Bielefelder Parteitag

Das ganze Leben? Das muss drin sein!

Beschluss der 3. Tagung des 4. Parteitages

Feministische Ansätze zur Kampagne "Das muss drin sein"

Die Kampagne "Das muss drin sein" ist auch aus feministischer Sicht zu begrüßen. Zum einen, weil sie nicht nur die Prekarisierung der Erwerbsarbeit, sondern auch die des Lebens in den Blick nimmt. Das ist auch notwendig. Schließlich gerät im ständigem Kampf um den Erhalt der Erwerbsarbeitsplätze vielfach aus dem Blick, was alles Arbeit ist und wie gute Arbeit sein müsste. Diese Frage eröffnet jedoch aus feministischer Perspektive den Blick auf die Bedürfnisse der Menschen, Geschlechterverhältnisse in der Produktion und Reproduktion und das Verhältnis zur Natur und den Menschen, kurzum auf das gute Leben.

Die beschäftigungs- und arbeitsmarktpolitischen Debatten im Mainstream werden geschlechtsblind und damit männlich dominiert geführt. Dies hat vor allem damit zu tun, dass ein Teil des Lebens, nämlich das Leben jenseits der Erwerbsarbeit, ausgeblendet wird. Aber auch wechselseitige Abhängigkeiten und Zusammenhänge zwischen der Sorge-/Carearbeit und der Erwerbsarbeit werden nicht bearbeitet. Wir wollen die Dominanz der Erwerbsarbeit, der Waren- und Profitproduktion über alle andere Arbeit, inklusive Sorgearbeit, überwinden. Die Arbeit an und mit Menschen, die Arbeit im reproduktiven Bereich einerseits und die Arbeit in der Produktion von marktfähigen Gütern andererseits sind ungleich verteilt und gelten als ungleich wertvoll.

Die Arbeit wird geschlechtshierarchisch organisiert. Studien zeigen: Frauen* in Deutschland leisten im Durchschnitt mehr unbezahlte Arbeit in der Woche als Männer*. Demgegenüber verrichten Frauen* im Durchschnitt ca. 10 Stunden in der Woche weniger bezahlte Arbeit als Männer*. Zusammengefasst gesagt: Die Arbeitszeit von Frauen* in der bezahlten und unbezahlten Arbeit liegt insgesamt ca. eine Stunde höher als die der Männer* (im Schnitt 45,5 Stunden pro Woche (Statistisches Bundesamt, Stand 2013). Hinzu kommt: "traditionelle Frauen*berufe" werden gegenüber "traditionellen Männer*berufen" abgewertet. Sie werden geringer eingruppiert und schlechter entlohnt. Frauen* verdienen immer noch ca. 25% weniger als Männer*. Diese Einkommensunterschiede (Gender Pay Gap) sind in Deutschland nach wie vor größer als in den meisten anderen europäischen Ländern. Wir fordern die Aufwertung und höhere Eingruppierung "traditioneller Frauen*berufe" und gleichen Lohn für gleiche Arbeit - auch das sollte in der Kampagne berücksichtigt werden.

Zu Recht benennt die Kampagne "Das muss drin sein" die Arbeitsverdichtung und personelle Unterbesetzung im Bereich der Kranken- und Pflegedienstleistungen. Im Bereich der "sozialen Dienste" (Kranken-, Pflegearbeit, Kinderbetreuung usw.) wäre es darüber hinaus ebenso wichtig, die patriarchalen Strukturen aufzuzeigen. Prekarität ausschließlich bezogen auf die Erwerbsarbeit, insbesondere die ökonomische Sorgearbeit, bedeutet im Wesentlichen die Beschränkung auf das "halbe Leben": Neben der organisierten produktiven Arbeit und der real, aber unsichtbar geleisteten reproduktiven Arbeit, bleibt vor allem Frauen* kaum noch Zeit und Raum für gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverwirklichung.

Die Kritik des "halben Lebens" ist aber genau der Teil, der vornehmste Aufgabe parteilicher Kampagnenpolitik in diesem Bereich sein sollte. Kernpunkt einer Parteikampagne aus feministischer Sicht wäre, die konkreten Forderungen in den Mittelpunkt zu stellen, welche die Kritik der Prekarität verknüpft mit einer Praxis des "vollen/ganzen Lebens" – das mehr als Erwerbsarbeit ist – z.B. Höchstarbeitszeiten und Arbeitszeitverkürzung, monatliche "Haushaltstage" oder "Familientage" für Beschäftigte, Anspruch auf Sabbaticals usw. – letztendlich eine radikale Form der Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit, von gesellschaftlich Notwendigem und umfassend freier menschlicher Entfaltung.

