Inge Münz-Koenen

Ein ganz besonderer Tag

Rede von Inge Münz-Koenen zur Eröffnung der Ausstellung im KIZ

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, der 17. Dezember 2013 ist für den Arbeitskreis Sowjetexil ein ganz besonderer Tag. Vor fünf Jahren, im Oktober 2008, hat sich dieser Kreis unter dem Dach der Berliner VVN-BdA gegründet. Vor drei Jahren, am 13. Dezember 2010, haben wir den Antrag für eine Gedenktafel am Karl-Liebknecht- Haus beim damaligen Vorstand der Linkspartei eingereicht. Heute nun weiht der neue, 2012 gewählte Vorstand die Tafel an diesem geschichtsträchtigen Gebäude ein.

Am selben Tag und am gleichen Ort können wir die von einer Autorengruppe unseres Arbeitskreises erarbeitete Ausstellung "Ich kam als Gast in Euer Land gereist…". Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933 - 1956 in diesem Haus eröffnen. Im Namen des Arbeitskreises mit seinen 30 Mitgliedern und der zehnköpfigen Autorengruppe bedanke ich mich beim Vorstand der Linkspartei, der beides ermöglicht hat. Ich muss hinzufügen, dass nur wenige aus Arbeitskreis und Autorengruppe Mitglieder der Partei DIE LINKE sind. Wir meinten nur, dass die alte und neue Parteizentrale am historischen Bülow- und heutigem Luxemburg- Platz der richtige Ort für diese Ehrung ist. "Wer, wenn nicht wir" hat der Vorstand der Linken zum Motto gemacht für das abendliche Podiumsgespräch. Einige aus unserem Kreis waren zur Vorstandssitzung im Oktober eingeladen und konnten miterleben, wie der entsprechende Beschluss gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen durchgesetzt wurde.

Genau dieses politische Engagement haben Ihre Genossinnen und Genossen verdient, die seit Anfang der 1930er Jahre zum Arbeiten ins Sowjetland gekommen waren und nach 1933 als erklärte Hitlergegner nicht nach Deutschland zurückkehren konnten. Sie und viele aktive Kommunisten, die Nazihaft, Konzentrationslager und die Folterkeller der SA überlebt hatten und denen die Flucht ins Hoffnungsland Sowjetunion gelungen war, wurden wenige Jahre später Opfer des stalinistischen Terrors. Für diese Sowjetexilanten und ihre Angehörigen gab es bis heute keinen Ort der Trauer und des Angedenkens. Ein Friedhof, selbst eine Gedenkstätte der Sozialisten, ist nicht geeignet, die besonderen Schicksale dieser von Hitler und Stalin doppelt Verfolgten ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Die Gedenktafel am KL-Haus setzt für die Gegenwart ein Zeichen, dass die Nachfolgepartei von KPD und SED sich zur Verantwortung auch für die dunklen Seiten ihrer Geschichte bekennt.

Tafelantrag und Ausstellungskonzept haben einen gemeinsamen Ursprung. Beide gehen zurück auf die erste öffentliche Konferenz des Arbeitskreises im Juni 2010 im Berliner Haus der Demokratie. Das Thema hieß Das verordnete Schweigen. Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil (nachzulesen im Heft 148 der Pankower Vorträge, Berlin 2010).

Nachher zur Enthüllung der Gedenktafel wird aus unserem Kreis Ursula Schwartz sprechen, geboren im Januar 1921 in Berlin, zurückgekehrt aus der Verbannung in Karaganda im Frühjahr 1956. Ulla Schwartz war die erste, die im November 2009 dem Arbeitskreis ihre Geschichte erzählte. Thema war an diesem Tag "Das Jahr 1937 in meinem Leben."

