"Die Meinungsfreiheit muß höher stehen als die Parteidisziplin"

Zum 25. Todestag von Wolfgang Abendroth am 15. September 2010

"Wird das Ja zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, der Wille zur Verteidigung des demokratischen Staates, durch das abstrakte Ja zum jeweiligen Staat, in dem wir leben, ersetzt, so ist die schiefe Ebene erneut betreten, auf der das deutsche Volk schon einmal von der Demokratie zum Unrechtsstaat abgeglitten ist."

Mit dieser programmatischen Aussage trat Wolfgang Abendroth in der Debatte um die Notstandsgesetze zu Beginn der Diffamierung als Verfassungsfeind entgegen. Der Verfassungsjurist und Politikwissenschaftler war weit davon entfernt, die Definition über Demokratie und Rechtsstaatlichkeit den Innenministern und Parteiführungen zu überlassen. Mit seinen radikaldemokratisch-sozialistischen Positionen hat Abendroth die westdeutsche Linke wie kaum ein anderer geprägt: in der Auseinandersetzung um Wirtschaftsdemokratie in den 1950er Jahren ebenso wie bei der Bewegung gegen die Wiederbewaffnung oder der Studenten- und Jugendbewegung Ende der 1960er Jahre.

Abendroth, der am 2. Mai 1906 in Wuppertal-Elberfeld geboren wurde, gehörte in der Weimarer Zeit zu jenen Grenzgängern zwischen SPD und KPD, die am Ziel einer sozialistischen Gesellschaft festhielten, ohne sich dem Führungsanspruch der Sowjetunion zu unterwerfen. Gleichermaßen von der Jugend- und der Arbeiterbewegung geprägt, war für ihn die eigene Urteilskraft wichtiger als die Organisationsdisziplin.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 konnte Abendroth seine Ausbildung zum Juristen nicht fortsetzen; insgesamt vier Jahre musste er im Zuchthaus verbringen. Während des Krieges wurde er zum Strafbatallion 999 einberufen und nach Griechenland verlegt. Dort gelang es ihm 1944, zu den griechischen Partisanen überzulaufen, bevor er in britische Kriegsgefangenschaft geriet. Im Gefangenenlager in Ägypten gründete er eine Wüstenuniversität zur Schulung von Fachleuten für den demokratischen Neuaufbau.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland setzte Abendroth in der sowjetischen Besatzungszone seine juristische Laufbahn fort. 1946 trat er der SPD bei und geriet alsbald in Konflikt mit der SED. 1948 flüchtete er in die Westzonen. Zunächst mit der Gründung der Reformhochschule in Wilhelmshaven betraut, wurde er 1950 an die Universität Marburg berufen. Mit ihm wurden "Marburg" bzw. die "Marbuger Schule" über mehrere Studentengenerationen hinweg zum Synonym für eine kritische geisteswissenschaftliche Universitätsbildung. Als der SPD-Parteivorstand den Sozialistischen Deutschen Studentenbund 1961 ausschloss, hielt Abendroth an seiner Unterstützung der sozialistischen Studenten fest und wurde ebenfalls aus der Partei ausgeschlossen. Er könne, schrieb er an den Publizisten Eugen Kogon, im Konflikt mit dem SPD-Parteivorstand nicht nachgeben, da ihm die "Meinungsfreiheit höher stehen muß als die Parteidisziplin".

Ein besonderes Anliegen war Wolfgang Abendroth immer die Verteidigung des Grundgesetzes als eine auch für sozialistische Programmatik offene Verfassungsnorm. Im Kampf um die demokratischen und sozialen Rechte kommt man auch heute an den Argumentationen Abendroths nicht vorbei. Die Identifizierung der Interessen von Großkonzernen mit einem fiktiven Allgemeinwohl, die Entlassung von Arbeitnehmern wegen Bagatellfällen oder die Aushandlung von gesetzlichen Regelungen mit den betroffenen Lobbyisten selbst hätten seinen entschiedenen Widerspruch hervorgerufen.