Beschluss: 2017/035

Entwicklung dualer Studiengänge

Beschluss des Parteivorstandes vom 26. Februar 2017

Die Ausdifferenzierung des deutschen Hochschulsystems wird mit der Etablierung neuer Formate wie dualer Studiengänge seit einigen Jahren vorangetrieben. Damit besteht die Gefahr, bestehende Selektionsmechanismen im tertiären Bildungsbereich weiter zu manifestieren. Daher ist DIE LINKE der Ansicht, dass bezüglich des Ausbaus dualer Studiengänge folgende Aspekte zu beachten sind:

1. Bereits existierende duale Studiengänge sind auf die Empfehlungen des Wissenschaftsrates in ihrer Konzeptionierung zu überprüfen und der sich daraus abzeichnende Umstrukturierungsbedarf ist vorzunehmen. Als duale Studiengänge betrachten wir dabei, nach Maßgabe des Wissenschaftsrates, ausbildungs- und praxisintegrierende Studiengänge, bei denen eine Berufsausbildung als systematischer Bestandteil im Studium angelegt ist.

2. Es benötigt eine dringende Verständigung zwischen den Ländern in der KMK über einheitliche Standards bei der Einführung und Akkreditierung dualer Studiengänge, um die Mobilität von Studierenden innerhalb des tertiären Bildungsbereiches zu verbessern. Ein zentrales Qualitätsmerkmal zur Einschätzung der Dualität dieser Studiengänge sollte dabei die strukturelle und inhaltliche Theorie-Praxis-Verzahnung und damit die zu entwickelnde Transferkompetenz der Studierenden wie Lehrenden und Ausbilderinnen und Ausbildern werden. Ein duales Studium muss daher gekennzeichnet sein durch eine ausbildungs- oder praxisintegrierende betriebliche Phase, in Verbindung mit einer Lehre und Forschung auf akademischem Niveau. Zudem muss den dual Studierenden garantiert werden, dass ein dualer Bachelor einem anderen Bachelor-Abschluss unabhängig von der Art der Hochschule gleichwertig ist und dieser damit auch zu einem Masterstudium berechtigt.

3. Die bestehenden Qualitätssicherungssysteme sind auch konsequent auf duale Studiengänge anzuwenden um zu kontrollieren, dass den wissenschaftlichen Anforderungen an ein Studium Rechnung getragen wird. Ständig evaluiert und verbessert werden müssen dabei:

  • die konzeptionelle und systematische Verknüpfung der verschiedenen Lernorte,
  • die zeitlichen Rahmenbedingungen im Sinne der Studierbarkeit und
  • die vertraglichen Bedingungen und Mindeststandards im Ausbildungsbetrieb.

Dazu gehört auch die Etablierung einheitlicher Koordinierungsstellen an den (Fach-)Hochschulen und Berufsakademien mit dualen Studiengängen, um die organisatorischen und curricularen Abstimmungen zwischen Hochschule und Praxispartnern zu verbessern. Dabei müssen alle Statusgruppen in die Entwicklung der Studieninhalte, der Qualitätssicherung und der Abstimmung zwischen den Lernorten Hochschule und Betrieb paritätisch und auf Augenhöhe einbezogen werden.

4. Grundsätze wie die Vereinbarkeit von Studium und Familie, die Möglichkeit zur Überschreitung der Regelstudienzeit oder eines Teilzeitstudiums müssen auch in den bereits existierenden und neu entstehenden dual studierbaren Angeboten berücksichtigt und eingehalten werden. Eine Anhebung der Regelstudienzeit auf bis zu acht Semester für duale Studiengänge ohne gleichzeitige Anhebung des Workloads sollte vorgenommen werden, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Der Aspekt der Work-Life-Balance muss bei der Studiengangsorganisation dringend berücksichtigt werden. Die Möglichkeit zum Auslandsstudium und zum studentischen Engagement dürfen in keiner Art und Weise eingeschränkt werden. Es muss zudem die Möglichkeit bestehen, individuelle Freiräume im Studienverlauf wahrnehmen zu können. Die Sicherung der Studierbarkeit (zeitlicher Aufwand durch Studium, Ausbildung und Wege), sowie die des Übergangs vom Bachelor- zum Masterstudium sind dabei ebenso essentiell. Die Öffnungsklausel des Akkreditierungssystems für sog. Intensivstudiengänge sollte daher abgeschafft werden. Zugleich sind geeignete Beratungs- und Studienbegleitangebote für Studierende zu schaffen.

