AG Christinnen und Christen bei der Partei DIE LINKE

Positionspapier 2017

Wir konnten uns im Mai 1990 gründen, nachdem die PDS im März ihre neuen Positionen zu Gläubigen, Kirchen und Religionsgemeinschaften dargelegt hatte. Dabei benannte die PDS ihre "Mitverantwortung an einer verfehlten Politik der SED, die tragische Schicksale, Benachteiligung, Verdächtigung und ohnmächtige Betroffenheit auslöste". Sie bekannte ihre "Mitschuld an der bisherigen Politik" und bat "die Gläubigen, die Kirchen und Religionsgemeinschaften um Versöhnung".

Unser Anliegen

Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden, Musliminnen und Muslime sowie anderen Religionsgemeinschaften Zugehörige sind weder eine soziale Gruppe noch eine politische Partei. Sie gehören vielmehr allen sozialen Gruppen an und können Mitglieder oder Wählerinnen und Wähler aller humanistisch orientierten politischen Parteien sein. Sie haben ein jeweils individuelles Verständnis ihres Glaubens und können nicht gemäß ihrer Konfession weltanschaulich festgelegt werden. Eben so wenig ist die PDS eine Weltanschauungspartei.

Das den Juden in der Thora gegebene und von den Christen übernommene Gebot der Nächstenliebe stimmt überein mit dem Eintreten der Partei DIE LINKE "für eine friedliche, humane und solidarische Gesellschaft, in der sich jeder Mensch in der Gemeinschaft mit anderen frei entfalten" kann. Und DIE LINKE "versteht sich selbst als einen Zusammenschluss unterschiedlicher linker Kräfte. Ihr Eintreten für einen demokratischen Sozialismus ist an keine bestimmte Weltanschauung, Ideologie oder Religion gebunden."

Deshalb halten wir es für ganz normal und selbstverständlich, keineswegs für spektakulär oder nur ausnahmsweise möglich, wenn einer Religionsgemeinschaft Zugehörige sich auch in der Partei DIE LINKE politisch organisieren und engagieren oder sie unterstützen und genauer kennen lernen wollen. Warum dann unsere Arbeitsgemeinschaft? – Weil sich unter der Bürde von Lasten aus Geschichte nicht alles, was eigentlich selbstverständlich ist, auch für alle von selbst versteht.

Wir möchten zur weiteren Entwicklung unserer Partei beitragen und uns einem spezifischen Gebiet ihrer Geschichte kritisch zuwenden. Indem wir miteinander und in thematischen Veranstaltungen auch mit anderen sprechen, wollen wir neue Einsichten gewinnen, alte Vorurteile, bedauerliche Ignoranz und falsche ideologische Barrieren überwinden helfen. Gegen dogmatische Entstellung und "orthodoxe" Unbeweglichkeit, die neues Denken diffamierte, anstatt die Theorie von Marx – auch seine Religionskritik – zeitgemäß weiterzuentwickeln, möchten wir miteinander über aktuelle Religionswissenschaft, über modernes christliches, jüdisches und muslimisches Selbstverständnis reden. Uns scheint es dringend geboten, falsche Anti-Positionen abzubauen und daran zu erinnern, wie Marx mit seinem emanzipatorischen Ansatz, seiner Theorie und Zielstellung auch aus jüdischem und christlichem humanistischen Denken geschöpft hat.

Unsere Arbeitsweise:

In unserer Arbeitsgemeinschaft treffen sich:

  • Christinnen und Christen sowie anderen Religionsgemeinschaften Angehörende, die Mitglieder der Partei DIE LINKE sind oder ihr nahe stehen
  • sozialistisch – auch marxistisch – Orientierte innerhalb und außerhalb der Partei DIE LINKE, die sich zugleich als Christinnen und Christen verstehen
  • Mitglieder oder Freundinnen und Freunde der Partei DIE LINKE, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, aber offen sind für Anliegen, Geschichte, Traditionen, Kultur und Ethos jüdischer, christlicher, muslimischer und anderer religiösen Bewegungen und mit dort tätigen Linken politisch zusammenarbeiten möchten.

Wir beraten jeweils am 2. Sonnabend der Monate März, Juni, September und Dezember ab 10.30 Uhr im Karl-Liebknecht-Haus, 10178 Berlin, Kleine Alexanderstr. 28. Meistens beschäftigen wir uns dabei auch mit einer Thematik, die uns interessiert und weiterbildet.

