Erfurter Parteitag

Ein herzliches Willkommen in Erfurt

Aus dem Grußwort des Erfurter Oberbürgermeisters Andreas Bausewein an die Delegierten und Gäste des Parteitags

Lieber Knut Korschewsky, lieber Bodo Ramelow, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen der Linkspartei, von meiner Seite ein herzliches Willkommen in Erfurt zu Ihrem Bundesparteitag!

Ich glaube, der Bundesparteitag passt sehr gut nach Erfurt. Es gibt seit fünfeinhalb Jahren hier im Rathaus eine strategische Mehrheit links der Mitte, die für gewöhnlich auch trägt. Wir haben gemeinsam die Haushalte beschlossen, wir haben Schulen und Kindergärten saniert, wir haben die Arbeitslosenquote halbiert, wir haben Schulden abbezahlt und die Zahl der Arbeitsplätze deutlich erhöht – also alles Dinge, auf die man durchaus stolz sein kann. Meine erste Bürgermeisterin, Tamara Thierbach, ist auch Mitglied der LINKEN.

Darüber hinaus ist Erfurt durchaus ein gutes Pflaster für Parteitage. Wir hatten in den letzten Jahren von verschiedenen Parteien Parteitage. Aber es gab natürlich auch einen ganz bedeutenden vor 120 Jahren, 1891: den Erfurter Parteitag der SPD. Er endete gestern vor 120 Jahren, am 20. Oktober 1891. Wenn man da nachblättert, stellt man fest, dass Programme damals wesentlich dünner waren – nicht was den Inhalt angeht, sondern was den Umfang angeht; es gab wahrscheinlich auch keine 1.300 Anträge. Das Programm war zweigeteilt: einmal ein theoretischer Teil und einmal ein ganz praktischer Teil. Wer den praktischen Teil durchliest, stellt fest, dass nahezu alles, was drinsteht, umgesetzt wurde oder in Teilen umgesetzt wurde. So gesehen ist es vielleicht auch für Ihren Parteitag ein gutes Omen, wenn Sie in Erfurt tagen. Dinge wie die Abschaffung der Todesstrafe, allgemeines Wahlrecht, Gleichberechtigung der Frau, Achtstundentag, Abschaffung der Kinderarbeit und vieles, vieles mehr wurden vor 120 Jahren in Erfurt verabschiedet. Diese Forderungen sind mittlerweile nicht mehr nur im linken Lager verankert. So gesehen war das damals ein sehr erfolgreicher Parteitag in Erfurt.

Ich wünsche Ihnen viele Diskussionen, weise Beschlüsse und dass Sie morgen ein Programm verabschieden, auf dessen Grundlage Sie viele Jahre lang arbeiten können.

Ich hoffe aber auch, dass Sie trotzdem Zeit finden, in die Innenstadt zu schauen – weil Erfurt eine junge Stadt mit einer linken Ratsmehrheit, eine Stadt mit einer großen Tradition ist. Erfurt hat einen der größten erhaltenen Altstadtkerne Mitteleuropas. Die Stadt hat mehrfach in der Geschichte richtig Glück gehabt. Zu Ende des Zweiten Weltkrieges gab es Gebäudeschäden zwischen zehn und 15 Prozent, das war für eine deutsche Großstadt ziemlich wenig. In den Jahren nach der Wende wurde die Innenstadt mit viel Liebe, aber auch mit viel Geld wieder aufgebaut.

Und bei der ganzen Diskussion um Städtebauförderung kann ich nur sagen: Jedem, der die Städtebauförderung infrage stellt, sollte man das Beispiel Erfurter Innenstadt zeigen. Da sieht man nämlich, dass das Geld nahezu komplett sinnvoll eingesetzt wurde und dass es zumindest uns unglaublich geholfen hat.

Wir haben die Krämerbrücke, die älteste beidseitig bebaute und ganzjährige bewohnte Brücke nördlich der Alpen.

Wir hatten, wie wir inzwischen wissen, die älteste Universität im heutigen deutschen Staatsgebiet. Es gibt neue Dokumente, die belegen, dass die Erfurter Universität 1379 gegründet wurde, sieben Jahre vor Heidelberg. Sie wurde allerdings 1816 im Zuge der preußischen Universitätsreform geschlossen. Die Erfurter sagen, das lag daran, dass Berlin bevorteilt wurde. Das mag ein Teil der Wahrheit sein. Die ganze Wahrheit war viel banaler: Es gab zum Schluss nur noch 13 Studierende und 30 Professoren. Ein Betreuungsverhältnis, welches man an heutigen Hochschulen nur noch schwer findet. Wir haben inzwischen wieder eine Universität mit 5.000 Studierenden und eine Fachhochschule auch mit 5.000 Studierenden. Das Betreuungsverhältnis ist nicht mehr ganz so gut. Unabhängig davon lässt es sich in Erfurt hervorragend studieren.

Wir haben in Erfurt die älteste erhaltene Synagoge Mitteleuropas. Das Gebäude haben wir erst in den späten 80er Jahren gefunden. Das klingt ein bisschen abstrus – wie kann man ein solches Gebäude finden. Eine traurige Geschichte: Es gab 1349 das erste Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Das Gebäude wurde danach, wie es so banal heißt, umgewidmet. Es war Lagerhaus, es war später ein Tanzsaal und vieles, vieles mehr. Es wurde so verbaut, dass es nicht mehr erkennbar war als Synagoge, und hat deswegen die Jahrhunderte überstanden. Seit zwei Jahren ist es als Museum geöffnet. Wir haben bei Straßenbauarbeiten noch einen jüdischen Gold- und Silberschatz gefunden, der auch auf der Welt seinesgleichen sucht. Und wir versuchen jetzt, mit diesem jüdischen Teil unserer Geschichte auf die Unesco-Welterbe-Liste zu kommen.

Ich hoffe, Sie haben einen erfolgreichen Parteitag. Ich hoffe, Sie finden den Weg in die Innenstadt. Und wenn Sie sich für Erfurt so begeistern, dass Sie herziehen wollen, das liegt durchaus im Trend: Die Stadt wächst.

In diesem Sinne: Herzlich Willkommen in Erfurt!