Den 8. Mai 1945 als Befreiung begreifen

Erklärung des Sprecherrates der Historischen Kommission beim Parteivorstand der LINKEN zum 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus

In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 unterzeichneten in Berlin-Karlshorst Vertreter des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht sowie die Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Marine vor den Vertretern der Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition die offizielle Urkunde über die bedingungslose Kapitulation. Zuvor war bereits am 7. Mai in Reims die Kapitulation erklärt und unterzeichnet worden. Der Versuch, die Alliierten auseinander zu dividieren und eine separate Vereinbarung nur mit dem Hauptquartier der vereinten amerikanischen, britischen, kanadischen und französischen Streitkräfte auszuhandeln, scheiterte aber. Auch die sowjetische Seite hatte sich bei der Einnahme Berlins einseitigen Abmachungen verweigert. Gemeinsam hatten die Armeen und Verbände der Alliierten den Aggressor auf seinem eigenen Boden niedergerungen. Gemeinsam nahmen sie auch die bedingungslose Kapitulation entgegen. Die Völker Europas konnten aufatmen. Für sie war ein Krieg zu Ende, dessen Ausmaße, Zerstörungen und Opfer alles bis dahin Gekannte übertraf. In das kollektive Bewusstsein gingen diese Tage deshalb nicht allein als das Ende des Krieges, sondern vor allem als Tage des Sieges und der Befreiung ein.

Der Sieg über den deutschen Faschismus und die Befreiung Europas bleibt eine Leistung aller Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition. Nur in einer gemeinsamen Anstrengung konnte die menschliche Zivilisation vor einem Terrorregime gerettet werden, das vor keinem Verbrechen zurückschreckte. Die Bedrohung führte Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung und Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und politischer Orientierung zusammen. Die Hauptlast im Kampf gegen Nazi-Deutschland trug die Sowjetunion. Die langerwartete zweite Front im Westen verkürzte die Endphase des Krieges erheblich.

Das "Volk der Dichter und Denker" hatte sich selbst als "Volk der Mörder und Henker" diskreditiert. "Nie wieder Faschismus und Krieg", lautete deshalb die Botschaft, die sich 1945 aus bitterer Erfahrung ergab und die auch in Deutschland Widerhall fand. Das schloss die Frage nach Verantwortung und Schuld ein.

Während für die Frauen und Männer, die aus Zuchthäusern, Konzentrationslagern und aus der Emigration zurückkehrten, der Mai 1945 als Befreiung und Chance nie in Frage stand, sprachen traditionelle Eliten von Zusammenbruch. Bis heute halten die Versuche an, die Bedeutung dieser Tage unter Verweis auf deutsche Opfer zu relativieren. Gewiss zählen auch viele Deutsche – wenn auch nicht generell ohne Schuld – zu den Opfern des Regimes und des Krieges, dem sie zuvor zugejubelt hatten. Doch gilt für alle Überlebenden: Sie waren befreit von den Schrecken des Krieges. Sie waren befreit von der Rolle, die sie als Gefolgschaft eines mörderischen Regimes gespielt hatten. Sie waren befreit von der Möglichkeit einer schandbaren Perspektive als Sklavenhalter Europas.

Die Aufforderung, den 8. Mai 1945 ungeachtet widersprüchlicher Erfahrungen auch als Tag der Befreiung zu begreifen und 1945 nicht von 1933 zu trennen, die Richard von Weizsäcker vor 25 Jahren als Bundespräsident an die Gesellschaft der Bundesrepublik richtete, bleibt ein Maßstab für die demokratische Erinnerungskultur.

Die vorliegende Erklärung wurde von Jürgen Hofmann erarbeitet und vom Sprecherrat am 23. April 2010 verabschiedet.