Engagiert

Grußwort von Werner Schneyder

Liebe Anwesende, sollte mein Mikrofon schon an sein, dann äußere ich die Vermutung, dass Sie schon völlig erschöpft sind. Ich bin es auch. Aber ich bin engagiert, und zwar im doppelten Sinne des Wortes, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Meine Damen und Herren, angesichts Ihrer Parteigründung, die ich für einen wichtigen Schritt im Sinne einer politischen Hygiene halte, möchte ich einige Anmerkungen zur Ökonomie im Allgemeinen machen. Die Nationalökonomen wissen ganz genau, dass die ganze Welt pleite ist. Das Einzige, was sie nicht wissen – ihretwegen. (...)

Es ist heute hier schon gesagt worden: Von deutschem Boden darf nie mehr ein Krieg ausgehen! Die Amerikaner sind der Meinung, dass Kriege überhaupt nie mehr ausgehen dürfen.

Wer das begreift und sich wehrt, wird weltweit niedergeknüppelt. Der Pekinger Platz des Himmlischen Friedens ist ein globales Modell. Man kann das reale Monopoly bekämpfen oder sich darin zu behaupten versuchen. Das ist leider die Idee der EU, verbunden mit unerträglichem Dirigismus nach innen. Das Brüsseler Zentralkomitee muss nur aufpassen. An der Planwirtschaft ist schon eine Weltrevolution gescheitert. (...)

Meine Damen und Herren, Sie haben eine neue Partei gegründet. Daher wäre es jetzt zu billig, hier auf die anderen Parteien zu schimpfen. In Österreich allerdings würde ich sagen: Wenn heute einer von den Genossen »Genossen« sagt, dann meint er damit das Mittelwort der Vergangenheit, also einen »Chateau Rothschild«. Und wenn einer von einem 68er spricht, will er sagen: Der Wein sei reif für die Versteigerung. Bei Sotheby’s. Andererseits entgegne ich dem Vorwurf des sogenannten Nadelstreifen-Sozialismus mit der Gegenfrage: Warum soll ein Sozialdemokrat keinen Maßanzug tragen. Irgendwas muss ihm ja passen, wenn schon nicht der Sozialismus.

Hier vor Ihnen sage ich: Ich glaube nicht, dass der Sozialismus verloren hat. Der Sozialismus hat nur dort verloren, wo er ununterbrochen gesiegt hat. Im Westen, wo er schon in den eigenen Parteien kaum eine Chance gehabt hat, hat er eine Menge gewonnen. Bitte – bei uns ist es im Sozialismus gelungen, aus der so genannten freien Marktwirtschaft eine soziale zu machen. Das ist ein gigantischer Erfolg. Das ist wie wenn Sie einem Vampir Vollwertkost unterjubeln. Ich glaube auch nicht, dass es mit dem Klassenkampf vorbei ist. Er sieht jetzt nur etwas anders aus. Der neue Klassenkampf geht jetzt erst so richtig los. Der zwischen Produzenten und Konsumenten, zwischen Vergiftern und Vergifteten. Der zwischen denen, die totstinken, und denen, die totgestunken werden. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass die, die totstinken, ja selbst auch einatmen müssen. Das ist richtig, das wissen die auch ganz genau. Aber die sagen sich: Bis wir uns totgestunken haben, haben wir wesentlich angenehmer gelebt als jene, die nur einatmen. Dagegen kann man nicht argumentieren. Dagegen kann man sich nur wehren. Es wird zum Aufstand derer kommen, die totgestunken werden, ohne unterdessen angenehmer gelebt zu haben. Es wird sich eine neue Klasse bilden, statt Proletarier Inhalierer. (...)

Der Sozialdemokratie habe ich schon vor langer, langer Zeit dieses kleine Gedichtchen gewidmet: Dieses ist das Schicksal der Sozialdemokratie, wenn sie regiert. Die Kapitalisten sagen, sie wird schlecht wirtschaften. Die Sozialdemokratie muss nur nachweisen, dass die Kapitalisten irren. Also wirtschaftet die Sozialdemokratie so wie die Kapitalisten, und die Kapitalisten haben allen Grund, der Sozialdemokratie ihre schlechte Wirtschaft vorzuwerfen.