Stefan Doernberg zum 85. Geburtstag

Grüße eines reisenden Parteivorsitzenden anlässlich der Festsitzung des Ältestenrates der Partei DIE LINKE am 30. Juni 2009

Wir würdigen heute in einer Festsitzung des Ältestenrates Prof. Dr. Stefan Doernberg. Er feierte am vorvergangenen Sonntag seinen 85. Geburtstag. Es wäre schön gewesen, heute dabei zu sein, doch wie ich Stefan Doernberg kenne, findet er es genauso wichtig, dass der Vorsitzende der LINKEN seine Arbeitsaufnahme in Brüssel nicht versäumt, damit die Linke in Europa wieder stärker wird und wichtige Fragen einer friedlichen und solidarischen Entwicklung beherzt und engagiert ins 21. Jahrhundert trägt. Man kann es auch so ausdrücken. Ich (Lothar Bisky) kann heute leider nicht hier sein, weil ich beitragen möchte, das fortzusetzen, wofür Stefan Doernberg gelebt, gekämpft und in konfliktreichen Situationen immer eingestanden ist.

Das Wohl und Wehe linker Politik voller historischem Verständnis und weltpolitischen Verstand, genau das beschäftigt Stefan bis heute. Er ist stellvertretender Vorsitzender im ersten Ältestenrat der neuen LINKEN. Und so haben wir das Glück, weiterhin von seiner Aktivität und seinem analytischen Geist zu profitieren, die er als jahrelanger Vorsitzender des Ältestenrates der PDS eingesetzt hat, um die programmatische und politische Arbeit zu bereichern.

Für die Fülle an Lebenserfahrungen, die mit Stefan Dornbergs Wirken verbunden sind, reichen weder zwei Buchdeckel, noch eine abendfüllende Dokumentation. Sein Leben inmitten des sogenannten kurzen 20. Jahrhunderts beginnt in Berlin Wilmersdorf und Steglitz - inmitten der goldenen Zwanziger, genau im Jahre 1924. Um nur wenige Skizzen der Zeit zu zeichnen, kann man darauf verweisen, dass 1924 Hitler de facto freigesprochen wurde nach dem Putsch in München und dem damaligen Verbot der NSDAP. Es ist das Jahr, in dem in Genf im Völkerbund erstmalig ein einstimmiges Protokoll unterzeichnet wird, in dem der Angriffskrieg geächtet wird. Im selben Jahr gründet die KPD den Rotfronkämpferbund.

Im Jahre 1924 wird auch das erste Fax über den Atlantik geschickt und Albert Einstein entwickelt physikalische Thesen, die erst 1995 experimentell untermauert wurde. 1924 wurde die Rhapsodie in Blue von Gershwin geschrieben und auch die Krasnaja Swesda gegründet - und um zum Geburtsort von Stefan Doernberg zurückzukehren - 1924 wurde in Berlin die erste Funkausstellung eröffnet.

Stefan Doernberg ist das Kind einer jüdischen Familie, Sohn eine Ingenieurs, der 1917 aus der SPD in die USPD eintrat und nach der Novemberrevolution Mitglied der KPD wurde. Es vergehen keine neun Jahre seines Lebens und es beginnt die Emigration nach Frankreich und 1935 in die Sowjetunion. 1941 erwarb er das Abitur in Moskau. Dann sollte nicht einmal ein einziger Sommer ins Land gehen, da überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion. Vom ersten Tage an meldete sich Stefan Doernberg in einer Freiwilligenbrigade gegen die Aggressoren. Zuerst im Raum Smolensk und bei Moskau. Von 1943 bis 45 kämpfte er als Offizier in der legendären Stalingrader Gardearmee und war beteiligt an der Befreiung der Ukraine, Belorusslands, Polens - und wie viele von uns wissen - an der Befreiung Berlins.

