Bayern

Der LINKE Kiosk in Fürth

Inzwischen gehören wir zum Stadtbild - Von Henry Förster

Am 7. Juni 2009 war es soweit: Thomas Händel wurde in das Europaparlament gewählt und richtete eines seiner Bürgerbüros - natürlich - in Fürth ein: Wegen der zentralen Lage und der Nähe zu seinem bisherigen Arbeitsplatz als Erster Bevollmächtigter der IG Metall wurde sein Büro im Gewerkschaftshaus eröffnet. Wolfgang Meistereck und ich wurden seine Mitarbeiter. Für uns alle war das Neuland und wir haben in vielen Gesprächen unsere Aufgaben definiert. Klar war: Nur Terminabsprachen für Thomas sind zu wenig und Präsenz vor Ort zu allgemein. Wir wollten den Kontakt zu den Menschen in Fürth herstellen, sie über die Arbeit der LINKEN im Europa- und in anderen Parlamenten informieren und sie in sozialen Angelegenheiten unterstützen.

m Gewerkschaftshaus gab es einen kleinen Zeitungskiosk, der im Laufe der Zeit vom Näh- und Handarbeitsladen zum Handyladen verkommen war. Am Ende stand er nur noch leer. Dann war sie plötzlich da, die Idee, und wir haben die Chance für eine sinnvolle, etwas andere Nutzung gesehen. Der LINKE KIOSK war geboren. Durch das in die Jahre gekommene Schiebefenster sollte jetzt der direkte Kontakt zu den Menschen auf dem Gehweg möglich werden. Ein Kiosk ist seit jeher auch eine Begegnungsstätte. Wir haben den Kiosk so gestaltet, dass dieser Charakter nicht verloren ging. Rechts und links vom Fenster liegen wie früher Tageszeitungen und Häkelhefte, heute die aktuelle »EuropaRot« der LINKEN im Europaparlament, die »Klar« und »Clara« der Bundestagsfraktion neben Themenflyern aus Brüssel, Strasbourg und Berlin.

Aller Anfang ist schwer ...

Als wir zum ersten Mal das Fenster zum Kiosk öffneten, wurden wir mit reichlich Skepsis bedacht: Wer sind denn die? Was wollen die? Wie ticken diese LINKEN eigentlich?

Ganz schnell ergaben sich erste Kontakte, sozusagen »über den Gehweg«.

Es kam immer wieder vor, dass Menschen nach der Zeitung mit den großen Buchstaben fragten und wir sie davon überzeugen konnten, dass die »Klar« doch politisch korrekter ist. Auch Zigaretten werden häufig nachgefragt, wir bieten dann als Alternative einen Kaffee an.

Manchen in Fürth sind wir natürlich ein Dorn im Auge. Eines Morgens war der Kiosk mit orangener Farbe »umdekoriert« worden die »braune Soße« hatte zugeschlagen. Die noch harmloseste Formulierung als Reaktion der Fürther war, dass eine andere politische Meinung zu haben nicht so weit gehen dürfe.

Am Ende hat uns diese widerliche Aktion der Nazis nur gestärkt.

"Ich darf mir das doch mitnehmen ..."

Inzwischen gehören wir zum Stadtbild. Wir werden wahrgenommen. Uns gegenüber sind die »Fürther Nachrichten«. Wir stellen immer wieder fest, dass viele erst im Schaufenster der Tageszeitung die aktuellen Nachrichten lesen und dann zu uns an den Kiosk kommen. Hier finden sie die Pressemitteilungen unserer Abgeordneten als Aushang zu den aktuellen Themen und vor allem vieles zu unseren europäischen Themen und Positionen. Darüber berichten die »Fürther Nachrichten« - genauso wie andere Zeitungen - so gut wie nie.

Und dann sind da noch unsere Bunten ...

... und bunt waren nicht nur ihre Haare. Sie sind jung und alternativ, eine bunte Mischung aus Schulen und Berufen, und sie sind neugierig auf Politik. Sie haben gemerkt, dass sie in den Schulen doch eher oberflächlich informiert werden über das aktuelle Zeitgeschehen. Sie haben eine eigene Meinung, die sie vertreten. Sie sind neugierig auf Zusammenhänge aus der Geschichte, um das, was in der Welt passiert, verstehen zu können. Manchmal sind die Jugendlichen auch nur auf einen Kaffee oder Tee da und wollen quatschen.

