Theodor Bergmann

Befreit von den Irrtümern unserer großen Bewegung fangen wir mit neuer Kraft von vorn an

Rede von Theodor Bergmann auf der Versammlung anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus für die kommunistischen Opfer des Stalin-Terrors

Wir sind heute zusammengekommen, um der vielen unschuldigen Opfer der Stalin-Ära, einer sehr negativen, destruktiven Erscheinung der großen kommunistischen Bewegung, zu gedenken und gemeinsam über die neue Gedenktafel für diese Menschen an unserem KarlLiebknecht-Haus nachzudenken.

Wir haben in dieser Periode viele wertvolle Menschen, überzeugte Revolutionäre aus vielen Ländern verloren, aber auch andere, die aus Solidarität oder anderen, sehr positiven Motiven am Aufbau einer neuen, sozialistischen Gesellschaft helfend mitarbeiten wollten. Es war nicht nur ein Verlust wertvoller Menschen, sondern auch ein Vertrauensverlust der revolutionären Bewegung und ein zu billiges Argument für den selbstgerechten Antikommunismus.

Bestimmt werden sich unter uns heute, in der LINKEN, meiner Partei, unter uns unorganisierten Kommunisten manche bewegt oder gar verärgert fragen, ob diese Tafel am Karl-Liebknecht-Haus angebracht werden sollte. Lasst mich vorweg sagen, dass ich als 97-jähriger kritischer Kommunist finde, diese Gedenktafel gehört gerade an diesen historischen Ort. Diese Position werde ich Euch in meinen Darlegungen zu begründen versuchen.

Unter den Opfern des stalinschen Terrors befinden sich auch Lehrer, Freunde, Mitschüler von mir - und der Genosse Ulbricht, Hausmeister dieses Hauses bis 1933, erschossen 1937; seine Frau Maria Ulbricht-Plener, 1938 aus der UdSSR abgeschoben. Zu den Todesopfern der großen Säuberung gehört mein Lehrer Hans Beck, der als Facharbeiter am Aufbau mitarbeiten wollte, und der als Brandlerist sofort nach dem Todesurteil erschossen wurde. Ebenso denke ich an meinen Mitschüler aus dem SSB, Wolfgang Duncker, Sohn des marxistischen Lehrers Hermann Duncker und von Käte Duncker; beide Mitbegründer des Spartakusbundes; an Kasimir Tennenbaum, Angehöriger einer revolutionären Familie aus der Sozialdemokratischen Partei des Königreiches Polen und Litauen, dem Kreis um Rosa Luxemburg, an Bruno Krömke, ausgewiesen am 22. Juni 1937; an Nathan Steinberger, von 1937 bis 1955 - 18 Jahre - in sowjetischen Gefängnissen und Lagern, aber Überlebender, dann Professor in Berlin, DDR; an Edith Steinberger, von 1941 bis 1955 in sowjetischen Gefängnissen und Lagern. Ich denke auch an die vielen Genossen der KPD-Opposition, der ich angehörte, die ihr Leben in der UdSSR lassen mussten, die nach Hitlerdeutschland ausgeliefert wurden, wie Ernst Fabisch, der, nach Deutschland überstellt, von den Nazis nach Auschwitz geschickt wurde, oder die nach 1955 zurückkehren konnten, wie Tatjana Beck mit ihren zwei Kindern.

Der stalinsche Terror, die "große Čistka" - welches menschenverachtende Wort! - traf die deutsche Arbeiterbewegung besonders hart. Denken wir zum Beispiel an den Spartakisten und Mitbegründer der Komintern Hugo Eberlein. Aber es traf ebenso hart die Führung der KP Polens (Vera Kostrzewa, Henryk Lauer-Brand) und die Führungen anderer kommunistischer Parteien. Diese Menschen haben uns nach 1945 beim Wiederaufbau der kommunistischen Bewegung gefehlt. Sie hätten einen Teil der Lücken ausgefüllt, die Faschismus und Krieg uns geschlagen haben.

Am härtesten und mit den schlimmsten Folgen aber traf die "Säuberung" die KPdSU und die UdSSR: Vor und in den drei Moskauer Schauprozessen und dem Geheimprozess gegen die Führung der Roten Armee haben Stalin, Jagoda, Jeshow, Beria und ihre Helfer die Elite der Partei, die Führungen der Streitkräfte, der Partei, des Staats, der Kultur und der Wirtschaft beseitigt. Kein Wunder, dass die Rote Armee im ersten finnisch-russischen Krieg eine Niederlage erlitt und am Anfang der faschistischen Invasion 1941 schwere Rückschläge erlitt und hunderttausende Menschen verlor.

Ich denke auch an die vielen großen Marxisten, wie z. B. Bucharin, Trotzki, Rjasanow, Pjatakow, an den verlorenen Reichtum und die Vielfalt kritisch marxistischen Denkens, das uns nun bei der Lösung der vielen Probleme unserer Bewegung helfen könnte.

Mit der allmählichen Festigung der Stalin-Equipe, der "Bolschewisierung" der Bruderparteien nach Lenins Tod am 21. Januar 1924 begann der Niedergang der Sowjetunion; der lange Prozess endete mit der Selbstzerstörung des Realsozialismus von (Ost-) Berlin bis Wladiwostok 1989 bis 1991.

