Beschluss 2007-11

Bildung einer Historischen Kommission der LINKEN und Berufung ihrer Mitglieder

Beschluss des Parteivorstandes vom 25. August 2007

1. Der Parteivorstand beschließt die Bildung einer Historischen Kommission der LINKEN.

2. Der Parteivorstand beruft die Mitglieder der neuen Historischen Kommission entsprechend der bisherigen Vorschlagsliste. (Siehe Anhang) Die Historische Kommission wird beauftragt, den Anteil weiblicher und jüngerer Mitglieder zu erhöhen und in ihre Arbeit auch parteiunabhängige Spezialisten einzubeziehen.

3. Der Parteivorstand beauftragt Jan Korte mit der Koordinierung der Zusammenarbeit mit der Kommission.

4. Mitgliedern, die aus der Arbeit der Historischen Kommission ausscheiden, wird in einem offiziellen Schreiben des Parteivorstandes für ihre langjährige Arbeit gedankt.

5. Für einen Übergangszeitraum bleibt der Beschluss "Die weitere Arbeit der Historischen Kommission" vom Juli 2001 Grundlage der Arbeit. Die strukturellen Festlegungen werden auf die neuberufene Kommission übertragen. Ein neues Grundsatzpapier zur Arbeit der Historischen Kommission wird von den Mitgliedern der neugegründeten Kommission erarbeitet und vom Parteivorstand bestätigt.

6. Die Historische Kommission übernimmt von der Historischen Kommission der Linkspartei.PDS die Mitgliedschaft in der Internationalen Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH) mit Sitz in Wien (Österreich). Prof. Dr. Jürgen Hofmann vertritt als gewähltes Mitglied des dortigen Kuratoriums die Historische Kommission bei der ITH.

Finanzielle Mittel / Kostenstelle:   
Für die Arbeit der Historischen Kommission werden in den Finanzplan des Parteivorstandes 2008 finanzielle Mittel eingestellt.
Verantwortlich: Bundesschatzmeister in Abstimmung mit den Verantwortlichen der Kommission und dem Bereich Strategie & Politik


Zur der Arbeit der Historischen Kommission der Partei DIE LINKE

Im Zusammenhang mit der Gründung der LINKEN wird eine Historische Kommission der Partei gegründet, die an die bisherigen Erfahrungen der Historischen Kommission der Linkspartei.PDS anknüpft und sich neuen Anforderungen auf diesem Gebiet stellt. Als Kommission beim Parteivorstand hat sie keinen, den AG oder IG vergleichbaren Status.

Die Erfahrungen der letzten Jahre bestätigen, dass historische Themen in der öffentlichen politischen Debatte und Auseinandersetzung nach wie vor ein besonderes Gewicht haben. Auch das Selbstverständnis der Partei definiert sich neben den aktuellen Problemen zu erheblichen Teilen über Geschichtsbilder und deren Interpretation.

DIE LINKE braucht eine ständig geführte, eigenständige Geschichtsdiskussion. Ein Verzicht darauf würde bedeuten, dass einerseits dem Einfluss medial vermittelter Geschichtsinterpretationen politisch vorherrschender Kräfte nichts entgegengesetzt und andererseits die Konservierung überholter Geschichtsdeutungen in Teilen der Mitgliedschaft begünstigt wird. Historische Debatten sind in der Regel nie abgeschlossen. Dies gilt insbesondere für politisch sensible Ereignisse und Themen der Zeitgeschichte. Selbst scheinbar schon diskutierte und durch die Forschung hinreichend geklärte Probleme können unter neuen Konstellationen ein erhebliches Konfliktpotenzial und einen dementsprechenden erneuten Diskussionsbedarf hervorrufen.

Da DIE LINKE auf absehbare Zeit nicht auf Potentiale der etablierten Geschichtswissenschaft und deren Institutionen zurückgreifen kann, ist ein Gremium erforderlich, in dem der Partei nahestehende Historikerinnen und Historiker und andere mit historischen Themen vertraute Kräfte die historisch-politische Debatte in der Partei und in der Gesellschaft orientierend und beratend begleiten.

Mit der Neubildung einer linken Partei erweitern sich auch Aufgaben und Themen der historisch-politischen Debatte.