Wir sind gewohnt, bei den Überlebenden von "Zeitzeugen" zu sprechen. Aber wie nennt man jemanden, der/die nicht Zeuge eines Verbrechen ist, sondern selbst in seinem Lebensnerv getroffen wird und weiß, dass diese Verletzung nie verheilt? Wir sprechen von Opfern, wenn in Wahrheit alle Tatkraft gebraucht wurde, um die Kindern und Alten einer Familie am Leben erhalten. Für vieles ist eine Sprache noch nicht gefunden.

Damals, in den Jahren 2009 und 2010, als wir uns unsere Biografien erzählten, muss die Idee entstanden sein, diese und weitere Lebensläufe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Auswahl der Familienporträts geschah eher zufällig: Wenn es nicht Familienangehörige aus dem Arbeitskreis waren, nannte uns Andreas Herbst aus der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (mit Hermann Weber Herausgeber des Handbuchs Deutsche Kommunisten) Namen, die wir bis dahin nicht kannten. Weitere HistorikerInnen unter uns: Wladislaw Hedeler, Gerd Kaiser, Carola Tischler, Bernd-Rainer Barth und Hans Coppi konnten auf langjährige Forschungen zur Kommunismus- und Widerstandsgeschichte aufbauen.

Die Grundidee zur Ausstellung jedenfalls lieferte das eigene Erleben - die Tatsache nämlich, dass Exilschicksale immer Familienschicksale sind, Verfolgungsgeschichten immer Trennungsgeschichten. Lagerhaft, Verbannung, Ausweisung nach Hitlerdeutschland , Heimeinweisung der Kinder - immer wurden die Familien zerrissen. Die Pünktchen auf der Karte der Sowjetunion, die für jede Familie die Orte des Exils markieren, sind viele hundert, mitunter tausende Kilometer voneinander entfernt. Bedenkt man, dass nahezu jede Familie Angehörige in Deutschland hatte zurücklassen müssen, ohne die Gewissheit, sie wiederzusehen, so ist das Auseinanderreißen der kleinen Emigrantenfamilien eine zusätzliche, kaum vorstellbare Qual. Nach dem Krieg kommt kaum eine Familie vollzählig in Deutschland an.

Eine weitere Leitlinie war, für die Familienporträts - jede Familie sollte eine eigene Tafel bekommen- unbekannte oder (im Fall der Parteifunktionäre) verleugnete Opfer auszuwählen. Prominente Politemigranten, die lange Zeit für das Sowjetexil schlechthin standen - Wilhelm Pieck oder Johannes R.Becher im Osten, Wolfgang Leonhard oder Herbert Wehner im Westen - waren in Wirklichkeit eine Minderheit. Die rund 8000 Deutschen, die nach 1933 als Antifaschisten in der Sowjetunion blieben, während die Mehrzahl der Vertragsarbeiter bis 1935 zurückkehrte, waren qualifizierte Facharbeiter aus der Metall- und Bauindustrie, Ingenieure, Architekten, Techniker, die an der Industrialisierung des Landes mitwirken wollten. Für die Ausstellung haben wir sie als exemplarisch fürs Sowjetexil ausgewählt, ergänzt durch wenig oder gar nicht bekannte Künstler, Journalisten und Schriftsteller.

Von Anfang an gehörte es zum Ausstellungskonzept, auf knappem Raum die ganze Biografie in ausgewählten Fotos und Dokumenten zu erfassen: Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik, Widerstand gegen die Naziherrschaft, die glückliche erste Zeit im Traumland Sowjetunion, bei den Überlebenden die Rückkehr nach Deutschland. Unser Gestalter Karl Lehmann hat für diese schwierige Aufgabe eindrucksvolle Lösungen gefunden.

