Wissen für Russlandversteher

Eine Rezension von Harald Werner

Wie bei jedem Krieg stirbt auch im neuen kalten Krieg die Wahrheit als erstes. Wer sich dem widersetzt wandert in die Schublade der Russlandversteher, was Gabriele Krone-Schmalz, die langjährige Moskau-Korrespondentin der ARD und Professorin für TV und Journalistik schon sprachlich empört, weil sich nichts und niemand ohne Verstehen beurteilen lässt. Ihr Buch "Russland verstehen"(1) wirbt dementsprechend nicht um Verständnis für Russlands Politik oder gar für Putin, sondern hebt vergessene Tatsachen ans Tageslicht, analysiert mit zahllosen Fakten die Interessenlage der Kontrahenten und rechnet faktenreich mit der einäugigen Berichterstattung des Westens ab. Das Ganze locker geschrieben und im besten Sinne unparteiisch. Krone-Schmalz füllt 176 Seiten mit gut recherchierten Fakten, stützt sich aber auch auf zahlreiche, von ihr durchgeführte Interviews, die von Gorbatschow über Jelzin bis zu Putin reichen. Hinzu kommen ihre Informationen als Mitglied des Lenkungsausschusses im Petersburger Dialog.

Das Buch beginnt mit den verdrängten oder vergessenen Tatsachen zur Politik der Perestroika, der von Gorbatschow und nicht von Kohl ausgelösten Wiedervereinigung, erinnert an die freiwillige Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes sowie an die zahllosen Offerten Gorbatschows an den Westen, die Blöcke aufzulösen, radikal abzurüsten und eine Ära des Friedens einzuleiten. Allein dies alles zu lesen reicht, um nüchtern zu erkennen, dass die dann tatsächlich stattgefundene ökonomische und militärische Landnahme von EU und Nato, von Russland nicht nur als Demütigung, sondern auch als reale Bedrohung wahrgenommen werden muss.

Krone-Schmalz widersteht der naheliegenden Versuchung, dem Westen einseitig die Völkerrechtsbrüche und Menschenrechtsverletzungen im Kosovo-Krieg und bei den militärisch erzwungenen Regimewechseln im Irak oder in Libyen vorzuwerfen, Sie seziert auch die militärischen Aktionen Russland vom Georgienkonflikt bis zur Ukraine und dem Anschluss der Krim, um einerseits Interessantes zu Völker- und Menschenrecht auszuführen und andererseits die Probleme zu analysieren, die zwangsläufig aus der Auflösung der Sowjetunion entstehen mussten. Sie entwickelt dabei Verständnis für die Ängste der Völker, die sich über Jahrzehnte von Moskau unterdrückt fühlten, aber auch für die unausweichlichen Konflikte, die daraus entstehen mussten, dass in all diesen Ländern große Teile der Bevölkerung Russen sind. "Als Willy Brandt (…) 1989 in Moskau die Ehrendoktorwürde der Lomonossow-Universität zuteil wurde, hat er Michael Gorbatschow gefragt, was er sich in diesen schweren Zeiten vom Westen wünsche. Gorbatschows Antwort: Verständnis." (S.13)

Anmerkung

(1) Gabriele Krone-Schmalz, Russland verstehen, C.H.Beck 2015, 176 Seiten 14,95 €