Sachsen

Heißer Draht am roten Telefon

Als ich 2007 in unsere neu fusionierte Partei eingetreten bin, konnte ich mir das Parteileben nur vage vorstellen. Vermutlich hatte ich zunächst die Vorstellung im Kopf, dass man ständig mit vielen anderen Mitgliedern in Kneipenzimmern sitzt und sich über aktuelle und grundsätzliche Fragen unterhält und schließlich wegweisende Beschlüsse fasst.

Ich war also sehr gespannt, was nun mit mir als Neumitglied passieren würde, wen ich kennenlernen kann und wann und wo die ersten Treffen stattfinden. Neben einem netten Brief aus Berlin mit einigen Materialien passierte jedoch zunächst: nichts. Zwar hatte ich jetzt Hefte, Broschüren, Flyer und einen Button - aber gesehen oder gesprochen hatte ich mit noch niemanden. Die Partei blieb also zunächst so abstrakt und unpersönlich, ein mir eigentlich fremdes und unbekanntes Wesen, wie bereits vor meinem Eintritt.

Eine echte Bindung an und Einbeziehung in unsere Partei ist so natürlich nicht möglich. Der persönliche Kontakt ist das eigentliche Herz des Parteilebens.

Immer wieder berichten Geschäftsstellen und Kreisverbände jedoch, dass (zu) viele neu gewonnene Mitglieder zwar Mails und Briefe bekommen, jedoch persönlich gänzlich unbekannt sind und daher auch nicht wirklich aktiviert werden können. Aus diesem Grund hat sich die sächsische Linke im vergangenen Jahr über 5 Tage hinweg eine Telefonaktion durchgeführt. Mit Unterstützung der Bundesgeschäftsstelle wurden alle Neumitglieder seit 2007 angerufen, zu denen weder der Landesverband noch Jugendverband oder Kreisverbände Kontakt hatten und deren Telefonnummer im Mitgliederprogramm angegeben war. Insgesamt versuchten wir als Ehrenamtliche zusammen mit den Angestellten der Landesgeschäftsstelle 504 Genossinnen und Genossen telefonisch zu erreichen. Zum Einsatz kam eine vorher installierte Software, wie sie so ähnlich auch in Callcentern zum Einsatz kommt. Das Wählen der Telefonnummern wird so automatisiert und es ließ sich zudem feststellen, wer erfolgreich erreicht worden ist, welche Nummern veraltet sind oder bei wem zu einer anderen Zeit noch einmal angerufen wird. Ziel der Telefonaktion war, festzustellen, ob die neuen Mitglieder sich vor Ort integriert fühlen und in die Informationsstruktur der Partei eingebunden sind. Zudem wurde gezielt gefragt, ob ein Interesse an der Teilnahme bei bevorstehenden Veranstaltungen besteht, die zielgruppenspezifisch im Gespräch kurz vorgestellt worden sind. Ein Fünftel der angerufenen Mitglieder hat erfreulicherweise recht schnell gesagt, dass sie sich gut integriert fühlen und auch bei sich vor Ort eingebunden sind. Ein weiteres Fünftel meinte zwar auch eingebunden zu sein, hat sich aber mehr Informationen gewünscht. So nahmen mehrere Genossinnen und Genossen den Vorschlag an, sich den nächsten Landesparteitag anzuschauen, am Pfingstcamp des Jugendverbandes teilzunehmen oder andere Veranstaltungen zu besuchen. Über 20 unserer Mitglieder wollten außerdem in den Newsletter des Landesverbandes aufgenommen werden, bei 10% lag keine aktuelle Telefonnummer mehr vor und lediglich 3% teilte mit, sie hätten leider keine Zeit oder aber auch kein Interesse an konkreter Parteiarbeit vor Ort.

Insgesamt war feststellbar, dass sowohl die bereits integrierten als auch die Mitglieder ohne festen Bezug zur Partei zum übergroßen Teil sehr erfreut waren über den Telefonanruf. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Genossinnen und Genossen merken, dass sich die Partei ernsthaft für sie interessiert und ein Telefonat mit echten Menschen nun einmal wesentlich mehr Nähe zur Partei vermittelt als ein Stück Papier. Die Telefonaktion haben wir daher als einen Erfolg bewertet, der es verdient hat, wiederholt zu werden und den wir für andere Gliederungen nur empfehlen können.

Damit so eine Telefonaktion erfolgreich ist braucht es natürlich nicht nur engagierte Genossinnen und Genossen an der Strippe sondern auch einiges an Vorbereitung. Was wollt ihr die Mitglieder fragen, welche konkreten Angebote können gemacht werden und welche AnsprechtpartnerInnen vor Ort können die Angerufenen hingewiesen werden sind Fragen, die im Vorfeld geklärt werden müssen. Es lohnt sicher außerdem, einen kleinen Gesprächsleitfaden zu erstellen und gemeinsam vorher ein paar fiktive Telefonate untereinander zu führen und diese auszuwerten. Wenn diese Aufgaben im Vorfeld geklärt worden sind, steht dem direkten Draht zu unseren Mitgliedern eigentlich nichts mehr im Wege.

Tilman Loos
ist als Jugendpolitischer Sprecher Mitglied im Landesvorstand der sächsischen Linken