Wer ist schuldig? Hier stimme ich mit meinem Freund Alexander Valtin nicht überein, der in seinem neuesten Buch in Lenins Parteiführung und dem roten Terror den Beginn der Selbstzerstörung sieht. Ähnlich urteilte auch der Historiker Wolfgang Ruge. Beide (und viele andere) ignorieren Lenins Warnung in seinem Brief an den Parteitag. Domenico Losurdo sieht 2013 noch Stalin als den großen, erfolgreichen Staatsmann und dessen kritische Erben und Reformer als Hauptschuldige der Katastrophe von 1989.

Wenn-wir die Schuld Stalins und seiner Equipe feststellen, mindert das keineswegs die Bedeutung des heldenhaften Einsatzes der sowjetischen Soldaten, die zweifelsohne den größten Beitrag zum Sieg über die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg geleistet haben. Diese Kritik mindert ebenso wenig die großen Leistungen der sowjetischen Werktätigen in Industrialisierung und Alphabetisierung.

Die Warnungen

Es hat nicht an Warnungen vor den Gefahren gefehlt. Die erste kam von Rosa Luxemburg, die, noch im Gefängnis, Ende 1917/Anfang 1918 Gefahren in den Methoden Lenins und Trotzkis sah. Jeder zitiert ihren berühmten Satz: Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden; wenige zitieren den Schlusssatz ihres Essays: "Und dennoch gehört die Zukunft dem 'Bolschewismus'!" Die Anführungszeichen drücken ihre Solidarität mit der Oktoberrevolution aus; aber sie sagen auch, dass die russischen Methoden für die deutsche Arbeiterklasse nicht brauchbar seien, die in demokratisch verfassten Organisationen ihre Erfahrungen gesammelt hat. Und sie zeigt in diesem berühmten Essay Verständnis für die besonderen Umstände, die die undemokratischen Methoden notwendig und verständlich machten. Ähnlich kritisierte Paul Levi, der Luxemburg in der KPD-Führung nachfolgte, die Moskauer Bevormundungsversuche.

Nach Lenins Tod war Antonio Gramsci der erste Kritiker der neuen Linie der "Bolschewisierung", der Gleichschaltung und Bevormundung der Bruderparteien. Aus dem faschistischen Gefängnis warnte er 1925, die KPdSU würde das von Lenin erworbene internationale Vertrauen verspielen. In einem Brief nach Moskau schreibt er:

"Die Funktion, die ihr (das ZK der KPdSU) ausübt, findet in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechts hinsichtlich der Breite und Tiefe nichts Vergleichbares. Heute aber seid ihr dabei, Euer Werk zu zerstören. Ihr degradiert die Führungsfunktion, die die KPdSU durch das Engagement Lenins errungen hat, und ihr geht das Risiko ein, sie ganz zu verlieren ... Uns scheint, dass die mit Gewalttätigkeit verbundene Entwicklung der russischen Probleme Euch die internationalen Aspekte eben dieser russischen Probleme aus den Augen verlieren lässt, dass sie Euch vergessen lässt, dass Eure Pflichten als russische Kämpfer nur erfüllt werden können und müssen im Rahmen der Interessen des internationalen Proletariats." (zitiert nach Neubauer, 1.298, 19)

Im gleichen Jahr warnte der deutsche Kommunist August Thalheimer vor den Gefahren für die kommunistische Bewegung, vor einem möglichen "Scherbenhaufen":

"Aber die noch so große Erfahrung auf russischem Boden kann die unter westlichen Erfahrungen gewonnene und noch zu gewinnende Erfahrung nicht ersetzen. Die russische alte Garde ist in erster Linie angehäufte russische Erfahrung. Das macht ihre Stärke aus, aber auch ihre Schwächen. Sie kann-unendlich viel helfen zur Heranreifung der westlichen Parteien, aber nur unter der Bedingung dass •sie nicht glauben, die westliche Erfahrung bereits zu besitzen oder ihrer nicht zu bedürfen. Diese Leitung muss ganz bewusst das Ziel ins Auge fassen, sich selber in ihrer Ausschließlichkeit überflüssig zu machen... Wird praktisch versucht, die Rolle der russischen Partei dauernd festzuhalten, die nur eine vorübergehend sein kann, wird dem unvermeidlichen geschichtlichen Gang entgegen gearbeitet, statt mit ihm zu arbeiten, so kann daraus nur entstehe:n praktische Fehlschläge und Niederlagen, organisatorische Scherbenhaufen. Das mit allem Nachdruck, aller Deutlichkeit jetzt zu sagen, ehe die Scherbenhaufen da sind, ist absolut notwendig." (1925/1993)

1928, als der neue ultralinke Kurs endgültig beschlossen und viele Kritiker in vielen Parteien der Komintern ausgeschlossen wurden, warnte auch die greise Kommunistin Clara Zetkin.

