An die Solidarität denken

Aus dem Beitrag von Frank Castorf, Intendant der Volksbühne Berlin

Liebe Anwesende! Ich wäre schon Stunden hier, aber es ist ein Missgeschick passiert. Der Fahrer von Gregor Gysi wartete am repräsentativen Eingang der Hackeschen Höfe, um mich abzuholen, und ich stand am Hinterausgang der Hackeschen Höfe. Und wie es für Linke richtig ist, wartet man, wartet und bewegt sich nicht. Eine Stunde dauerte das. Und justament funktionieren dann auch keine Handys, Kommunikation bricht zusammen und führt dann wieder in die Bewegung, in den Körper und in die Beine. Also die Not war da, wir bewegten uns aufeinander zu und haben uns getroffen. Das dauert manchmal eine Stunde, manchmal zehn Jahre. Ich glaube, das ist ein Synonym.

Ich war immer ein parteiloser Mensch, das werde ich auch bleiben. Ich hasse Parteiausschlüsse. Aber es gibt etwas, was mit Sturheit zu tun hat wie bei Manne und Frank. So sind wir halt. Und die Sturheit hat mich erinnert an einen Satz, den man mir einmal in Budapest gesagt hat, ein jüdischer Ungar sagte den zu mir:

Wer wenn er jung ist, nicht links ist, ist ein Schuft. Und wer wenn er alt geworden ist, noch links ist, ist ein Idiot.

Das kann vielleicht ein jüdischer Ungar sagen oder ein ungarischer Jude. Aber manchmal ist Sturheit, wenn sie nicht psychopathologisch wird, denn dann wird sie totalitaristisch und dann wissen wir, was auf uns zukommt und dann ist es abzulehnen ... Aber eine Kontinuität, eine Würde zu behalten, notfalls zu wechseln, wenn einem etwas nicht gefällt und etwas Neues da ist und wenn man dann sehr prominent ist, wie jemand hier im Saal, dann ist das ein großer Akt der Entscheidung und des Mutes!

Ich habe n-tv gesehen, Peter Sodann hat so als Alt-Linker für mich gesprochen, der immer sehr mutig war und positioniert, was er sehr schmerzlich am eigenen Leib erfahren hat, dass das Prügel bedeutet. Prügel ist gut, weil man wach wird. Eine bestimmte Kontinuität zu behalten, das sind Vorbilder für mich. Der Peter Sodann zum Beispiel, ein Axel Eggebrecht, das ist ein Peter Scholl-Latour, egal was man von ihm denkt, aber der etwas sagt und etwas weiß, was man nicht tut und vor allem nicht als Deutscher – sich irgendwo zu beteiligen, 50 Jahre nach Belgrad wieder in Kanzeln zu sitzen und 2001 und mit Sicherheit danach wieder etwas zu bombardieren, wo wir Deutsche nichts zu suchen haben, wir Deutsche ganz bestimmt nicht!

Ich glaube neben den vielen Sachen, die ich höre oder gehört habe heute auf n-tv, die mir auch gefallen haben, die sehr unterschiedlich sind, sollten wir nicht vergessen – meine Vorrednerin hat daran erinnert – egal wie viel Arbeitslose wir heute haben, und das ist überhaupt nicht egal, das sind sehr, sehr viele: Arbeit ist auch ein Stück Menschenwürde und ein Menschenrecht. Es ist auch die Voraussetzung für eine kulturelle Entwicklung. Und selbst wenn wir bald nur noch 3,5 Millionen Arbeitslose haben, dann ist doch die Frage, was wird mit diesen Menschen, wer schützt sie, wer ist die Lobby? Wer nimmt den Sprachlosen diese Angst und gibt ihnen eine Sprache, eine mächtige Vertretung? Nicht nur denjenigen, die jetzt noch Arbeit haben. Und unter welchen Bedingungen haben sie Arbeit, darüber müssen wir nachfragen. Es ist nicht ein absoluter Begriff, überhaupt zu arbeiten, sondern auch unter menschenwürdigen Bedingungen. Und bei denjenigen, die ausgegrenzt sind, da passiert etwas viel Schlimmeres. Sie werden zurückgeworfen auf eine Ebene der Depression, des Nicht-weiter-Wissens, der Entmündigung, einer Selbstzerstörung, einer Selbstvernichtung. Früher hatte man etwas, was wichtig ist, und das sind eben auch kulturelle Institutionen – Sportklubs, auch Theater, auch Opern. Menschen konnten sich selbstverständlich an einem gesellschaftlichen Kommunikationsprozess, der auch Kunst darstellt, beteiligen. Die Möglichkeiten haben sie kaum noch oder nur noch relativ privilegierte Schichten der Mittelschicht, die uns alle ausmachen. Den Schmerz empfinden wir nicht. Wir empfinden ihn erst, wenn wir ihn bereits erheblich erleben müssen.

