Wir streiten für eine Gesellschaft ohne Angst

Rede von Katja Kipping bei der Bewerbung als Parteivorsitzende

Liebe Genossinnen und Genossen, Katharina und ich mussten heute schwere Entscheidungen treffen. In all dem Trubel will ich mal sagen: Hier im Saal ist eine ganz hervorragende Entscheidung getroffen worden, nämlich dass wir uns jetzt auf eine Höhe für die Mindestrente verständigt haben von 1050 Euro. Das habt Ihr super gemacht. Das war sehr wichtig, dass wir uns darum gestritten haben. Jetzt wissen alle, wir als LINKE wollen eine Mindestrente.

Ich hätte her gern um eine weibliche Doppelspitze geworben. Wir haben dafür viel Zuspruch erhalten. Aber wir haben auch deutliche Signale bekommen. Der Wunsch bei den unterschiedlichen Lagern, dass es eine Richtungsentscheidung auf der gemischten Liste gibt, ist so groß, dass, wer immer von uns da angetreten wäre, dazwischen zerrieben worden wäre. Deswegen haben wir entschieden, wir gehen den gemeinsamen Weg etwas anders. Ich kandidiere nun für den Vorsitz. Ich freue mich sehr, dass Katharina als Stellvertreterin antritt.

Liebe Genossinnen und Genossen, ich kandidiere, weil ich meine, es braucht eine LINKE, die den Aufbruch wagt, weg vom Lagerdenken, hin zum gemeinsamen Handeln. Diese Gesellschaft braucht eine gemeinsam handelnde LINKE. In Deutschland äußert sich in der Tat die Krise anders als in Griechenland, eher in der Prekarisierung der Lebens- und Arbeitswelt. Man kann es jetzt mit Fremdwörtern ausdrücken. Man kann aber auch einfach sagen, in der Zunahme von Angst, Angst, den Job zu verlieren und sei er noch so schlecht, Angst vor dem Stress, in der gleichen Zeit immer mehr leisten zu müssen, Angst, als Erwerbsloser auf dem Amt gedemütigt zu werden. Ja, Prekarität hat verschiedene Gesichter. Das betrifft sowohl die Menschen am Laptop wie die Menschen, die den Wischmopp schwenken müssen. Die Herrschenden versuchen nun alles, aber auch alles, die Menschen gegeneinander auszuspielen und den Eindruck zu erwecken, die LIDL-Verkäuferin hätte auch nur einen Cent mehr in der Tasche, wenn es den Erwerbslosen schlechter geht. Wir aber wissen, die Verkäuferin hat eben keinen Cent mehr in der Tasche, wenn es den Erwerbslosen schlechter geht. Wir wissen, sie haben gemeinsame Interessen. Deswegen halten wir es mit dem Slogan: "Prekarisierte aller Länder vereinigt euch". Wir streiten für eine Gesellschaft ohne Angst. Wichtige Schritte dafür sind die Abschaffung von Leiharbeit und die Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen.

Liebe Genossinnen und Genossen, diese Gesellschaft braucht eine gemeinsam handelnde LINKE, weil es so viele Menschen im Land gibt, die keine Lobby haben. Die ungleiche Verteilung von Vermögen ist auch eine zutiefst demokratische Frage. Ich will das mal an einem Beispiel verdeutlichen: Die Energiekonzerne können locker flächendeckend ganzseitige Anzeigen für ihre Propaganda schalten, während es im Gegenzug sehr viele Menschen im Lande gibt, die sich nicht einmal eine Kleinanzeige für eine Mitfahrgelegenheit leisten können, um zur Anti-Atom-Demo fahren zu können. Deswegen, liebe Genossinnen und Genossen, der Macht der Millionäre, der Macht der Konzerne setzen wir etwas dagegen: die Macht der Menschen, die keine Lobby haben, der vielen, die so oft zerstritten sind und die doch in einem Boot sitzen.

