Konsum – Terra incognita?

Wolfgang Hahn und Rudolf Mondelaers zu Lücken im Programmentwurf der LINKEN

In der Präambel sind drei Grundideen markiert:

  • Individuelle Freiheit und Entfaltung der Persönlichkeit für jede und jeden
  • Unterordnung von Wirtschaft und Lebensweisen unter die solidarische Entwicklung und den Erhalt der Natur
  • Die Verwirklichung kann nur in einem längeren emanzipatorischen Prozess geschehen, in dem (..) die Gesellschaft des demokratischen Sozialismus entsteht.

DIE LINKE kämpft deshalb vor allem "für eine andere, demokratische Wirtschaftsordnung, die die Marktsteuerung von Produktion und Verteilung der demokratischen, sozialen und ökologischen Rahmensetzung und Kontrolle unterordnet."

Unsere Kritik

So richtig diese Grundsätze einer Gesellschaftsstrategie von links sind, müssen wir doch darauf aufmerksam machen, dass sie, so gefasst, die Bedingungen der individuellen von denen der gesellschaftlichen Reproduktion und insbesondere von denen der Natur trennen. Die individuelle Reproduktion wird auf diese Weise wesentlich als Frage der quantitativen Teilhabe bzw. statischen Verteilung und die gesellschaftliche Reproduktion als Frage der Entwicklung materieller Strukturen der Wirtschaft und der Natur definiert. Es entsteht so die konkrete Gefahr des Verlusts des logischen und historischen reproduktiven Zusammenhangs und somit der strategischen Beliebigkeit. Diese Mängel werden insbesondere in der Problematik der reproduktiven Bedeutung der Konsumtion für Individuum, Gesellschaft und Natur deutlich.

Der Begründung und Konkretisierung der Programmziele ist die aktuelle Diagnose vorangestellt. Das heutige Gemenge an Groß-Krisensituation in globalen Dimensionen signalisiert die Unverzichtbarkeit einer modernen radikalen Kapitalismuskritik in Theorie, Programmatik und politischer Praxis. Das verlangt aber, den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess ganzheitlich, also in der Einheit seiner Elemente Produktion - Distribution - Zirkulation - Konsumtion und unter Einschluss des Akkumulationsregimes und der Regulationsweise, sowohl logisch als auch historisch ins Auge zu fassen. Auch nur einen Bereich davon zu ignorieren, heißt die Tragfähigkeit linker Strategien auszuhöhlen.

Das ist der Fall, wenn im Entwurf die Konsumtion und der Konsument nicht vorkommen - unser Thema.

Im Entwurf finden sich aus dieser Sicht schon in den diagnostischen Ausführungen ungenaue bzw. vereinseitigte Beurteilungen.

So wird die Soziale Marktwirtschaft nur definiert als ein nach dem II. Weltkrieg erkämpfter Kompromiss zwischen Lohnarbeit und Kapital. Wesentlich ist sie jedoch das Ordnungskonzept, mit dem die dem Fordismus adäquate Umverteilung in Gang gesetzt wird. Sie ist nicht das, was sie zu regulieren hat, nicht identisch mit der fordistischen Produktionsweise. Solche begriffliche Unschärfe führt zu widersprüchlichen Argumentationsmustern:

Einerseits wird zu Recht hervorgehoben, dass die ökonomisch-sozialen Probleme die Dimension einer Gesellschaftskrise erreicht haben. Andererseits beschränkt sich die Bestandsaufnahme auf die "klassischen" Beobachtungsfelder Produktion und Arbeit, Verteilung, politische Steuerung etc. Die heute existenzielle Krise der Lebensweise, materialisiert im fordistischen Konsummodell, bleibt außen vor.

Einerseits wird der Kapitalismus als eine jahrhundertlange Entwicklung der Dialektik von technischem Fortschritt, Profitmaximierung und sozialer Armut definiert. Wenn jedoch andererseits diese unstrittige Feststellung nur auf die spezifische Verteilungsform "Marktwirtschaft" bezogen wird, verschließt dies den Zugang zu qualitativ neuen Wesenszügen des kapitalistischen Systems.

Es ist u. E. unverzichtbar, in einem demokratisch-sozialistischen Parteiprogramm die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über den Fordismus zu verarbeiten. Und Fordismus ist nun einmal Massenkonsumtion auf der Basis industrieller Massenproduktion standardisierter Konsumgüter und -leistungen, er ist wesentlich konsumgestützter Kapitalismus. Die Krise des Fordismus ist die Krise seines Konsummodells. Erst mit der Eroberung der Konsumsphäre ("innere Landnahme") ist der Kapitalismus voll ausgereift - nicht ohne zugleich seinen Niedergang zu betreiben.

