Gemeinsam lernen: Inklusion in der Schule umsetzen

Beschluss des Plenums der BAG Bildungspolitik am 25. Februar 2012 in Hannover

Wir verstehen Inklusion als ein Prinzip, das allen Menschen unabhängig von ihren Unterschieden das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft einräumt. Dies umfasst für alle Menschen das Recht auf eine bestmögliche Bildung - unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Elternhaus, ihren unterschiedlichen Fähigkeiten, ihrem kulturellen oder sozialen Hintergrund und von ihrem Geschlecht sowie unabhängig von Beeinträchtigungen oder Behinderungen.

Das Prinzip der Inklusion umfasst ebenso das Recht aller Kinder und Jugendlichen auf gemeinsames Lernen. Bildungseinrichtungen sowie das gesamte Bildungssystem müssen auf die Verwirklichung dieses Anspruches ausgerichtet werden. Niemand darf an den Rand gedrängt werden. Wir begreifen die Verschiedenheit der Menschen als Normalität und ihre Vielfalt als Bereicherung für alle.

Wir sind davon überzeugt, dass der Anspruch einer inklusiven Schule nur in einer Gemeinschaftsschule für alle Kinder und Jugendlichen verwirklicht werden kann. Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch den Bundestag ist die Forderung nach einem inklusiven Bildungssystem seit Ende März 2009 auch in Deutschland geltendes Recht. Damit hat jedes Kind auch einen individuellen Rechtsanspruch auf einen diskriminierungsfreien Zugang zur allgemeinen Schule.

Inklusion ist viel mehr als die Integration von Kindern mit Behinderungen. Bezogen auf den Bereich Schule erfordert sie tiefgreifende Veränderungen im Schulsystem und in jeder einzelnen Schule: Die Überwindung der gegliederten Schulstruktur ist nötig. Ein Schulsystem, das darauf ausgerichtet ist, Kinder im Alter von zehn oder zwölf Jahren auf unterschiedliche Schulformen aufzuteilen, ist mit dem Prinzip der Inklusion nicht vereinbar.

Inklusion erfordert eine grundlegend neue Lehr- und Lernkultur, die jedes einzelne Kind in seiner Individualität respektiert und wertschätzt, die die Fähigkeiten jedes Kindes erkennt und fördert und jedes einzelne Kind zum bestmöglichen Lernerfolg führt. Das gelingt nicht von heute auf morgen. Dies darf aber keine Ausrede sein, es auf die lange Bank zu schieben.

Von diesen Zielen und Ansprüchen ausgehend verknüpfen wir die Forderung nach einer konsequenten Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Bundesländern mit folgenden Forderungen:

  • Die Umsetzung von Inklusion in der Schule muss alle Schulformen - von der Förderschule bis zum Gymnasium - und als Ziel eine Überwindung des gegliederten Schulsystems umfassen.
  • Der Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule muss ohne Vorbedingung eingeräumt werden. Dem entgegen stehende Regelungen müssen sofort entsprechend geändert werden. Eine tatsächliche Verwirklichung des Rechtsanspruches beinhaltet darüber hinaus, dass an den Schulen entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Alle Schulen müssen für alle Kinder zugänglich und umfassend barrierefrei sein.
  • Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, aber auch Initiativen und Verbände von Menschen mit Behinderungen und deren Angehörigen sowie wissenschaftlicher Sachverstand sind sowohl in die Konzeption als auch in die Umsetzung einzubeziehen. Denn die Umsetzung der UN-Konvention wird - angesichts der großen Veränderungen, die damit verbunden sein werden, aber auch angesichts der Erfahrungen mit der real existierenden Schulwirklichkeit - von Ängsten und Vorbehalten begleitet. Hier muss um Unterstützung geworben werden. Eine transparente und beteiligungsorientierte Umsetzung ist daher unverzichtbar.
  • Der Prozess der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung kann nur gelingen, wenn er mit zusätzlichen Ressourcen unterstützt wird.
  • Die Schaffung einer wirklich inklusiven Schule kann nicht allein durch Veränderungen von Schule und Schulverwaltung gelingen. Sie erfordert eine Zusammenarbeit insbesondere mit der Jugendhilfe, mit Gesundheitsdiensten und Beratungsstellen. Deshalb muss der Sachverstand dieser Institutionen bereits in die Konzeption und Entwicklung einbezogen werden.
  • Die Schulen brauchen für diesen Prozess klare Ziele, eine verlässliche Ausstattung und Zeit sowie Unterstützung durch Begleitung, Beratung und Qualifizierung.
  • Durch ein inklusives Schulsystem werden die besonderen Kompetenzen von Förderpädagoginnen und -pädagogen nicht überflüssig - im Gegenteil, sie werden an jeder Schule gebraucht. Deshalb brauchen alle Schulen eine verlässliche Mindestausstattung mit Fachkräften mit förderpädagogischer Ausbildung, und wir brauchen einen Ausbau von förderpädagogischen Studiengängen.
  • Eine inklusive Schule bietet Chancen für Lehrerinnen und Lehrer und stellt gleichzeitig neue Anforderungen. Wir brauchen deshalb einen grundlegenden Umbau der Lehramtsausbildung. Förderpädagogische Kompetenzen müssen in allen Studiengängen für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer vermittelt werden. Gleichzeitig brauchen wir ein umfangreiches Fort- und Weiterbildungsangebot.
  • Inklusive Schulen brauchen Teams, in denen Menschen mit unterschiedlichen professionellen Fähigkeiten gleichberechtigt zusammenarbeiten. Dazu gehören Festanstellungen und tarifliche Bezahlung bzw. Besoldung für alle. Die Sonderschulen als exklusive Schulen sollen schrittweise überwunden werden. Gleichzeitig halten wir es für richtig, wenn es zunächst inklusive Regelschulen gibt, an denen die Kompetenz und die Ausstattung für besondere Förderbedarfe konzentriert werden.
  • Alle Schulen brauchen Ressourcen und Kompetenzen darin, individuelle Förderbedarfe zu erkennen und entsprechende Lernangebote zu unterbreiten - sowohl für besondere Fähigkeiten und Talente als auch bei Schwierigkeiten, Beeinträchtigungen und besonderen Unterstützungsbedarfen. In diesem Sinne muss die förderdiagnostische Kompetenz an jeder Schule gestärkt und nachhaltig gesichert werden. Wenn dies gelingt, ist eine Etikettierung von Kindern als Sonder- oder Förderschülerinnen und -schüler nicht mehr notwendig und sollte überwunden werden.
  • Der Umsetzungsprozess muss wissenschaftlich begleitet und unterstützt werden. Er muss langfristig auch über die Schule hinaus im gesamten Bildungssystem greifen.

Die Verwirklichung von Inklusion in der Bildung kann allein mit den vorhandenen Mitteln des strukturell unterfinanzierten Bildungssystems nicht gelingen. Die öffentlichen Bildungsausgaben müssen auf mindestens 7 Prozent des BIP angehoben werden. Wir fordern eine gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern, Ressourcen für diesen Prozess bereit zu stellen. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss aufgehoben und Bildung eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern werden. Der barrierefreie Ausbau der Schulen, die Ausbildung von genügend und gut qualifizierten pädagogischen Fachkräften und eine gute Übergangsphase sind nur durch eine gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern zu erreichen.