5. Der Entstehung prekärer Abhängigkeitsverhältnisse ist entgegen zu wirken. Dazu bedarf es qualitativer Standards, die eine gute Praxisbetreuung der Studierenden und Mindestanforderungen an die Ausbildungsverträge mit den Praxisbetrieben in Bezug auf angemessene Vergütung, Sozialleistungen und Urlaubsanspruch regeln. Den Studierenden muss daher eine Mindestausbildungsvergütung von mindestens 750 €, wie wir sie auch für Auszubildende fordern, gewährleistet werden. Ebenfalls müssen die Betriebs- und Personalräte für die Belange dualer Studiengänge sensibilisiert werden.

6. Da sich Studierende in dualen Studiengängen in einer Symbiose zwischen zwei "klassischen" Ausbildungssystemen befinden, braucht es eine Aufnahme dual Studierender, neben dem hochschulrechtlichen Rahmen auch auf den Geltungsbereich des BBiG, um ihnen Mitspracherechte und Rechtsansprüche im Praxisbetrieb zu gewährleisten.

7. Auch wenn der Ausbau dualer Studiengänge in einzelnen Hochschulverträgen festgeschrieben wurde, kann und darf dieser nicht allein unter der Maßgabe der zukünftigen Fachkräftesicherung erfolgen. Duale Studiengänge müssen den Anspruch haben, für ein breites Berufsspektrum auszubilden und nicht auf den Bedarf einzelner Unternehmen, sondern überbetrieblich ausgerichtet sein. Statt den Ausbau dualer Studiengänge zu fokussieren, sollten die aus der BAföG-Übernahme des Bundes den Ländern zur Verfügung stehenden Mittel in den Abbau sozialer Hürden im Bildungssystem und in eine Verbesserung der Qualität der Bildungseinrichtungen investiert werden.

8. Ebenso wie die Einheit und Freiheit von Lehre und Forschung gewährleistet bleiben muss, ist auch im dualen Studium dafür Sorge zu tragen, dass den Studierenden Raum für eine kritische Reflexion der Inhalte geboten wird.

9. Durch den Einfluss von Unternehmen als Praxispartner in dualen Studiengängen und dualen Hochschulen muss hier insbesondere die Frage nach dem Einfluss wirtschaftlicher Interessen an den Hochschulen beachtet werden. Daher ist im Sinne einer demokratischen Hochschule darauf zu achten, dass der Einfluss der Wirtschaft auch in diesen Einrichtungen und Studiengängen auf die Abstimmung der organisatorischen Studieninhalte im Sinne einer für die Studierenden sinnvollen Theorie-Praxis-Verzahnung beschränkt bleibt. Die Unternehmen dürfen nicht über die leitenden und zentralen Gremien der Hochschule weiteren Einfluss auf die Entwicklung dieser Einrichtungen nehmen dürfen. Hochschullehrende, Mitarbeiter und Studierende müssen paritätisch wesentliche Entscheidungskompetenzen ohne die Einflussnahme der beteiligten Unternehmen ausüben können. Damit geht einher, dass Berufsakademien, duale Hochschulen oder Hochschulen mit dualen Studiengängen dieselben Standards wie andere Hochschulen in den jeweiligen Hochschulgesetzen der Länder vorweisen. Das bedeutet auch, dass Einrichtungen außerhalb der Hochschulgesetze in Anlehnung an diese entsprechenden Selbstverwaltungsstrukturen besitzen, die es allen Mitgliedern ermöglichen, an wesentlichen Entscheidungen der Einrichtungen mitzuwirken.

10. Die weitere Ausdifferenzierung der Studiengänge und Hochschullandschaft in der Bundesrepublik mit dem wachsenden Angebot an dualen Studienangeboten birgt die Gefahr in sich, bereits bestehende Selektionsmechanismen im tertiären Bildungsbereich zu verstärken. Eine funktionale Ausdifferenzierung des Hochschulsystems ist nur dann zu begrüßen, wenn die verschiedenen Angebote und Hochschulen sozial geöffnet werden und unabhängig von der Bildungsbiografie, der Herkunft, Geschlecht oder der finanziellen Situation Zugänge auch zu dualen Studiengängen ermöglicht werden. Anzustreben ist daher auch weiterhin das Modell einer Gesamthochschule für alle, die je nach individuellen Bedürfnissen eine Vielfalt an Studienangeboten - dazu zählen auch duale Angebote - ermöglicht und sich so innerhalb der Hochschule funktional ausdifferenziert. Nur so können Zugänge zur Wissenschaft individuell geschaffen und garantiert werden.

Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit

Veröffentlichung des Beschlusses und Verschickung der Empfehlungen an die wissenschaftspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der LINKEN Landtagsfraktionen, Landesarbeitsgemeinschaften und entsprechende Strukturen zur weiteren Diskussion und Verwendung