Matthias Höhn

Zwischen Kette und Kotelett

Matthias Höhn

Der "Tatort" war diesmal ein Fernsehstudio in Berlin-Adlershof und weder Stimmung noch Spannung wollten so recht aufkommen. Das große TV-Duell zur Bundestagswahl zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Peer Steinbrück in Gegenwart von vier Befragenden verkam vom Kreuzverhör zu sedierenden 2+4-Gesprächen - allein "Kommissar" Raab gelang es je einmal, die Verdächtigen aus der Reserve zu locken.

Aber sonst? Die Kanzlerin hatte nichts zu verlieren als ihre Kette, so scheint es und im Amt wird sie wohl bleiben. Der Kandidat hat gezeigt, dass er mehr kann als in Fettnäpfchen treten, Kanzler aber wird er deshalb noch lange nicht. Wer dermaßen an "Ausschließeritis" erkrankt ist, dem hilft der höhere Unterhaltungswert auch nicht. Dem geht es mehr ums Ego, als ums Land. Mag sein, dass ihm der Titel "King of Kotelett" ja reicht.

DIE LINKE hat am Montag eine Bilanz von 8 Jahren Merkel vorgestellt, vier davon regierte sie gemeinsam mit ihrem Herausforderer. Merkels Bilanz ist ein Desaster und dies nicht nur durch die Brille der sozialen Gerechtigkeit. Ein paar Zahlen und Fakten müssen sein:

  • 1,3 Millionen Beschäftigte müssen ihren Lohn vom Amt aufstocken lassen
  • 7 Millionen Menschen beziehen Niedriglöhne
  • 800.000 Leiharbeiter gibt es, weit schlechter bezahlt als Stammbelegschaften
  • Angleichung der Ostrenten auf ewig verschoben
  • Renten, die zum Leben nicht mehr reichen
  • Zwei-Klassen-Medizin
  • steigende Miet- und Energiekosten
  • und, und, und…

Wir sehen, Merkels To-Do-Liste (kurz und neudeutsch: Mutti-Zettel) ist lang - und das auch, weil sie vieles seit Jahren einfach nicht anpackt. Bei so gut wie jedem Thema kommt von ihr im Wahlkampf ein "das wollen wir noch", ein "daran werden wir noch" oder ein "da muss man noch". Vier weitere Jahre zum Aussitzen gönnen wir ihr dennoch nicht, das hält das Land auch gar nicht aus.

Am 22. September muss Schluss sein mit der Merkel-Ära. Deshalb DIE LINKE wählen - denn wir sind die einzigen, die "Angie" garantiert keine Stimme geben.

Erfrischender war da der televisionäre Dreikampf der Spitzenkandidaten der kleineren Parteien mit dem größeren Gewicht am Montagabend. Brüderle, Trittin und Gysi hatten zwar weniger Zeit als die beiden "Großen" und nutzten diese aber weitaus besser. Hier war auch die Unterscheidbarkeit höher, die Kanten klarer und die Positionen eindeutig. Hier wurden unterschiedliche Konzepte deutlich und nicht simuliert, wie bei Merkel und Steinbrück. Hier krachten die Hörner aneinander, weit weg vom Kampfkuscheln mit Moderation am Vorabend.

Überall wird eine weiter abnehmende Wahlbeteiligung prognostiziert. Ich hoffe sehr, dass es solche Veranstaltungen wie der politische Dreikampf sind, die Wählerinnen und Wähler davon überzeugen, dass "Wählen gehen" lohnt. Dass Demokratie nicht nur lebendig ist, sondern gelebt werden muss. Es wäre schlimm, wenn vom Wahlkampf statt Inhalten und Positionen kaum mehr bliebe, als eine schwarz-gelb-rote Halskette und ein Rippenstück mit Knochen.