Disput

Der Marshallplan

Vor siebzig Jahren, im Mai 1947, begannen die Verhandlungen über das European Recovery Program, das Geld und Waren für den Kalten Krieg sicherte

Von Ronald Friedmann

Am 12. März 1947 wandte sich Präsident Harry S. Truman mit einer Rede an beide Häuser des US-amerikanischen Kongresses. Seit den Wahlen im November 1946 befand er sich in der wenig komfortablen Situation, mit einem Parlament regieren zu müssen, in dem die Republikaner in beiden Häusern über die Mehrheit verfügten. Doch bei dem Thema, das er an diesem Tag ansprechen wollte, konnte sich der Demokrat Truman sicher sein, aus dem Lager der Republikaner die volle politische Unterstützung zu erhalten.

Truman war knapp zwei Jahre zuvor, nach dem plötzlichen Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt am 12. April 1945, in das höchste Staatsamt der USA aufgestiegen, ohne wirklich vorbereitet gewesen zu sein. So war er erst drei Wochen nach seinem offiziellen Einzug in das »Oval Office« darüber informiert worden, dass die USA an einem Projekt zum Bau einer Atombombe arbeiteten. Doch im August 1945 befahl Truman bedenkenlos den nuklearen Massenmord von Hiroshima und Nagasaki.

Zwei Jahre später befand sich Truman noch immer auf der Suche nach seiner »Mission«. Als er an jenem 12. März 1947 vor dem Kongress sprach, ging es ihm zunächst nur um die Bewilligung von 400 Millionen US-Dollar, die als Militär- und Wirtschaftshilfe an Griechenland und die Türkei gezahlt werden sollten. Denn dort, so die offizielle Lesart der US-Regierung, bedrohte der »sowjetische Expansionismus « die »freie Welt« in ganz besonderem Maße. Doch Truman ging mit seinen »Überlegungen« weit darüber hinaus. Er konstatierte eine unversöhnliche Teilung der Welt in zwei feindliche Lager, und er forderte die USA auf, den Staaten und Völkern der »freien Welt« vor allem finanzielle und wirtschaftliche Hilfe zu leisten, um die »Freiheit« zu verteidigen und um den internationalen Kommunismus, geführt von der Sowjetunion, »einzudämmen«. Tatsächlich erhielt Truman nicht nur die Zustimmung zur Finanz und Wirtschaftshilfe für Griechenland und die Türkei. Die von ihm in seiner Rede verkündete Politik der »Eindämmung des Kommunismus«, des »Containment«, wurde als »Truman-Doktrin« für mehr als zwei Jahrzehnte zur Grundlage der US-amerikanischen Außenpolitik.

Das wichtigste, propagandistisch wirksamste nichtmilitärische Instrument des US-amerikanischen »Feldzuges gegen den Kommunismus« wurde das European Recovery Program, der Marshall-Plan, benannt nach dem damaligen US-Außenminister George C. Marshall, in dessen Zuständigkeit der Plan entwickelt wurde.

Vordergründig ging es Politikern und Diplomaten darum, der noch immer unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs leidenden Bevölkerung in Europa Hilfe zukommen zu lassen. Doch die wirklichen Motive waren weniger edelmütig: Der US-amerikanischen Wirtschaft sollten langfristig Investitionsmöglichkeiten in Übersee verschafft werden. Es sollte ein aufnahmefähiger Absatzmarkt für Produkte der US-amerikanischen Industrie erschlossen werden, die zwei Jahre nach Kriegsende noch nicht auf Friedensproduktion zurückgefahren worden war und der eine langanhaltenden Überproduktionskrise drohte. Die »Luftbrücke« nach Westberlin vom Juni 1948 bis zum Mai 1949 wirkte für die US-Luftfahrtindustrie wie ein Konjunkturprogramm. Doch es ist unbestritten, dass die Zahlungen und Warenlieferungen tatsächlich dazu beitrugen, Not und Elend im kriegsverwüsteten Europa zu mindern. Mit dem daraus resultierenden wirtschaftlichen Aufschwung verloren die kommunistischen Parteien in Westeuropa. insbesondere in Frankreich und Italien, deutlich an Rückhalt und Einfl uss in der Bevölkerung.

UdSSR lehnt ab

Im Mai 1947 begannen die ersten Verhandlungen, im Juni 1947 fand die erste internationale Konferenz über die Ausgestaltung und Umsetzung des Marshall-Planes statt. Zu dieser Konferenz waren auch die Sowjetunion und die Staaten in ihrem Machtbereich eingeladen worden. Doch angesichts der klar antisowjetischen Stoßrichtung, die sich auch darin zeigte, dass nur Staaten mit einer »marktwirtschaftlichen« Ordnung in den Genuss von Leistungen aus dem Marshall- Plan kommen sollten, lehnte die Sowjetunion eine Teilnahme ab, was in der gegebenen Konstellation auch für die übrigen »Volksdemokratien« galt.

Zwischen 1948 und 1952 stellten die USA etwa 14 Milliarden US-Dollar (heute 130 Milliarden US-Dollar) in Geld und Waren zur Verfügung, etwa zehn Prozent davon gingen nach Westdeutschland. Sie wurden dort zu einem wichtigen Faktor für das bis heute gefeierte – und verklärte – »Wirtschaftswunder« der 1950er Jahre.