Seine Rückkehr nach Berlin füllte Stefan nach einer kurzen Episode in der sowjetischen Militärverwaltung mit der Arbeit als Journalist und außenpolitischer Redakteur bei der "Täglichen Rundschau" aus. 1947 begann er Geschichte zu studieren und diese Ausbildung war - neben den biografischen Erfahrungen, die ich eingangs geschildert habe - die Grundlage seines jahrzehntelangen Wirkens als Forscher der Zeitgeschichte und als Hochschullehrer.

Dass die Geschichte des zweiten Weltkrieges, die deutsch-deutschen Beziehungen aus europäischer Perspektive im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren, ist kaum verwunderlich. 1970 gehörte Stefan Doernberg zu den Begründern des DDR-Komitees für europäische Sicherheit und Zusammenarbeit. Seit 1987 war er zugleich Präsident dieses Gremiums.

Vielleicht erscheint es übertrieben in einer Laudatio auch noch eigene Worte des Jubilars zu zitieren. Doch die Zeit nach Stalins Tod hautnah erlebt zu haben und zugleich zeitgeschichtlich übergreifende politische Schlussfolgerungen zu ziehen, war keine Selbstverständlichkeit. Über Lehren aus dem XX. Parteitag der KPdSU schrieb Stefan Doernberg: "Drei Aspekte hielt ich für besonders wichtig. Erstens die überzeugende neue These, dass es angesichts der Veränderungen im internationalen Kräfteverhältnis keine schicksalhafte Unvermeidbarkeit von Kriegen gebe. … Zweitens betonte der Parteitag, dass es möglich sei, verschiedene Formen des Übergangs zu einer sozialistischen Entwicklung zu wählen. …Drittens orientierte der Parteitag darauf, eine umfassende Demokratie in allen Bereichen des staatlichen wie gesellschaftlichen Lebens durchzusetzen, Parteiarbeit inklusive." (In: "Fronteinsatz. Erinnerungen eines Rotarmisten, Historikers und Botschafters" S. 186/187) Die weitreichende Gültigkeit dieser Interpretation liegt auf der Hand.

Wie uneingelöst vieles davon bis 1989 – und auch danach - geblieben war, wissen wir. Deshalb möchte ich den Jubilar - der in den 80ern in Finnland als Botschafter tätig war - zugleich noch mit folgender Sicht aus seinen Erinnerungen zu Wort kommen lassen: "Die Geschichte sei immer offen, und sie nutzte in ihrem Verlauf zwar die Erfahrungen der Vergangenheit,. richtete sich aber nicht nach diesen. Schon gar nicht folge sie Vorgaben von Politikern oder Gelehrten." (Ebenda, S.192)

Wenn jemand Umfassendes zur Zeitenwende 1989/90 zu sagen hat, so ist es Prof. Stefan Doernberg. Er teilt mit vielen die Ansicht, dass hier nicht etwa nur deutsche Geschichte geschrieben wurde, sondern das formale Ende der Blockkonfrontation weltweit Bedeutung hatte. Dies widerspiegelt sich zugleich in seinen Tätigkeiten ab den 90er Jahren wider. Er wirkte im Vorstand des Verbandes Deutscher in der Resistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung "Freies Deutschland" e. V. Er ist Mitglied des Beirats der Gedenkstätte "Seelower Höhen".

Abschließend muss ich nochmals auf das unermüdliche Wirken von Stefan Doernberg in der Partei verweisen. Und da haben wir alle nicht nur die Fachlichkeit des Historikers und Politikers kennengelernt, wir wissen um Stefans lebendige herzliche Art zu Debattieren und auch zu Erzählen, von Lebenserfahrungen, die man in ihrer Fülle nur schwer erfassen kann.

Wenn wir Stefan Doernberg - heute in einer Festsitzung des Ältestenrates ehren - so ist dies mit einem großen Dank, einer tiefen Hochachtung verbunden und mit der Hoffnung, dass wir noch lange auf ihn zählen können. Lieber Stefan, Du wirst gebraucht - in der LINKEN, im Ältestenrat.

Lothar Bisky