Katja Kipping

Es ist an uns, der Opfer zu gedenken

Rede von Katja Kipping zur Enthüllung der Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Gäste, die vor einer Stunde eröffnete Ausstellung "Ich kam als Gast in euer Land gereist …" zeigt die Schicksale einiger durch den "Großen Terror" in der Sowjetunion unter Stalin verfolgten und ermordeten Kommunisten und Kommunistinnen. Ich hatte eben kurz Gelegenheit, mir diese Ausstellung anzusehen. Es sind bewegende, erschütternde Zeugnisse menschlichen Leids. Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich diese Ausstellung, die bis Ende Januar im Karl-Liebknecht-Haus besucht werden kann, anzusehen.

Tausende Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten fielen unstreitig dem stalinistischen Terror dieser Zeit zum Opfer, ein Teil wurde entrechtet und verbannt, ein anderer Teil verlor sein Leben. Beziehungen soweit sie auf Vertrauen gründeten, wurden in dieser Zeit zerstört. Dabei haben sich auch Funktionäre der KPD schuldig gemacht. Nach dem Ende des "Großen Terrors" und nach dem Zweiten Weltkrieg, fanden die Überlebenden kaum Möglichkeiten, über ihr Schicksaal zu sprechen. In der DDR wurde über die Verbrechen, die an ihnen begangen worden, geschwiegen.

Es geht daher auch um eine geschichtliche Etappe, die bis heute auf uns als Linke in Deutschland lastet. Wir müssen mit ihr umgehen, unsere Konsequenzen ziehen. Eine ist an uns, den Opfern eine bleibende Erinnerung zu geben. Wer sollte es sonst tun, wenn nicht wir? Eigentlich müsste uns die Frage bewegen: Warum erst jetzt? Die öffentliche konservative Geschichtsschreibung blendet diese Menschen regelmäßig bewusst aus, weil sie Kommunistinnen und Kommunisten, die für die Idee einer sozialeren, gerechteren, friedlicheren Welt lebten und kämpften, keinen Erinnerungsraum geben wollen. Sie werden aus dem gleichen Grunde in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur ausgeblendet, wie der kommunistische Widerstand gegen den Faschismus. Deshalb ist es an uns, der Opfer zu gedenken.

Das Berliner Karl-Liebknecht-Haus ist wie wenige andere Orte in Deutschland mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung und der Partei verbunden. Einige derer, an die die Gedenktafel erinnert, waren in diesem Haus tätig, als es noch die Zentrale der Kommunistischen Partei beherbergte. Viele von ihnen flohen in die Sowjetunion vor der Verfolgung durch die Nazis. Wir haben als Partei nicht die Möglichkeit, an den originären Orten des begangenen Unrechts eine beständige Erinnerung zu realisieren. Aber wir können und sollten es hier bei uns tun.

Als "ehrendes Gedenken an Tausende deutsche Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er und 1950er Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert, auf Jahrzehnte verbannt und ermodert wurden."

Hier, an diesem Ort, können wir ein Zeichen setzten, dass es unsere Genossinnen und Genossen waren, die dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen sind.

Bevor ich die Plakette enthülle, lassen sie mich noch ein Wortes des Dankes sagen. Ein Dank an den Arbeitskreis zum Gedenken an die im Sowjetexil verfolgten deutsche Antifaschistinnen und Antifaschisten, der uns den Anstoß gab, diese Erinnerung vorzunehmen und ein Dank an Helga Lieser, die diese Plakette geschaffen hat und die für uns komplizierte Fragen rund um die Denkmalpflege mit dem Denkmalamt gelöst hat. Herzlichen Dank.