Matthias Höhn

Für einen Moment stand die Partei still

Matthias Höhn

Als ich vor rund 20 Jahren in die PDS eintrat, war diese Partei ohne Lothar Bisky nicht wirklich denkbar - und das blieb so bis zuletzt.

Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht, wie sehr es an ihm persönlich lag, dass ich diesen Schritt gewagt hatte. Ich weiß es nicht genau - oder nicht mehr genau. Aber eines weiß ich: Er lebte einen Politikstil vor, der mir sehr naheging und nah war: der leise Ton, ohne in der Sache undeutlich zu sein, der Respekt gegenüber jedermann - vor allem wenn man nicht einer Meinung war, das Vertrauen darauf, dass sich das richtige Argument am Ende durchsetzen wird, der kritische Blick zurück mit dem Mut, nach vorn weiterzugehen.

Viele haben in den vergangenen Tagen darauf hingewiesen, Lothar Bisky sei so gar nicht der klassische Politiker gewesen - er selbst redete ja auch so über sich. Und viele sagen auch, so einer wie er könnte heute nie in solche Funktionen kommen, wie er sie innehatte. Ersteres stimmt sicherlich, Letzteres ist im Grunde eine vernichtende Kritik über Parteien und Politik.

Einen zweiten Lothar werden wir nicht finden. Aber ob seine Art zu diskutieren, zuzuhören, die Partei zu führen auch in Zukunft ihren Platz bei uns hat - darüber entscheiden wir alle gemeinsam jeden Tag neu. Denunziation und Intrigen waren ihm zuwider, Dogmatismus vielleicht sein größter politischer Gegner.

Als ich am Tag nach seinem Tod die Zeitungen durchschaute, merkte ich, wie sich bei mir Trauer, Wut und Freude vermischten: Trauer über den Verlust, Freude über die große Anerkennung, die ihm zuteilwurde, und Wut darüber, dass es diese Anerkennung erst jetzt gab. Ich hätte mir diese Zeilen über seine große Persönlichkeit auch schon 2005 gewünscht, als der Bundestag ihn so sehr zu demütigen versuchte.

2006, ich war gerade mal ein Jahr Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, sagte er mir bei einer unserer Begegnungen mit diesem ihm so eigenen verschmitzten Lächeln: "Mensch, Junge, haste den Oskar wieder geärgert..." Und als ich gerade ansetzen wollte zu erklären, fügte er nur noch hinzu: "Lasst euch von uns Alten nicht den Mund verbieten." Das war eine Zeit, in der ich lange Briefe bekam - von wichtigen Funktionären, die heute noch zum Teil im Amt sind, die mir alle schrieben, dass ich das nicht tun und sagen sollte, was ich getan und gesagt hatte.

Als ich 2012 in das Karl-Liebknecht-Haus einzog, war Lothar bereits zwei Jahre weg. Aber gerade jetzt merkt man, wie viel von ihm noch hier ist. Viele, die hier tätig sind, haben lange Jahre mit ihm und für ihn gearbeitet. Und so richtig es ja ist, dass der Verlust zum Leben dazugehört, so sehr tut es weh, wenn er eintritt. Es ist eben nicht nur ein Politiker gegangen, sondern für viele auch ein Freund.

Am vergangenen Dienstag, so gegen fünf Uhr am Nachmittag, hatte man das Gefühl, die Partei stünde für einen Moment still - und bis heute hallt diese Stille noch nach. So fühlen sich wohl Momente an, in denen man auch daran denken muss, wie klein doch mitunter das Karo ist, über das wir zu streiten pflegen, und wie groß doch eigentlich unsere Aufgabe ist.

Eine dieser großen Aufgaben liegt vor uns - wieder für eine starke LINKE im Bundestag zu kämpfen, eine LINKE, die es so ohne ihn nicht geben würde. Und darum kämpfen wir in den nächsten Wochen auch für ihn, für Lothar.

(Ansprache vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Karl-Liebknecht-Hauses zum Gedenken an Lothar Bisky)