Identität eines Roten

DIE LINKE in Deutschland ehrte Alfred Hrdlicka aus Anlass seines bevorstehenden 80. Geburtstages mit einem Empfang in der Galerie Berlin - Auszüge as der Rede von Oskar Lafontaine

Als sich am Samstag, dem 16. Juni 2007, die ostdeutsche PDS und die westdeutsche WASG in Berlin zur Partei Die Linke zusammenschlossen, saß Alfred Hrdlicka mit seiner Frau Angelina in der ersten Reihe. Während die Delegierten die Gründung ihrer neuen Partei beklatschten, lehnte sich der oft grimmig dreinblickende Wiener Bildhauer zurück und lächelte zufrieden. Er ist so etwas wie ein heimlicher Pate der neuen Linken. Hatte er doch Gregor Gysi und mich immer wieder bedrängt, erneut politisch aktiv zu werden und etwas zusammen zu machen.

Begonnen hat meine Freundschaft mit Alfred Hrdlicka Mitte der 80er Jahre in Hamburg. Auf einer Party, deren Gastgeber der damalige Chefredakteur des Spiegel, Erich Böhme, war, sah ich ihn zum ersten Mal. Durch seine Standardmontur schwarzer Pullover, schwarze Jeans, schwarze Stiefel nicht abgelenkt, studierte ich seinen Charakterkopf und seine ausdrucksstarken Hände. Die unbändige Kraft, die er ausstrahlte, schlug mich in ihren Bann. Wir kamen miteinander ins Gespräch, und eine langjährige Freundschaft begann.

Seine Kunst erschloß sich mir in der folgenden Zeit über die Aura seiner Person. Jedes Mal, wenn ich vor einer seiner großen Skulpturen stand, sah ich ihn selbst. Ich sah ihn im Gekreuzigten, in den Schächern, im Marsyas, im Orpheus, im Pasolini, im die Straße schrubbenden Juden auf dem Albertinaplatz, im Gladiator und im Proletarier des Engels-Denkmals in Wuppertal, der nichts zu verlieren hat als seine Fesseln. Später stieß ich auf seine Einleitung zum Bildhauerbuch 1973, in der er diese Wahrnehmung seiner Kunst bestätigt: »Bildhauerei demonstriert Körpergefühl, ist Schaustellung der eigenen Physis und Neigungen, nahe am Striptease, dessen Technik der partiellen Freilegung, Entblößung, Bloßlegung der ›Taille directe‹, der unmittelbaren Arbeit in Stein, dem allmählichen Heraustreten der Figur aus dem Block, wesensverwandt ist.«

Kunst als Anklage


Ebenso wie von Hrdlickas Plastiken und Skulpturen bin ich von seinen Bildern, Grafiken und Radierungen fasziniert. Sie erinnern mich in ihrer Expressivität an Goya, dessen Werke mich bei jedem Madrid-Besuch in den Prado locken. Wenn ich die schwarzen Bilder der »Quinta del Sordo« (Haus des Tauben) oder die Zeichnungen der »Desastres de la Guerra« (Die Schrecken des Krieges) sehe, kommen mir die Werke Alfred Hrdlickas in den Sinn. Wie der große Spanier ist der Wiener Künstler in seiner Widerspenstigkeit und Leidenschaft ein schonungsloser Beobachter seiner Zeit. Wie Goya seziert er mit seiner spitzen Radiernadel die Welt, die ihn umgibt. Er setzt sich moralisch mit der Gesellschaft auseinander und hält ihre Gewaltausbrüche in Bildern und Zeichnungen fest, die wie Protestschreie wirken. Er identifiziert sich mit den Menschen, die er darstellt, und mit ihren Leidenschaften.

Hrdlicka hat keine Scheu, sich selbst zur Schau zu stellen, heißt das doch bei ihm, sich kritisch einzubeziehen in die Leidensgeschichte der Menschheit, in das ewige Drama von Unrecht und Gewalt. Dabei entdecke ich in seinen zahlreichen Selbstbildnissen eine ironische Distanz, eine oft melancholisch daherkommende Selbstironie. Das 1989 entstandene Bild »Identitätskrise eines Roten« hat es mir angetan. Der Künstler trägt eine Mao-Weste, und sein Gesicht ziert ein Bart, der sich aus den Bärten von Marx, Lenin und Stalin zusammensetzt. Mit dieser Darstellung nahm Alfred Hrdlicka die ewigen Fraktionskämpfe der Kommunisten aufs Korn und gab sich als unorthodoxer Linker zu erkennen. Ein Querdenker, der sich von keiner modischen Strömung vereinnahmen läßt, ist er bis zum heutigen Tage geblieben. Trotz aller Rückschläge und Verbrechen des Realsozialismus ist Hrdlicka nicht bereit, die Utopie einer freieren, gerechteren und menschlicheren Gesellschaft aufzugeben. Wie könnte er auch, ist doch seine Kunst eine einzige Anklage gegen Unrecht, Gewalt und Unterdrückung, ein nicht enden wollender Versuch, durch Aufklärung das menschliche Gewissen zu wecken.

