Dresdner Parteitag

Grußwort von Berthold Huber

Erster Vorsitzender der IG Metall

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, die Neuordnung des Arbeitsmarktes ist für uns das politische Herzstück auf dem Weg zu einer sozialen und gerechten Gesellschaft. Sichere Arbeitsplätze und faire Bezahlung, Arbeitsgestaltung und die Begrenzung von Belastungen, attraktive Weiterbildung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Stärkung sozialer Sicherungssysteme inklusive des Übergangs in die Rente - vieles was die Politik auf den Weg bringt, geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Die Mehrheit der Menschen wünscht sich bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen. Sie fordern auch eine Gesellschaft, in der es grundsätzlich gerechter zugehen soll.

Als IG Metall greifen wir diese Themen auf. Aber auch die Politik muss ihre Hausaufgaben machen: Deshalb werden wir die nächste Bundesregierung auffordern, die schlimmsten Verwerfungen am Arbeitsmarkt zügig einzudämmen. Befristete Arbeitsverträge einschränken, Leiharbeit und Werkverträge regulieren, Mini-Jobs reformieren, AVE ausweiten und Frauen den Zugang zu allen Bereichen und Ebenen der Wirtschaft eröffnen – all das entspricht den Wünschen der Beschäftigten und kann dazu beitragen, die mehrfache Spaltung des Arbeitsmarktes in Deutschland zu überwinden. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte stehen dabei zu recht der Mindestlohn und der Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen. Für diese Probleme brauchen wir zweifelsohne gesetzliche Neuregelungen. Zugleich setzt die IG Metall auf erweiterte Mitbestimmungsrechte auf allen Ebenen des Betriebes. So kann die Demokratie im Betrieb gestärkt und eine menschenwürdige Arbeitswelt für Alle gestaltet werden.

Zum Gestaltungsauftrag von Gewerkschaften gehört die Tarifpolitik. Wir haben in der Metall- und Elektroindustrie Branchenzuschläge vereinbart, von denen unsere in Leiharbeit beschäftigten Kolleginnen und Kollegen heute profitieren. Derzeit wird der Tarifvertrag Leiharbeit erneut verhandelt. Der Vorstand der IG Metall hat sich bewusst dafür entschieden, die Verhandlungen aufzunehmen und die Tarifgeschichte der Leiharbeit fortzusetzen. Dies hat mehrere gute Gründe:

  • Erstens sind wir die größte Leiharbeiter-Organisation des Landes. Die Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Jahren Mitglied der IG Metall geworden sind, können und wollen wir nicht mit dem simplen Verweis auf gesetzlichen Änderungsbedarf abspeisen. Das wäre unredlich. Wir verstehen jeden Beitritt zur IG Metall zuvorderst als tarifpolitischen Handlungsauftrag.
  • Zweitens wissen wir nicht, was nach der Bundestagswahl gesetzlich verändert wird. Unsere Verantwortung ist zu groß, als das wir uns auf Unbekanntes verlassen.
  • Drittens ist Equal Pay auf dem Papier nicht Equal Pay im Unternehmen. Die Betriebsräte im Bereich der IG Metall wissen das.
  • Viertens haben wir uns als IG Metall entschieden, unsere eigenen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, d.h. wir setzen auch zukünftig auf den tarifpolitischen Weg.

Wir sehen darin auch den erfolgversprechendsten organisationspolitischen Weg. Ich denke, unsere Mitgliederzahlen der letzten Jahre bestätigen dies.

Abschließend noch ein Wort zu den abweichenden Arbeits- und Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland. Knapp 23 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es in Ostdeutschland ein Nebeneinander von Erfolg und Misserfolg. Für manche Beschäftigtengruppen – insbesondere in der Industrie – ist das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse fast erreicht. Andere haben gar keine Arbeit oder sind auf aufstockende Leistungen nach ALG II angewiesen. Daher begrüße ich es, dass Ihr die Themen in den ostdeutschen Ländern und Regionen aufgreift und damit die gewerkschaftlichen Bemühungen zur regionalen Entwicklung und Schaffung gleicher Lebensverhältnisse im gesamten Land unterstützt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch intensive und erfolgreiche Beratungen!

Mit freundlichen Grüßen

Berthold Huber