  • Als gesamtdeutsche Kraft muss sich die Partei stärker den Themen und Ereignissen zuwenden, die sich aus der Geschichte der Bundesrepublik ergeben. Sicher wird die besondere Stellung der DDR- und SED-Geschichte in der politischen Auseinandersetzung in den nächsten Jahren nicht aufgehoben. Doch die Überwindung der DDR-Fixierung ist für die Entwicklung der neuen Partei und ihre Aktionsfähigkeit in den gesellschaftlichen Debatten künftig von ausschlaggebender Bedeutung. Dabei geht es auch um die wechselseitige Aneignung von Erfahrungen.
  • Im Zuge der Parteineubildung stoßen Mitglieder zur Partei, die ihre politische Sozialisierung in sehr unterschiedlichen Parteien, Organisationen und Bewegungen erfahren haben. Damit erlangen Themen der Geschichte der Sozialdemokratie, der Gewerkschaften und verschiedener linker Gruppierungen der Bundesrepublik ein anderes Gewicht. DIE LINKE übernimmt Verantwortung für den Umgang mit dem Erbe und den Traditionen, die daraus erwachsen. Der notwendige Prozess der Vertrauensbildung verlangt außerdem nach einem Minimum an historischem Wissen.
  • Da Geschichte der Arbeiterbewegung und der ihr nahestehenden sozialen Bewegungen in der schulischen Bildung in der Regel nicht mehr vermittelt werden und nur noch selten Gegenstand von universitären Forschung und Lehre sind, ist in den kommenden Jahren mit einem wachsenden Wissensdefizit auf diesem Gebiet zu rechnen. Da sich Identität aber auch aus historischem Bewusstsein bildet, muss DIE LINKE einem solchen Geschichtsverlust entgegenwirken, der immer die Gefahr der Beliebigkeit in sich birgt.

Die Bildung der Historischen Kommission der Linkspartei.PDS ging auf eine Anregung des Außerordentlichen Parteitages vom Dezember 1989 zurück. Sie wurde 1990 vom Parteivorstand erstmals berufen. Ihre letzte Zusammensetzung ist vom Parteivorstand im Juli 2001 beschlossen worden. In diesem Zusammenhang wurde ebenfalls ein Grundsatzpapier über „Die weitere Arbeit der Historischen Kommission“ verabschiedet, in dem Aufgaben, Inhalte und Struktur der Kommission geregelt wurden. Der Sprecherrat der Historischen Kommission wird gegenwärtig von Daniela Fuchs (Berlin), Jürgen Hofmann (Berlin) und Klaus Kinner (Leipzig) gebildet.

Die Historische Kommission der Linkspartei.PDS hat im Verlaufe ihrer 17jährigen Arbeit zu wichtigen historischen Problemen Stellung genommen. Viele der Erklärungen, die der Partei als Diskussionsangebot unterbreitet wurden, sind heute kaum noch bekannt. Deshalb wird empfohlen, diese Stellungnahmen und Erklärungen, die die konfliktreiche Geschichtsdebatte in der PDS und in der Linkspartei widerspiegeln, in einer Sammlung zu publizieren. Damit könnte zugleich dokumentiert werden, wie sich die Partei bisher insbesondere mit der Geschichte der DDR und der SED auseinandergesetzt hat.

Für die Arbeit der Historischen Kommission Der LINKEN sind folgende Maßnahmen erforderlich:

1. Neuberufung der Mitglieder der Kommission durch den Parteivorstand der LINKEN. Um die Kontinuität der Arbeit sicherzustellen, sollten ca. 10 Mitglieder aus der bisherigen Kommission erneut berufen werden. Ein weiterer Teil der Kommission setzt sich aus neuen Mitgliedern zusammen. Auch sollte geprüft werden, inwieweit parteiunabhängige Spezialisten für die Mitarbeit in der Kommission gewonnen werden können. Im Rahmen der Neuberufung sollte unbedingt der Anteil von Historikerinnen und jüngerer Mitglieder erhöht werden. Es sollte erreicht werden, dass mehr Mitglieder der Historischen Kommission in den westlichen Bundesländern verankert sind. Zu berücksichtigen ist auch, dass Mitglieder mit ausgewiesener Kompetenz in wichtigen Themenbereichen gewonnen werden.

2. Mitgliedern, die aus gesundheitlichen, Alters- oder anderen Gründen aus der Arbeit der Kommission ausscheiden (z.B. Wilfriede Otto, Kurt Libera) bzw. nicht erneut berufen werden, ist in einem offiziellen Schreiben des Parteivorstandes für ihre teilweise langjährige Arbeit zu danken.