Nachdem ich mich entschieden habe, zu kandidieren, habe einige meiner Freunde gesagt, damit bist du Bartsch-Verhinderin. Das hat mir zudenken gegeben. Aber ich habe mir gesagt: Wer von denen, die entschlossen sind, Dietmar oder Bernd auf der gemischten Liste zu wählen, wird das wirklich davon abhängig machen, ob Dora oder ich gewählt werden. Wir haben immer wieder gehört, es gibt den Wunsch nach einer Richtungsentscheidung. Es geht eben nicht um Ost- oder Westproportion. Dann bitte behandelt das auch nicht als solche. Wir haben ein Problem, dass das Wahlverfahren Frauen einfach nur in die Rolle von Bräuten macht. Das ist ein Problem. Deswegen, liebe Genossinnen und Genossen, wenn wir hier über Ost-West reden. Ich selber pendle inzwischen zwischen West-Berlin und Dresden. Mein Freundeskreis ist voll von Mischehen. Meine Tochter im Übrigen ist so gesehen ein reiner Ost-West-Mischling. Für meine Generation ist das nicht mehr das zentrale Kriterium. Wir finden, es gibt eher Strömungsauseinandersetzungen in der Partei. Dann lasst uns offen darüber reden. Aber lasst es uns nicht verschleiern, jetzt hier daraus eine Ost-West-Auseinandersetzung zu machen. Entscheidet selber, welche Kandidatin und Kandidaten ihr richtig findet, welche Ihr hier vorne sehen wollt. Aber lasst uns diese ganze Ost-West-Verkeilung auflösen!

Ein weiterer Einwand lautete: Strahlst du denn genügend Autorität aus. Wenn man so die Reden von Gregor und Oskar hört, dann sage ich mir: Wer hier im Saal rhetorisch mithalten kann, der stehe auf. Also wenn die Vorsitzendenwahlen ein reiner Gregor-und-Oskar-Imitationswettbewerb wären, ich hätte mich nicht entschieden zu kandidieren. Vielleicht hätten das Andere gekonnt, weil manche Sachen kann man einfach nicht wiederholen. Vielleicht ist das, was ich einbringen kann, die Vision einer erneuerten LINKEN, der Aufbruch in Richtung neue LINKE und vielleicht auch – den Wettbewerb um die Lautstärke werde ich nicht gewinnen –, vielleicht den Wechsel in der Tonlage kann ich einbringen in das Projekt unserer gemeinsamen Partei.

Liebe Genossinnen und Genossen, es gibt auch die eine oder andere menschliche Verwerfung in unserer Partei, vielleicht auch durch diesen Parteitag, vielleicht sogar durch meinen Antritt. Aber wir müssen irgendwie damit umgehen. Ich habe mich manchmal gefragt, was Menschen, wie Stefan Heym oder Rudolf Bahro, mit denen ja die SED wirklich nicht glimpflich umgegangen ist, bewogen hat, 1990 auf die PDS zuzugehen, ja sogar für sie zu kandidieren. Wir können sie nicht mehr fragen, aber wir können in ihren Büchern nachlesen. Ich glaube, es war vor allen Dingen eines: Sie waren Sozialisten, und Sozialisten, für die klar war, dass ein Sozialismus ohne Humanismus nicht geht, und sie wussten, dass man Humanismus, also Mitmenschlichkeit, nicht nur postulieren, sondern auch praktizieren muss. Ihnen war klar, dass man eine Menschlichkeit nicht nur für die Welt fordern kann, sondern sich auch menschlich zu seinen Mitstreitern verhalten muss. Das, liebe Genossinnen und Genossen, muss doch auch möglich sein, dass wir unter uns menschlich miteinander umgehen, bei all dem Streit.

Lasst mich abschließend noch auf einen Punkt eingehen: Auf einer Regionalkonferenz sagte eine Genossin: Ich bin ehrenamtlich hier und verbringe einen Großteil meiner Freizeit mit dieser Partei. Ich habe ein Recht darauf, dass diese Zeit nicht als Zumutung empfunden wird. Sie hat recht. Doch wie ist es um viele unserer Veranstaltungen bestellt. Wir haben ganz lange Reden von vorne. Ja, manchmal können doch schon kleine Veränderungen etwas bewirken. Nehmen wir uns in Zukunft mehr Zeit für Pausen zum Austausch. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass am Ende von unserem Parteitag noch Zeit bleibt, um gemeinsam zu trinken und zu tanzen.

Genossen, das ist nicht nur eine Anrede unter uns. Genossen, ist auch eine Zeitform des Verbes genießen. Ja, wir haben es genossen. Tragen wir gemeinsam Sorge dafür, dass wir auch am Ende vieler Tage sagen können: Liebe Genossinnen und Genossen, ich habe die Zeit mit Euch auch heute genossen.

Vielen Dank!