Da die Eigentümlichkeiten der fordistischen Reproduktion, folglich auch deren Triebkräfte, zu wenig berücksichtigt werden, reduziert sich die Argumentation des Entwurfs tendenziell auf die Darstellung äußerer Wirkungsbedingungen. Illustrativ dafür ist, dass

  • die Wirtschaftskrisen seit den 70ern nur vordergründig als Rückkehr zur kapitalistischen "Normalität" gefasst werden, ohne auf die Ursachen (unter diesen v. a. die Wirkungen der ökologischen Verwerfungen) der immer tiefer greifenden Reproduktionsstörungen einzugehen;
  • die neoliberale Wende vorwiegend als verwertungsorientierte, finanztechnisch organisierte Offensive zur Umverteilung von unten nach oben charakterisiert wird, ohne ihre Wirkungen auf die realen Wirtschafts- und Sozalstrukturen ausreichend zu beachten;
  • die Folgen der neoliberalen Politik primär als Einkommensdisproportionen bzw. Nachfrageprobleme gesehen werden, wodurch die Störungen der anderen Elemente des kapitalistischen Reproduktionsprozesses nur unvermittelt dargestellt werden.

(Die für die logische und historische Interpretation des aktuellen Kapitalismus zentrale Bedeutung des fordistischen Reproduktionsmodells wird im Entwurf nur einmal, die Problematik der Konsumtion nur in Kontext mit Einkommensabbau und ohne Verweis auf die Konsumstrukturen (außer einem Hinweis auf Luxuskonsum) angesprochen.)

Die Grundideen des Programms, so unser Fazit, erscheinen eher als etwas höchst Erstrebenswertes, nicht jedoch als ein in den gegebenen Verhältnissen "vorinstalliertes" Potential. Interessenlagen und Chancen des Widerstands gegen die neoliberale Hegemonie können so unerkannt bleiben.

Unsere Vorschläge

In die programmatische Arbeit sollten systematisch die Zusammenhänge zwischen materiellen Strukturen und finanzieller Regulierung, zwischen Produktion und Konsumtion, zwischen Massenkonsum und Umwelt, zwischen Lohnarbeit, Konsum und Kredit unter Rückgriff auf die theoretische Arbeit (politökonomisch, soziologisch, kulturwissenschaftlich) zum Fordismus einbezogen werden. Erfolgt das nicht, trägt das Konsequenzen für die Überzeugungskraft des Programms:

Die Grundideen der Unterordnung von Wirtschaft und Lebensweise unter eine solidarische Entwicklung und den Erhalt der Natur sowie der Entfaltung der Persönlichkeit in Freiheit und Solidarität werden reduziert auf einen Sammelkatalog von Einzelvorhaben außerhalb ihres strategischen und taktischen Verbunds. Denn:

  • Die grundsätzliche Bedeutung der Massenkonsumtion einschließlich ihrer Kreditvermittlung (Konsumentenkredite aller Art, Sparen, Versicherungen) für die Strukturierung der Reproduktion wie für die Verwertung wird nicht geklärt.
  • Dann aber erschließt sich auch die Kausalität zwischen den Strukturen der Massenproduktion und -konsumtion, des Profits und den ökologischen Zerstörungen nicht hinreichend für linke Projekte. Die Umweltkrise lässt sich nicht als das in allen Krisen dieser Zeit Verborgene entziffern.
  • Die Krise des fordistischen Konsummodells bleibt folglich eine unter vielen Krisen, während sie doch hinsichtlich der Überbeanspruchung natürlicher wie sozialer Ressourcen maßgeblich zu den Störungen der Systemreproduktion beiträgt. Von einer Konsumkrise ist dann zu sprechen, wenn die Konsumtion in Quantität und Qualität nicht die Reproduktion des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens zum "Wert der Ware Arbeitskraft" (Marx) gewährleistet. Zu diesem notwendigen Aufwand sind auch die Erfordernisse künftiger, stark veränderter Arbeits- und sozialer Gestaltungsprozesse zu rechnen, auf die weder die individuelle noch die gesellschaftliche Konsumtion eingerichtet ist. Wir haben es unter diesem Aspekt also mit Zuständen von Unterkonsumtion zu tun. (Unter diesen Begriff ist natürlich auch zu subsumieren, dass relevante Teile der Bevölkerung (die "Überflüssigen") schon jetzt von den üblichen Konsumstandards ausgeschlossen sind. Zugleich ist Überkonsumtion gegeben in Bezug auf die Disproportionen, die durch die gigantische Überbeanspruchung von Naturressourcen (nichtregenerierbare Rohstoffe, Boden, Wasser, Atmosphäre, Biodiversität) verursacht werden.
  • Schließlich wird einer vorwiegend finanztechnischen Interpretation der Finanzkrise Vorschub geleistet, wenn Entfaltung und Aufblähung des Kredits nicht auch mit Blick auf den Reproduktionssektor "Mensch" hinterfragt werden.