Auf den Wanderstationen der Ausstellung (bisher Moskau, Berlin, Karaganda, Potsdam, in Thüringen Suhl, Elgersburg und Meiningen, dann Nowosibirsk und Brüssel) kehren in Gesprächen mit dem Publikum bestimmte Fragen immer wieder. In Deutschland meist: Wie konnten Terror und Gewalt, gegen einzelne hilflose Menschen gerichtet, in einem sozialistischen Land zur herrschenden Politik werden? Wo waren die Kommunisten aus KPD-Führung und Komintern, die den Parteiausschluss ihrer verzweifelten Genossen zur Voraussetzung oder zur Folge von Verhaftung und Erschießung machten? Woher kam diese barbarische Grausamkeit der Bewacher in den Lagern und der Untersuchungsführer bei den Verhören? Welche teuflische Idee steckte hinter den Übergriffen der Staats- und Sicherheitsorgane auf die Frauen und Kinder der Verurteilten? Wer schickte sie in Lager, verbannte sie nach Sibirien oder Kasachstan und erfand gesonderte NKWD-Kinderheime?

Solche Fragen sind nicht mit dem Hinweis auf den Sozialismus in einem Land oder die imperialistische Bedrohung der Sowjetunion von außen zu beantworten.

Was die Familientafeln in der Ausstellung nicht erzählen können, zeigen die vier thematischen Tafeln, zusammengestellt von Wladislaw Hedeler. Dort sind die Fakten nachzulesen und die Dokumente anzuschauen, die Auskunft geben über den staatlich verordneten Terror, die Vernichtungsbefehle des NKWD, die Strafgesetze sowie die Rolle, die die sowjetische Parteiführung dabei spielte und die auch der Komintern ihre Handlungsweise vorgab.

Darstellbar wurde dies erst nach 1989. Wenn wir vom verordneten Schweigen in der Zeit davor sprechen, dann meint dies nicht allein das Redeverbot für die Rückkehrer. Dazu gehörten verschlossene Archive in der Sowjetunion und der DDR, Publikationsverbote, Geschichtslügen. Von der Spurensuche danach berichteten deutsche und russische Historiker auf unserer zweiten Konferenz Nach dem Schweigen. Erinnerungsorte, Gedenkbücher, Opferlisten des sowjetischen Exils (veröffentlicht in Pankower Vorträge, Heft 167, Berlin 2012). Dort wurde auch unser Ausstellungskonzept vorgestellt.

Ein Beispiel dafür, wie bei gegenwärtigen linken Parteien der Stalinismus in der kommunistischen Programmatik konserviert bleibt, erlebten wir kürzlich, als die Ausstellung auf Einladung der deutschen Linken für einige Tage im Brüsseler Europaparlament gezeigt wurde. In einer Pressemitteilung auf ihrer Internetseite griff die griechischen KKE ihre deutschen Genossen aus der gemeinsamen Linksfraktion mit den Worten an: "Es handelt sich um den abscheulichen Versuch, deutsche Antifaschisten als Opfer des sowjetischen Arbeiterstaats darzustellen, eine noch schmutzigere Variante der offiziellen EU-Politik der Gleichsetzung von Faschismus/Nazismus und Kommunismus und der Förderung der "Theorie der Extreme"…Die Arbeiterinnen und Arbeiter, alle arbeitenden Menschen, die aufrechten Kämpferinnen und Kämpfer sollen den Opportunismus und seinen Parteien den Rücken kehren. Sie sollen sie in der Schlammgrube plätschern lassen, in der sie zusammen mit den Ausbeutern und ihrem politischen Personal wohlweislich stecken" (inter.kke.gr/de/articles)

Ein Blogger aus Österreich kommentierte diese Denkart mit den lakonischen Worten: "Dass es vielleicht das stalinistische System war, dessen mörderische Auswüchse der kommunistischen Idee derart geschadet hat, kommt der KKE nicht in den Sinn… Der Linken schadet diese Position auch heute noch enorm...Danke, Ihr kalten Krieger! Wer braucht antikommunistische Propaganda, wenn er solche Kommunisten hat." (hakin.medienweb.at)

Die Ausstellung gibt einigen vergessenen Opfern unter den von Hitler und Stalin Verfolgten wieder Namen und Gesicht. Die Tafel an diesem Haus erinnert daran, dass es Tausende waren, die dieses Schicksal erlitten.