Dabei weiß er, daß es keine endgültigen Wahrheiten gibt. In seinen Werken dominiert das Bruchstückhafte, das Unvollendete. Es ist kein Zufall, daß seine Figuren aus Stein Torsi sind. Einen Höhepunkt erreicht diese Formensprache in dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, das auf dem Albertinaplatz in Wien steht. Was wurde nicht alles versucht, um dieses Denkmal zu verhindern. Alfred Hrdlicka hat sich durchgesetzt. Das Denkmal ist heute, wie ich mich selbst des öfteren überzeugen konnte, fester Anlaufpunkt touristischer Stadtrundfahrten in Wien.

Kritik der Abstraktion


Faschismus, »Drittes Reich« und Auschwitz lassen Alfred Hrdlicka nicht mehr los. Für ihn ist der Faschismus »Empirie«. Er hat ihn als Kind und Jugendlicher kennengelernt. Die stramme patriotische Erziehung, die man ihm angedeihen ließ, hat ihm zu einem untrüglichen Instinkt für präfaschistische Geisteshaltung und Seelenmassage verholfen. Die proletarische Kultur der Arbeitersiedlung, in der er aufgewachsen ist, hat ihn geprägt. In einem SS-Werbelager, in das man ihn eingeladen hatte, wurde er zum einzigen Neinsager. Unter Berufung auf seinen Vater, der als Kommunist in einer Strafkompanie der Organisation Todt war, lehnte er das verlockende Karriereangebot der Nazis ab. Das Lagerleben – »Donnerbalkenromantik, Bettenbau, ein Lied« – war ihm zuwider.

Nicht die Einsicht in die politischen Zusammenhänge, so schreibt er, ließ ihn die Nazis hassen, sondern das andauernde Männchenmachen und Herumgehampel. Das Menschenbild der Nazis ist für Hrdlicka ein abstraktes und konstruiertes. Von dieser Erfahrung ausgehend, schlägt er die Brücke zur Moderne. Wie der Faschismus der Nazis, so hat auch der Technofaschismus funktionalistische Absichten mit dem Menschen und reduziert ihn zum Menschenmaterial. Der Technofaschismus hielt nach den Beobachtungen Hrdlickas nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug in die Kunst. Die Kunstwerke »bestachen« durch die Nachahmbarkeit eines Industrieproduktes. Er schreibt: »Produktion und Interpretation marschieren in Reih und Glied«. Der Mensch wird in dieser Kunst zur Persona non grata.

So könne es eines Tages auch dem Staatsbürger gehen, warnt er in seinem berühmten Essay »Die Ästhetik des automatischen Faschismus« (1983). Er schreibt: »Der Staat muß die Einrichtungen, die er zum Wohl des Bürgers geschaffen hat, vor dem Bürger schützen und diesen somit mehr oder weniger abschaffen, das heißt: ihn zwar als notwendiges Übel akzeptieren, aber auf ein durchprogrammiertes Wesen reduzieren.«

Hier zeigt sich Hrdlicka als Visionär. Ob man seine radikale Kritik der abstrakten Kunst teilt oder verwirft, im Ergebnis klingen diese Sätze hochaktuell. Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus muß der Staat die Freiheit vor dem Bürger schützen, ihn unter Generalverdacht stellen und ihn so als Staatsbürger, als Citoyen abschaffen. Über die Kritik der abstrakten Kunst findet Hrdlicka zu einer Gesellschaftsanalyse, die der von Soziologen ähnelt. Sie warnen vor dem schleichenden Autoritarismus, der mit der Globalisierung einhergehe.