Das alles mag schwierig sein, auch teilweise unbequem, soweit linke Denktraditionen und Wertekanons davon nicht verschont bleiben. In der strategischen und politisch-konzeptionellen Arbeit kommen wir jedoch nicht umhin, eine Reihe von Fragen aufzuwerfen, die bislang nicht erkannt oder unterschätzt wurden. In erster Instanz sind das Fragen zur Erklärung und zur Überwindung des Konsumismus als der, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt, so doch hegemonialen Verhaltensweise. Es ist jedoch notwendig, um linker Konsumkritik, die zu oft in den üblichen plakativen Empfehlungen "anders zu leben" stecken bleibt, als unverzichtbaren Teil von Gesellschaftskritik zu Substanz zu verhelfen.

Diese Kritik am Programmentwurf verlangt eigentlich eine weitgehende Bearbeitung. Das ist sicherlich nicht machbar. Zum einen fehlt es an personeller Kapazität und an zeitlichen Möglichkeiten. Zum anderen jedoch sind die sich hinter diesen Thesen verbergenden theoretischen Zusammenhänge außerordentlich komplex und teilweise auch noch zu wenig erforscht. Aber ein Abschnitt, in dem explizit die Probleme rund ums Konsumieren benannt und ihre Bedeutung für strategische Suchprozesse hervorgehoben werden, in Verknüpfung mit anderen Teilen des Entwurfs, sollte machbar sein. In einem derartigen Abschnitt wären Grundsätze und Hauptrichtungen einer linken Konsum-Strategie zu skizzieren:

  • Die LINKE geht davon aus, dass tiefgreifende Veränderungen der Lebens- und Konsumtionsweise unausweichlich sind. Die Gefahr droht, dass diese unter neoliberaler Dominanz, also über einen Mix von Marktmechanismen und staatlich-repressiver Steuerung vollzogen wird. Damit wäre ein erfolgreicher Umbau zu einer ökologisch und sozial nachhaltigen Lebensweise ausgeschlossen.
  • Die LINKE präferiert dagegen Wege zur Demokratisierung der Konsumtion. Sie setzt ihre Erwartungen auf die Konsumenten selbst, auf deren Fähigkeiten und zu fördernde Bereitschaft, sich vernünftig zu verhalten. Das verlangt vor allem den Einsatz für praktikable Alternativen.
  • Die LINKE predigt nicht Askese. Sie schließt Verzicht nicht aus, akzeptiert ihn jedoch nur als Teilvorgang auf dem Weg zu einer neuen, höheren Lebensqualität.
  • Die LINKE betrachtet steigende Einkommen der sozial Schwächeren einschließlich Rücklagenbildung als günstige Voraussetzungen für Verhaltensänderungen. In diesem Zusammenhang sind Möglichkeiten zur Nutzung des Kreditsystems ebenso zu prüfen wie die Konzepte eines allgemeinen Grundeinkommens.
  • Die LINKE tritt für deutliche Verlagerungen der Proportionen zwischen individueller und gesellschaftlicher Konsumtion ein.
  • Die LINKE offeriert ebensowenig ein vorgefertigtes neues Konsummodell wie sie sich mit einer Auflistung von Verhaltensratschlägen begnügt. Sie orientiert auf erste, aber auch ausgreifende Schritte und knüpft in ihren Forderungen an Negativ-Erfahrungen der Verbraucher an (z: B. Qualitätsverfall bei Konsumgütern und Dienstleistungen). Sie konzentriert ihre Absichten auf den "archimedischen Punkt", von dem aus sämtliche Konsumstrukturen in Bewegung zu setzen sind - den energetischen Umbau.
  • Die LINKE wendet sich mit Vorschlägen und Angeboten an den individuellen Konsumenten, der mit seinem Verhalten Signale setzt. Sie sucht darüber hinaus nach Wegen zur Assoziation der Konsumenten. Im Unterschied zum vereinzelten Verbraucher, der Einfluss erst als Käufer, also im Nachhinein an die Produktion geltend machen kann, ist der organisierte Verbraucher in der Lage, unmittelbar auf Wirtschaft und Politik einzuwirken (Boykott, Gesetzgebung, Verbraucher-Voten).
  • Die LINKE beachtet die soziale Ausdifferenzierung in der Konsumsphäre, wendet sich jedoch prinzipiell gegen Ausgrenzungen. Sie ist am Erhalt verschiedenartiger Lebensstile interessiert und hält diese für vereinbar mit Grundsätzen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit.

(In diesem Text mussten wir uns auf den Kern unseres Anliegens beschränken. Selbstverständlich sind wir bereit, sollte dies erwünscht sein, uns zu diesem Thema eingehender zu äußern.)