Während der Moskauer Schauprozesse (ab 1936) warnte Thalheimer, Stalins Politik könne die UdSSR gefährden, aber er hoffe, die Sowjetpartei werde die Kraft zum Sturz Stalins finden. Und in der gleichen Arbeit forderte er Solidarität mit der vom Faschismus bedrohten UdSSR.

Manche auf der Linken glaubten der Sowjetpropaganda, andere dachten, die SU werde sie wie in Spanien - gegen den Faschismus verteidigen, und unter diesen Umständen werde offene Kritik diesem Kampf schaden. Als kritischer Kommunist denke ich umgekehrt: Das Fehlen jeder Kritik ist doppelt schädlich -: die Schweiger und Jasager verlieren in ihrem Land das Vertrauen, weil sie nicht wagen, selbständig zu denken; und sie bestärkten Stalin in seinen Fehlern und Verbrechen.

Aber gute Kommunisten müssen - so Lenin - zur Selbstkritik fähig sein. So hat es im Laufe der Zeit immer wieder Kritiker und Reformer gegeben; ich erwähne Tito in Belgrad 1947, Gomulka in Warschau 1956, Nikita S. Chruschtschow in Moskau 1956, die tschechischen Reformer Dubcek, Smirkovsky, Svoboda, Mlynař, Goldstücker 1968, die chinesischen Reformer Liu Shaoqi (1956 oder 1958), Zhou Enlai, Deng Xiaoping und viele andere mehr.

Liu Shaoqi, Chinas Staatspräsident 1958 bis 1965, hatte eine völlig andere Vorstellung vom innerparteilichen Leben der KP Chinas: ein Parteiführer "muss das Herz eines alten Mannes haben. Kein Mensch ist frei von Irrtümern ... Daher müssen wir anderen verzeihen im Geiste der Großherzigkeit und anderen Rat und Hilfe gewähren."

Diese Gedanken drücken eine völlig andere Vorstellung von einer revolutionären Partei aus, als die der Mao-Führung. Lius Kampfgefährte Deng forderte gleichfalls eine innerparteiliche Reform, von der manches umgesetzt würde. Und nach Maos Tod wurde in offener Debatte Kritik an den Fehlern Maos und Selbstkritik geübt. Die Opfer wurden parteiöffentlich, landesweit und in der Presse rehabilitiert.

Die Gleichung vieler bürgerlicher Historiker - Kommunismus = Stalinismus - stimmt also keineswegs, sie ist vielmehr eine Geschichtslüge, wie viele andere Schlagworte des Antikommunismus, so zum Beispiel die Totalitarismus-These, die uns Kommunisten mit den Faschisten trotz unseres unversöhnlichen Gegensatzes in einem Begriff zusammenfasst. Wir Sozialisten und Kommunisten haben für andere Ziele gekämpft und kämpfen für andere Ziele als der Faschismus, der eine Form kapitalistischer Klassenherrschaft ist. Unsere Kritik arbeitet für eine Verbesserung des Kommunismus, die bürgerliche Kritik möchte den Kommunismus vernichten. Daher muss unsere Kritik sich auch in der Argumenten und Worten deutlich von der bürgerlichen Kritik unterscheiden.

Die Tafel an unserem Karl-Liebknecht-Haus ist ein Zeichen, dass wir der vermeidbaren Opfer unserer Kämpfe gedenken und dass wir gelernt haben.

Dann dürfen wir wieder stolz sein auf die großen Leistungen der sozialistischen Bewegung in ihrem Kampf für eine bessere Welt, der um 1848 begann und der fortgesetzt werden muss, fortgesetzt werden wird von einer neuen Generation ohne unsere Irrwege und mit neuer Kraft. Ich möchte schließen mit einem Hinweis auf Friedrich Engels, der im badischen Aufstand 1848/49 mitkämpfte und dort seine ersten militärischen Erfahrungen sammelte. Nach der Niederlage schrieb er:

"Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei - oder besser die Revolutionsparteien - auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? Umfasste nicht das Ringen des britischen Bürgertums um die soziale und politische Vorherrschaft achtundvierzig, das des französischen Bürgertums vierzig Jahre beispielloser Kämpfe? Und waren sie nicht ihrem Triumph gerade dann am nächsten, als die wiederhergestellte Monarchie sich fester im Sattel wähnte als je? Die Zeiten jenes Aberglaubens, der Revolutionen auf die Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführt, sind längst vorüber. Alle Welt weiß heutzutage, dass jeder revolutionären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zu Grunde liegen muss, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird ... Sind wir aber einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun als wieder von vorne anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze Ruhepause, die uns zwischen dem Schluss des ersten und im Anfang des zweiten Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit für die Untersuchung der Ursachen, die sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Misslingen führten."

Mit der Kritik unserer Irrtümer und der Fehler in unserem Kampf um eine bessere Welt zeigen wir die geistige Vielfalt der revolutionären Bewegung, widerlegen die bürgerliche Propaganda und schaffen Mut und Kraft - für unvollendeten Klassenkampf. Wir nehmen der antikommunistischen Hetze den Wind aus den Segeln und verweisen die Verteidiger des Kapitalismus in ihre Schranken. Befreit von den Irrtümern unserer großen Bewegung fangen wir mit neuer Kraft von vorn an.