Über unsere bisherige Arbeit:

Mit kompetenten Referentinnen und Referenten haben wir u. a. über folgende Themen gesprochen:

Unsere Sicht der Dritten Welt; Bewahrung der Schöpfung; Ethik im Judentum, Christentum und Marxismus; Karl Marx' Sicht des Christentums; Rosa Luxemburgs Schrift »Kirche und Sozialismus«; Gespräche zwischen Christen und Marxisten; die Religiösen Sozialisten Emil Fuchs und Harald Poelchau; Helmut Gollwitzer: "Als Christ Sozialist"; SED-Kirchenpolitik; Bekennende Kirche unter dem Faschismus; Dietrich Bonhoeffers Entscheidung gegen Hitler; Befreiung vom Faschismus und Kirchen; Antijudaismus, Antisemitismus und Antizionismus; Mit Faschisten sprechen?; Antifaschismus in der DDR und heute; Kultur des Erinnerns; Politisch kontrovers: Welche Geschichte bezeugen Gedenkstätten?; Israel heute; Der israelisch-palästinensische Konflikt; Religionsgemeinschaften und politische Parteien; Probleme von Pfarrern beim Zusammenschluss oder Anschluss von SPD und KPD; Kirche und Verfassungsschutz; Geschichtliches Erbe in den deutsch-russischen Beziehungen; Bertha von Suttner; Christliche Friedenskonferenz; Totalverweigerung als Friedensdienst; Pazifismus; Soldatenseelsorge contra Militärseelsorgevertrag; Prävention und Intervention bei Gewalt an Schulen; Hilfe zum Leben statt Euthanasie; Darwinismus; Probleme von Bioethik und Biomedizin; Tierschutz; Arbeit der Gossner-Kirche in der DDR; Arbeitsloseninitiativen der Gossner-Kirche in Indien; Der Dalai Lama über Buddhismus und Marxismus; Religionsunterricht und LER (Lebensgestaltung/ Ethik/ Religionskunde); Schulbücher im Fach LER; Religionsunterricht in Berlin; Der Staat-Kirche-Vertrag in Brandenburg; Die Frau in der Kirche; Frauen in reformatorischen Zeiten; Europäische Frauensynode; Christlicher Glaube und Feminismus; Von der Marktfrau zur vermarkteten Frau; Messiaserwartung und Bethlehemlegende; Rationalität – Spiritualität; Ökumenischer Rat der Kirchen; Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche; Afrikanische Ökumenische Kirche in Berlin; Arbeit mit Kurdinnen und Kurden; Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime in Berlin; Alevitische Muslime; Religiöses Leben Altgläubiger in Estland; Asyl in der Kirche; Soziallehre der Päpste; Sozialwort der Kirchen; Albert Schweitzer; Die PDS in alten Bundesländern; Wie kann die Dominanz der Marktlogik gebrochen werden?; Europäische Union und Entwurf ihrer Verfassung; Attac; Erklärung des Reformierten Weltbundes für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit; Christlicher Fundamentalismus in den USA als politische Herausforderung; Verbindungen der sächsischen Linksfraktion mit den Kirchen; Karl Marx und die Bibel; Bertolt Brecht und die Bibel

Wiederholt berieten wir über Fragen von Parteistatut und Parteiprogramm, über Wahlprogramme, die strategische Orientierung unserer Partei, konkrete Themen von Parteitagen; diskutierten mit Pfarrern, die als Abgeordnete unserer Partei im Bundestag bzw. in Landtagen arbeiteten.

Wir haben in Basisorganisationen und bei Parteiveranstaltungen sowie publizistisch über unsere Anliegen unterrichtet und viele diesbezügliche Anfragen beantwortet. Ebenso haben wir gute Verbindung mit anderen bundesweiten Arbeitsgemeinschaften.

Wir unterbreiteten Parteitagen und Parteivorstand u. a. folgende Vorschläge und Anträge:

  • Für Rechte von Minderheiten und Sympathisierenden in der PDS
  • Beachtung der ethischen Relevanz der Problematik von § 218
  • Beschluss des 2. Parteitags zur kritischen Auseinandersetzung mit der Sicherheitspolitik der SED
  • Formulierung im Parteiprogramm, dass die PDS an keine bestimmte Weltanschauung, Ideologie oder Religion gebunden ist
  • Verzicht auf prinzipielle Positionierung gegen Religionsunterricht
  • stärkere Beachtung von Ökologie
  • Aufnahme eines Abschnitts über Religionsgemeinschaften im Parteiprogramm.

Wir unterstützten Hilfs- und Solidaritätsaktionen, u.a. für Cuba und für die Rehabilitierung aller Opfer des Kalten Krieges.

Wir bezogen öffentlich Stellung gegen Bombenangriffe der USA und gegen die Angriffe der NATO auf Jugoslawien; für das Gedenken an den 11. September 1973, an dem die Gestaltung einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft in Chile brutalem Terror zum Opfer fiel.

Seit Juni 2002 haben wir einen Sprecherinnen- und Sprecherrat. Ihm gehören an: Dr. phil. Friederun Fessen, Pfarrerin Ilsegret Fink, Norbert Koenig, Dr. theol. Hannelis Schulte, Ulrike Schuster, Werner Schwerdtfeger, Christian Sperling.