn dann unsere Ansprache stimmt, entsteht eine gemeinsame Plattform - ein Austausch, der im besten aller Fälle zu einem Kreuz bei der LINKEN führt. Aber auch schon der Schritt aus der Resignation, aus der Abkehr von Politik heraus wäre ein Erfolg.

Es sind Inhalte, in denen Frau und Mann sich wiederfinden. Es sind Kandidatinnen, die bewiesen haben, dass sie ihre politischen Botschaften mit Ernst und Ausdauer vertreten. Es sind unsere Positionen, die stärker als bei anderen frauenpolitisch ausgerichtet sind. Es sind Rednerinnen und Redner, die gleichermaßen auf unseren Veranstaltungen auftreten. Es sind die Orte, an denen wir Wahlkampf machen - und nicht vorbeischleichen an Discountern und Krankenhäusern. Ja - und es ist auch der charmante Schelm.