Die Kampagne ist insofern auch deshalb aus feministischer Sicht zu begrüßen, weil sie Fragen der Arbeitsverdichtung und Arbeitszeitverkürzung stark macht. Darüber hinaus möchten wir aus feministischer Sicht auf folgende Aspekte hinweisen:

  • Die Arbeitswelt von Frauen* und Männern* ist in der Mehrheit der Fälle unterschiedlich: Frauen* sind eher in "frauen*typischen" Berufen tätig, z.B. im Gesundheits- und Pflege-, Erziehungs- und Bildungsbereich. Damit unterscheiden sich auch ihre Arbeitsbelastungen von solchen, denen Männern* typischerweise ausgesetzt sind. Beschäftigte, vor allem in den sozialen Berufen, sind überproportional psychischen Belastungen ausgesetzt. Studien zeigen, dass Frauen* anders krank werden als Männer*. Forderungen nach umfassenden Gesundheitsschutz- und Ausgleichsregelungen wollen wir in der Kampagne mit einbeziehen.
  • Witze, Kommentare, Berührungen: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Mobbing kommen in Deutschland häufig vor und betreffen sowohl Frauen* als auch Männer*. Dabei werden Frauen* vor allem körperlich und Männer* vor allem verbal belästigt. Laut aktueller Umfrage (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 03/2015) sind in Deutschland 19 Prozent aller Frauen* und 12 Prozent aller Männer* schon einmal gegen ihren Willen von Kollegen berührt worden. Geschlechtsspezifische Belästigungen bis hin zu körperlicher Gewalt haben ein klares Ziel: Sie sollen die Hierarchien zwischen Männern* und Frauen* im Erwerbsleben festigen und Fraue*n in eine unterlegene Position zwingen.

Nicht zuletzt fragen wir aus feministischer Perspektive nach der Form, dem Inhalt und dem Sinn der Arbeit. Vom perspektivischen Standpunkt muss gute Arbeit vielseitig sein (um nicht einseitig zu verkümmern), entwickelnd (um sich beim Tun selbst zu entfalten), sinnvoll (um die eigenen Kräfte nicht einzusetzen, wen die Ziele nicht bejaht werden können), sinnlich praktisch andere Menschen einbeziehend. Umgekehrt folgen daraus Forderungen an die Kampagne: gute Arbeit darf nicht belasten, verkümmern, sinnlos oder gar schädlich sein, nicht andere Menschen missachten. Dies verlangt die Einbeziehung aller Tätigen in das Wie und Warum ihres Tuns, ihre demokratische Beteiligung. Und es verlangt eine Gleichverteilung aller belastenden, schweren, einseitigen Arbeiten, soweit diese heute noch nicht abgeschafft werden können.

Frauen* sind in Deutschland zu über 70 Prozent erwerbstätig. Jedoch sinkt von Jahr zu Jahr das Volumen der von Frauen* geleisteten Erwerbsarbeitsstunden. Dies in Verbindung mit den Niedriglöhnen in "typischen Frauen*berufen" bedeutet für Millionen Frauen*: Erwerbsarbeit und die Altersversorgung sind prekär, Armut ist eine weibliche Realität.

Gute Arbeit zerstört nicht unsere Lebensgrundlagen. Wir wollen anders leben, anders arbeiten, anders konsumieren.

Wir beschließen in Bezug auf die langfristig angelegte Kampagne "Das muss drin sein":

  1. Die Kampagne soll auch genutzt werden, um unter uns und in der Gesellschaft die Debatte um das Ganze Leben voranzubringen. Insbesondere die thematischen Säulen "Mehr Personal für Bildung, Pflege und Gesundheit" und "Arbeit umverteilen statt Dauerstress und Existenzangst" bieten sich hierfür an.
  2. Wir streben an, die Qualifizierung und Konkretisierung der genannten feministischen Ansätze zur Kampagne im Rahmen anstehender Veranstaltungen mit Partnerinnen und Partnern aus Sozialverbänden, Bewegungen, Gewerkschaften und feministischer Wissenschaft zu vertiefen.
  3. Es wird Material zum feministischen Ansatz des Themas, vorzugsweise eine Studie/Broschüre oder Bildungsbausteine für die Kreis- und Landesverbände, sowie ein Referent*innen-Pool erstellt sowie bestehendes Material nachgedruckt. All dies wird auf der Kampagnenwebseite veröffentlicht.