Weil der Mensch aus der bildnerischen Vorstellungswelt eliminiert wurde, hat der Künstler nach Hrdlickas Auffassung in der bildenden Kunst die Neutronenbombe gezündet. Brechts Appell an die Jünger der abstrakten Kunst: »Zeigt lieber auf euren Bildern, wie zu unserer Zeit der Mensch dem Menschen ein Wolf ist« (aus: »Über gegenstandslose Malerei«, 1939/40 – d. Red.) könnte von Hrdlicka stammen. Ist es zu weit hergeholt, Parallelen zum globalen Raubtierkapitalismus zu ziehen, der die Menschen in seiner maßlosen Profitgier zum Kostenfaktor degradiert hat? In der Moderne und Postmoderne mit ihren Irrungen und Wirrungen wirkt ein Künstler wie Al­fred Hrdlicka wie ein Leuchtturm, weil er daran festhält, daß die Kunst sich um den Menschen dreht. So wurde er zu einem der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. In einer Welt, die sich am wirtschaft­lichen Erfolg und dem technischen Fortschritt berauscht, gibt er den Erniedrigten und Beleidigten eine Stimme.

So arbeitet er immer noch. Der in dieser Ausstellung gezeigte Zyklus (»1000 und viel mehr Kriegsverbrechen im Irak«, 2004 – d. Red.) ist eine Anklage gegen Terror, Krieg und Folter. Die Titel der Bilder sprechen für sich: »Demokratische Verhörmethoden«, »Verhör mit Hund« und »Religion und Rassenhaß«. Ja, warum sind Religion und Rassenhaß immer wieder Ursachen mörderischer Kriege?

Leitbild für Die Linke

Kürzlich sagte ich, daß jede Partei zu ihrer kulturellen und sozialen Selbstdefinition Leitbilder braucht. Ich nannte Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Für mich gehört auch Alfred ­Hrdlicka zu den Leitbildern, die der Linken Orientierung geben. Mit jeder seiner großen Skulpturen, mit jeder Zeichnung schleudert er sein »J'accuse« in die gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit. Als politisch engagierter Künstler unterscheidet er sich wohltuend von den Mitläufern des Zeitgeistes, für die als schlechtes Beispiel Günter Grass steht. Früher auf seiten der Friedensbewegung, rechtfertigte er später den völkerrechtswidrigen Krieg in Jugoslawien. Heute wieder soziale Gerechtigkeit fordernd, will er vergessen machen, daß er in der Bundestagswahl 2005 für Hartz IV und die Agenda 2010 warb. Und wenn er der Linken Geschichtsklitterung vorwirft, weil sie sich auf den demokratischen Sozialismus beruft, wirft er im Glashaus mit Steinen. Wer seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS verschwiegen hat und jahrelang Menschen, die im Nationalsozialismus Mitläufer waren, anklagte, sollte sich schämen und schweigen. Wer Kriege und Sozialabbau befürwortet, ist kein demokratischer Sozialist. Für uns gilt Willy Brandts Nobelpreisrede: »Krieg ist nicht die Ultima ratio, sondern die Ultima irratio«.

Als SPD-Vorsitzender sorgte ich dafür, daß Alfred Hrdlickas Skulptur, die Robespierre mit dem Haupt Dantons in der Hand zeigt, im ­Willy-Brandt-Haus ausgestellt wurde. Noch heute bereitet es mir klammheimliche Freude, wenn ich mir vorstelle, wer da alles vorbei muß. Noch mehr würde es mich freuen, wenn eine weitere Skulptur Hrdlickas in Berlin aufgestellt würde. Ich denke an den »Schreibtischtäter«. Standort: Topographie des Terrors. Dafür sollten wir alle werben.

Vom »Ça ira, ça ira« der Jakobiner bis zum Fall der Mauer und dem Ruf »Wir sind das Volk« spannt sich der Bogen des künstlerischen Schaffens von Alfred Hrdlicka. Seine Kunst klagt an, klärt auf und rüttelt wach. Seine Kunst ist keine Unterwerfung, sondern Kritik der gesellschaftlichen Mißstände. Apropos: Schon vor der friedlichen Revolution des Jahres 1989 zeigte sich die subversive Kraft der Kunst in der DDR. Wer hören und sehen konnte, ahnte die kommende Veränderung. Die Linke muß wissen, daß die Kunst ihr oft voraus ist. Wir sind Alfred Hrdlicka dankbar, daß er uns mit Sympathie und Freundschaft begleitet.

Leicht geänderte Fassung der am 19. Januar 2008 in der Galerie Berlin (Auguststr. 19, 10117 Berlin-Mitte) gehaltenen Rede. Die Ausstellung »Alfred Hrdlicka. Plastiken, Zeichnungen, Radierungen« zu seinem 80. Geburtstag am 27. Februar ist noch bis 1. März zu sehen (Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonnabend 12 bis 18 Uhr)