Inzwischen sind es circa 20, die uns regelmäßig besuchen oder sich im Kiosk treffen. Besonders spannend war die Zeit um die Atomkatastrophe in Japan. Nachdem sie sich weder in den Medien noch in der Schule ausreichend informiert fühlten, sahen wir uns im Kiosk gemeinsam die Livestreams aus Fukushima an. Einer sollte zu diesem Thema ein Referat in der Schule halten. Eigentlich hat mir der Lehrer leid getan, denn er bekam das ganze Wissen, die Neugierde, alle offenen Fragen ab; das Referat wurde letztendlich ein Gemeinschaftsprodukt aller Anwesenden. Das so gewonnene Wissen und Selbstvertrauen haben sie auch umgesetzt in unseren Montagdemos zum Atomausstieg. Sie waren in den Demonstrationszügen ein eigener, (laut)starker Block, der mit seinen Redebeiträgen gehört wurde.

Gemeinschaft ist, was sie suchen. Das zeigte sich, als einer von ihnen seine Bewerbung und den Lebenslauf bei uns schrieb. Ganz schnell war eine »Arbeitsgruppe« entstanden, die ihr schulisches Wissen zur Gestaltung von Lebensläufen einbrachte - das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Gelegentlich suchen die Jugendlichen auch mal ein »Vier-Augen-Gespräch«. Wenn sie in der Schule wieder in ein »Fettnäpfchen« getreten sind oder wenn daheim der Haussegen schief hängt. Meist interessiert sie nur eine dritte Meinung, um ihren Standpunkt zu verstärken, aber auch, um ihn zu ändern. Gelegentlich geht das bis zur Vermittlung von Schlafplätzen. Dazu haben wir Kontakt zu sozialen Organisationen bis hin zu Jugend-WG's.

Sozialberatung - wie geht das denn?

Wir haben uns vorgenommen, die Fürtherinnen und Fürther bei ihrem oft harten Weg durch den Dschungel der Behörden und ihrer Formulare zu unterstützen. Meist haben die Menschen schon einen langen Weg hinter sich, bevor sie bei uns landen. Die Kommunikationswege sind gestört. Einer sagte mal: »Ich kann zwar meine Belange schriftlich formulieren, doch wenn ich zum Job-Center muss, bekomme ich Schweißausbrüche und mein Kopf ist leer, mir verschlägt es die Sprache.« An dieser Stelle setzen wir an. Wir hören uns die Probleme an, suchen gemeinsam nach Lösungen und gehen sie an. Wir begleiten die Menschen zu den Behörden.

Manche Schicksale treffen uns hart

Kürzlich stand eine Frau im Kiosk. Job weg, Streit mit der Freundin (auch körperlich), die im selben Haus wohnt. Sie traute sich nicht mehr in ihre Wohnung. Hier begann ihre Odyssee. Frauenhaus, war mein erster Gedanke, doch wer als Mann schon einmal versucht hat, einen Platz für eine Frau in einem Frauenhaus zu finden, weiß, was ich vor mir hatte. Doch wir haben es geschafft. Nach einigen Tagen hat sie uns wieder besucht, war neu motiviert. Einen neuen Job hatte sie sich schon besorgt; er stellte sich allerdings recht schnell als Fehlgriff heraus und musste nach einem Monat gleich wieder beendet werden. Es passierte, was passieren musste: Miete angemahnt, Drohung der Stromsperre, alles genau zu dem Termin, an dem das letzte Gehalt kommen sollte und wie immer erst ein paar Tage später auf dem Konto eintraf. Wir haben nach einigen Telefonaten eine Fristverlängerung erreicht. Die 95 Euro, die in Fürth einmal Strom abschalten und wieder freischalten kostet, waren im Budget der Frau eigentlich nicht vorgesehen.

Die Frau ist inzwischen wieder in ihrer Wohnung, sie hat eine Anstellung, sie sieht wieder Licht am Ende des Tunnels. Heute sagt sie von sich, dass sie ganz unten war und ohne die Unterstützung aus unserem Kiosk ihren Weg möglicherweise nicht mehr oder nicht so schnell gefunden hätte. Das ist uns mehr wert als jedes Dankeschön. Inzwischen unterstützt sie uns manchmal bei Infoständen und anderen Aktionen.

Das ist der LINKE KIOSK

Bei uns treffen sich Linke, egal ob dick oder dünn, ob jung oder alt. Wir sind die Anlaufstelle. Man trifft sich nicht mehr in dunklen Hinterzimmern, sondern in aller Öffentlichkeit vor oder im Kiosk. Hier werden Ideen zur Gestaltung oder zum Thema des nächsten Infostandes geboren. Oder nur mal eine Tasse Kaffee getrunken.

Hier treffen sich Menschen, die einfach mehr über die parlamentarische und oft auch die außerparlamentarische Arbeit der LINKEN erfahren wollen, die unser politisches Handeln im Europaparlament, im Bundestag und in anderen Parlamenten verstehen wollen.

DIE LINKE im Europarlament ist gut angekommen in Fürth.