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Ein Aktionsplan gegen Kinder- und Jugendarmut ist überfällig

Sabine Zimmermann

Kinder und Jugendliche bekommen häufig zu spüren, was Armut bedeutet. Kinderarmut ist nach wie vor eines der prägendsten und gravierendsten Probleme in diesem Land.

3,3 Millionen Kinder und Jugendliche (unter 18-Jährige) lebten im Jahr 2015 in einem Haushalt, der es sich nicht leisten kann, einen Urlaub woanders als zu Hause verbringen. Das waren 22,6 Prozent aller unter 18-Jährigen in Deutschland. Ein weiteres Indiz für finanzielle Probleme ist: 5 Millionen und damit 35 Prozent aller unter 18-Jährigen lebten in einem Haushalt, der im Jahr 2015 Schwierigkeiten hatte, unerwartete Ausgaben in Höhe von mindestens 980 Euro aus eigenen Mitteln zu bestreiten. 1,2 Millionen unter 18-Jährige leben in einem Haushalt, der Schwierigkeiten hat, die Miete oder Rechnungen für Versorgungsleistungen rechtzeitig zu bezahlen. Dies geht aus einer Sonderauswertung zur sogenannten materiellen Entbehrung (Deprivation) hervor, die ich vom Europäischen Statistikamt Eurostat angefordert habe. Materielle Deprivation ist ein Indikator einer regelmäßigen amtlichen Haushaltsbefragung, der Personen benennt, deren Lebensstandard aufgrund fehlender Mittel stark eingeschränkt ist.

Kinder- und Jugendarmut lässt sich aber auch noch an anderen Zahlen ablesen: 2,2 Millionen Kinder sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, das sind 18,6 Prozent aller Kinder in Deutschland. Rund 2 Millionen unter 18-Jährige lebten Mitte vergangenen Jahres in einer Hartz IV-Bedarfsgemeinschaft.

Für eines der reichsten Länder der Erde ist es beschämend, dass Kinder und Jugendliche überdurchschnittlich von finanziellen Problemen und Einschränkungen betroffen sind. Statt unbeschwert aufwachsen zu können, lernen sie Entbehrungen kennen.

Die Bundesregierung muss endlich ein Konzept gegen Kinder- und Jugendarmut vorlegen, verharrt aber in Untätigkeit. Das Problem der Kinderarmut ist seit vielen Jahren bekannt, doch statt die soziale Sicherung für Kinder endlich existenzsichernd auszugestalten, wurde mit dem Bildungs- und Teilhabepaket ein bürokratisches Monstrum geschaffen, dessen Verwaltung aufwändig ist. Die sozialen Leistungen müssen Armut verhindern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Die Regelsätze für Kinder müssen erhöht werden und nicht diskriminierende soziale Infrastrukturen sind aufzubauen. Perspektivisch ist eine Kindergrundsicherung als eigenständige Leistung zu entwickeln.

Genau betrachtet geht es beim Thema Kinderarmut nicht unmittelbar um die Armut der Kinder, sondern um die Armut ihrer Eltern und deren Auswirkung auf die Kinder. Es gibt zu wenig gute Arbeit. Prekäre Beschäftigung wie Leiharbeit, Teilzeit und Minijobs muss zurück gedrängt, der Mindestlohn auf 12 Euro erhöht werden. Ebenso müssen aber auch bessere Kinderbetreuungsangebote geschaffen werden, insbesondere in den sogenannten Randzeiten. Um Kinderarmut zu bekämpfen fordern wir einen mehrjährigen und mehrdimensionalen Aktionsplan.

Sabine Zimmermann, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Bundestag