Disput

Ausdauernd gegen Krieg

Hochbetagte ehemalige DDR-Militärs haben ein Standpunktepapier zur sicherheitspolitischen Lage vorgelegt

Von Susanne Lang

Heute wünsche ich mir nichts sehnlicher, als das mein dreijähriger Urgroßenkel in einem friedlichen Europa aufwachsen kann.« Raimund Kokott blickt sorgenvoll in die Zukunft. Der ehemalige Generalmajor der NVA hatte nach dem Ende der Ost-West-Blockkonfrontation gehofft, die Kriegsgefahr in Europa sei gebannt. Doch jetzt blickt er auf eine Welt mit Kriegen und ein Europa mit Kriegsgefahr: »Für uns ist das eine unerträgliche Vorstellung, dass in Europa ein Krieg wieder denkbar ist.«

Raimund Kokott ist nicht der einzige ehemalige DDR-Militär, der sich um Sicherheit und Frieden in Europa ernsthafte Sorgen macht. Gemeinsam mit Wolfgang Neidhardt, Generalleutnant a. D., und Eckart Schlenker, Oberst a. D., ist er mit etwa 25 anderen ehemaligen DDR-Militärs friedenspolitisch in einem Diskussionszirkel verbunden. Seit 20 Jahren treffen sie sich einmal monatlich und analysieren die friedenspolitische Situation, veröffentlichen Stellungnahmen, organisieren aber auch Proteste.

Sie gehören zu den Erstunterzeichnern des 2015 initiierten Aufrufs »Soldaten für den Frieden«. Fast alle hochrangigen DDR-Militärangehörigen unterzeichneten den Aufruf, in dem eindringlich vor einer militärischen Eskalation durch die NATO und deren Aufrüstung gewarnt wird. Stattdessen fordern sie eine europäische Sicherheitskonzeption unter Einbeziehung Russlands. »Weil wir sehr gut wissen, was Krieg bedeutet, erheben wir unsere Stimme gegen den Krieg, für den Frieden«, endet der Aufruf.

Mit ihrer ernsthaften Sorge um den Frieden in Europa sind sie nicht allein. Die Aktivisten der pazifistischen Friedensbewegung stellen dieselben Forderungen, auch wenn die Analysewege durchaus unterschiedliche sind: Dialog statt Konfrontation und Abrüstung statt Aufrüstung.

Militärs, die gegen Militäreinsätze sind? Was in manch pazifistischem Ohr wie ein Widerspruch klingen mag, bringt Raimund Kokott, Wolfgang Neidhardt und Genossen inzwischen zum Schmunzeln. 27 Jahre nach der Wende sind DDR-Biografien für viele Menschen heute immer noch völlig unbekannt. »Nach dem Beginn der Wiederaufrüstung in Westdeutschland sind wir in die bewaffneten Kräfte der NVA eingetreten. Die abgrundtiefe Ablehnung von Krieg und das unbedingte Bedürfnis, einen Krieg von deutschem Boden zu verhindern und unsere Heimat zu beschützen, waren unsere zentrale Motivation«, sagt Wolfgang Neidhardt. »Schließlich haben wir den Krieg ja alle noch als Jugendliche erlebt.« Darum würden sie nicht ruhen, sich weiter für den Frieden stark zu machen – auch wenn der Älteste ihres Zirkels heute 93 Jahre alt ist.

Sie haben das militärische Fachwissen, sprechen russisch und englisch, so dass sie die militärischen Strategiepapiere aus Ländern wie Russland oder den USA auch ungefiltert lesen, verstehen und bewerten können. Und sie trugen militärischer Führungsverantwortung, mit der es mitunter leichter fällt, Militärstrategien bewerten zu können.

Ihre Ergebnisse haben sie zusammengefasst in einem Standpunktepapier zur sicherheitspolitischen Lage, das sie auf der Website der Strausberger Linken veröffentlichten und aktualisieren. Etwa ein Drittel der Gruppe ist Mitglied bei der LINKEN. Nur DIE LINKE stellt sich konsequent gegen deutsche Auslandseinsätze und hat ein klares friedenspolitisches Programm. Im Wahlprogrammentwurf würden Wolfgang Neidhardt und Genossen die friedenspolitischen Forderungen ganz vorn sehen wollen: »Die sozialen Forderungen des Programms sind sehr wichtig. Aber ohne Frieden wäre alles nichts.«