Es gibt etwas, weil Ost und West hier zusammenkommen, vielleicht viel zu spät, aber immerhin nicht zu spät, glaube ich, Gorbatschow gedenkend, das ist etwas sehr Wichtiges. Weil Not ist im Land, weil so eine ungeheure Verlogenheit im Land ist. Ich habe gestern den Peter Struck gehört in einer Politsendung. Er sagte einen Satz: Natürlich sind wir alle eitel, wir Politiker, sonst wären wir ja nicht Politiker.

Seien Sie nicht böse, das ist nur ein Nebensatz, und der ist sympathisch. Auch Gregor Gysi und Oskar Lafontaine sind Schauspieler und sind eitel. Aber es ist die Frage, mit welcher Leidenschaft man etwas tut. In die meisten Gesichter brauchen Sie bloß reinzugucken, die sagen: Lüge, Lüge, Lüge. Das sagt jeder, der keine Bildung hat, aber sein Herz spricht und sagt: Es ist Lüge, was ihr uns da auftischt. Frau Wieczorek-Zeul sagt, in Liberia, diesem kleinen Bastard, den die Amerikaner den Afrikanern zurückgegeben haben, das ist doch wunderbar, wie es da alles läuft, die haben dort bereits eine Staatspräsidentin. Ein Land, das im Blut watet, im Bürgerkrieg! Wir haben Afrika aus unserem Bewusstsein ausgekoppelt. Wir kommunizieren nicht mehr mit denen, die außerhalb von uns leben, nicht wirklich, nicht wirklich wirkungsvoll.

Und wir kommunizieren auch nicht mehr wirklich mit denen, die wir ausgegrenzt haben, die vier Millionen, die arbeitslos sind. Wir lassen sie zu sehr allein. Alle, die sich bereits an den Geschmack der Macht gewöhnt haben. Und es ist wichtig, dass diese Partei anders das Wort Solidarnosc versteht – Solidarität! Den gleichen Appell kann man auf Kirchentagen sagen. Früher haben Kirchen, Parteien, Gewerkschaften den Menschen eine Heimat gegeben, die sich nicht selbst orientieren konnten, wollten oder erzogen werden mussten und auch wollten. Es ist ein väterliches Prinzip, ein mütterliches Prinzip. Ich glaube, eine Partei sollte eine solche Heimat sein und nicht nur den Rechten überlassen, dass wir dort die Vaterfigur empfinden oder die Mutterfiguren. Das halte ich für etwas ganz Wichtiges. Wir lösen diese Strukturen auf, auch kämpferische ehrliche Parteien, das ist mir sehr, sehr wichtig. Ich weiß nicht, wie lange ich Spaß habe, diesen Weg zu verfolgen. Ich hoffe, dass Sie mit viel Optimismus und Kraft an die Solidarität denken, die wichtig ist.

Ich habe vorhin gehört, ein Kollege sagte, in Köln, in der WASG gibt es das Lied: Jetzt geht’s los. Und er sagte: Seien Sie mir nicht böse, wenn ich dieses Lied höre … und schlug die Internationale vor. Sehr schön.

Jetzt geht’s los. Da erinnere ich mich an den deutschen Kriegsminister und bärtigen Radfahrer, der vor dem Wahlkampf, den er verlor, ein Lied anstimmte. Das war: Jetzt geht’s los. … Jetzt geht’s los, Deutschland …

Ich habe relativ viel in Brasilien gearbeitet. Ich habe gesehen, wie die Menschen auch mit Würde arm sein können, wenn sie ihre Gemeinschaft haben. Da ist Hoffnung in diesem Süd- und Mittelamerika. Das hat auch mit dem alten Companero Castro zu tun. Auch mit einigen Inkriminiertheiten, wie unser Freund, der andere Freunde mit Erdöl unterstützt. Das ist auch Politik. Er ist vielleicht ein Obrist, trotzdem ist er mir, dafür werde ich vielleicht jetzt nicht mehr ausgeschlossen, sehr sympathisch.

Ich würde sagen, statt »Jetzt geht’s los« in dieser typisch deutschen Aufbruchsmentalität, wenn man schon einschläft in diesem Land, wenn es schon so ist, wenn sich die Leute, die nichts miteinander zu tun haben, sagen, wir haben den vereinten Willen, etwas zu verändern und uns hält auch etwas zusammen – da würde ich sagen, es gibt auch ein sehr schönes Lied von Bertolt Brecht: Und weil der Mensch ein Mensch ist, darum will er etwas zu fressen, bitte sehr. Und wenn er das nicht kriegt, wird er richtig wütend. Es gibt auch dort ein Solidaritätslied. Denken wir also auch an politische Menschen, die auch Künstler waren, wie Brecht, wie Eisler, das wäre mir persönlich wichtig!

Ich danke Ihnen. Und ich wünsche Ihnen viel Erfolg!