3. Für einen Übergangszeitraum kann der Beschluss des Parteivorstandes der Linkspartei über „Die weitere Arbeit der Historischen Kommission“ vom Juli 2001 Grundlage der Arbeit bleiben. Seine konzeptionelle Ausrichtung entspricht weitgehend den Ansprüchen an eine gesamtdeutsche Partei links von der SPD. Die strukturellen Festlegungen lassen sich ebenfalls auf die neuberufene Kommission übertragen. Ein neues Grundsatzpapier zur Arbeit der Historischen Kommission kann in den Folgemonaten von den Mitgliedern erarbeitet und vom Vorstand bestätigt werden.

4. Die neu berufene Kommission wählt aus ihrer Mitte einen Sprecherrat.

5. Bei der Festlegung der Geschäftsbereiche und Arbeitsschwerpunkte des Parteivorstandes ist die Zuständigkeit für die Historische Kommission zu klären. Für die effektive Arbeit einer Kommission beim Parteivorstand ist die unmittelbare Zuordnung zu einem Vorstandsmitglied zu empfehlen.

6.  Die Historische Kommission ist Mitglied der Internationalen Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH) mit Sitz in Wien (Österreich), die regelmäßige Konferenzen zur Arbeiterbewegungsgeschichte in Linz abhält. Diese Organisation und ihre Tagungen gehören zu den wenigen Möglichkeiten der Kontaktpflege und der gleichberechtigten Teilnahme am internationalen Wissenschaftsdiskurs. Diese Mitgliedschaft sollte unbedingt aufrecht erhalten werden. Gegenwärtig vertritt Prof. Dr. Jürgen Hofmann als gewähltes Mitglied des dortigen Kuratoriums die Historische Kommission bei der ITH.

7. Die Koordinierung und Organisation der Geschichtsarbeit verlangt einen hohen Aufwand, der in neuer Dimension und Qualität nicht allein ehrenamtlich zu leisten ist. Es sollte deshalb erneut geprüft werden, welche Möglichkeiten bestehen, die Kommissionsarbeit durch die Zuordnung einer/eines festen Mitarbeiter/in zu unterstützen.

Mitglieder der Historischen Kommission der Partei DIE LINKE

Prof. Dr. Günter Benser (Berlin) - Geschichte Arbeiterbewegung, DDR
Prof. Dr. Helmut Bock (Berlin) - Europäische Revolutions-, Politik- und Kulturgeschichte
Marcel Bois (Hamburg) - Linke Opposition in Weimarer Repu-blik
Dr. Stefan Bollinger (Berlin) - Geschichte der DDR
Dr. Jochen Cerný (Berlin) - Geschichte der DDR
Prof. Dr. Ludwig Elm (Jena) - Deutsche Parteiengeschichte, Konservatismus in Deutschland
Dr. Daniela Fuchs  (Berlin) - Sprecherin, Geschichte Polens
Prof. Dr. Karl-Heinz Gräfe (Freital) - Geschichte Osteuropas
Christian Grages (Hannover) - Geschichte der Linken in der BRD / DKP
Hartmut Henicke (Berlin) - Arbeiterbewegung bis 1914
Mario Hesselbarth (Erfurt) - Zeitgeschichte
Prof. Dr. Jürgen Hofmann (Berlin) - Geschäftsführender Sprecher, Beirat ITH, Preußen, deutsche Zeitgeschichte
Lothar Hornbogen (Berlin) - Archivar, Mitarbeiter PV
Bernd Hüttner (Bremen) - Linke Bewegungen
Prof. Dr. Mario Keßler (Berlin) - Arbeiterbewegung und Antisemitismus
Prof. Dr. Klaus Kinner (Leipzig) - Sprecher, KPD-Geschichte
Dr. Thomas Klein (Potsdam) - DDR-Opposition
Jan Korte (Osnabrück) - Mitglied des PV
Prof. Dr. Siegfried Kuntsche (Uelitz) - Geschichte DDR-Landwirtschaft
Dr. Manfred Lauermann (Hannover) - Linke Bewegungen BRD, 68er Bewegung
Dominik Rigoll (Berlin) - Innere Sicherheit, Protestbewegungen
Prof. Dr. Jörg Roesler (Berlin) - Wirtschaftsgeschichte
Prof. Dr. Anni Seidl (Berlin) - Politische Bildung LV Berlin
Dr. Reiner Tosstorff (Frankfurt/Main) - Geschichte internationale Arbeiterbewegung
Karlen Vesper (Berlin) - ND-Redakteurin für Geschichte
Florian Wilde (Hamburg) - Biografien
Sebastian Zehetmair (München/Berlin) - Globalkritische Bewegungen