Grundbildung und Alphabetisierung für alle sichern

Diskussionspapier. Beschluss des Plenums der BAG Bildungspolitik am 11. Januar 2014 in Berlin

Fehlende Grundbildung und funktionaler Analphabetismus sind auch im hochindustrialisierten Deutschland keine Randerscheinung, sondern ein Problem der gesamten Gesellschaft. Lange Zeit spielte das Problem in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland keine große Rolle mangels einer Lobby für die Betroffenen und politischer Ernsthaftigkeit. Greifbar wurde das fehlende Handeln durch die Ergebnisse der 2011 veröffentlichten leo. - Level-One-Studie. Während bis dato von vier Millionen Menschen mit funktionalem Analphabetismus im Alter von 18 bis 64 Jahren in Deutschland ausgegangen wurde, musste diese Zahl auf 7,5 Millionen korrigiert werden. Betroffene sind aufgrund geringer Grundbildung und nicht hinreichenden Lese- und Schreibkompetenzen in der gesellschaftlichen, sozialen, beruflichen und ökonomischen Teilhabe erheblich eingeschränkt. Scham, Angst um die berufliche und damit finanzielle Zukunftssicherung und vor Stigmatisierung gehören zu ihrem Lebensalltag.

Dass fast 80 Prozent der funktionalen AnalphabetInnen einen Schulabschluss haben, verweist auf eklatante Defizite im Bereich der schulischen Bildung. Damit die Schule ihrem Bildungsauftrag in Bezug auf die Vermittlung von Grundbildung nachkommen kann, bedarf es grundlegenden Veränderungen. Die Tür zum Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen der Grundbildung darf sich im Verlauf einer Schullaufbahn nie schließen. Wir brauchen eine Schule, die auf das Aussortieren der Schülerinnen und Schüler verzichtet und statt dessen an deren individuellen Voraussetzungen anknüpft. Um die Schulen in die Lage zu versetzen, jede Schülerin und jeden Schüler zum bestmöglichen Lernerfolg zu führen, müssen sie aus den Zwängen des gegliederten Schulsystems befreit werden. Sie brauchen ausreichende Ressourcen für individuelle Förderung, sozialpädagogische Fachkompetenz und die Verzahnung mit Unterstützungsangeboten, z.B. aus dem Bereich der Jugendhilfe.

Das Recht auf gute Bildung umfasst eine gute Grundbildung, die jeder und jedem zugänglich sein muss. Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe ist eine Grundbildung, die mindestens Lesen, Schreiben und Rechnen sowie IT-, kulturelle und politisch-historische Kenntnisse umfasst und sich nicht allein an der Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt orientiert, sondern in erster Linie auf gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung ausgerichtet ist.

Wir wollen mit dieser Position unseren Beitrag dazu leisten, den Betroffenen Gehör zu verschaffen, auf Defizite in diesem Bereich aufmerksam zu machen und die Entwicklung in diesem Bereich gemeinsam mit Bündnispartnern weiter voranzutreiben. Damit verknüpfen wir folgende Kernforderungen:

  • Grundbildung muss flächendeckend gebührenfrei und für alle zugänglich sein. Niedrigschwellige Angebote sollen gefördert werden.
  • Statt kurzfristiger Sonderprogramme und Projekte bedarf es gemeinsamer Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen um flächendeckende Prozesse und Strukturen zu entwickeln und zu etablieren. Das grundgesetzliche Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss hierfür endlich aufgehoben werden.
  • Unterstützung der Selbstorganisation der Lernenden.
  • Verankerung des Themas in der Lehramtsaus- und -weiterbildung.
  • Arbeitgeber mit in die Pflicht nehmen. Dazu gehören der Einsatz von gewerkschaftlichen Lernberatern in den Unternehmen und arbeitsplatzbezogene Grundbildungs-Angebote in der betrieblichen Weiterbildung.
  • Qualitativer und quantitativer Ausbau von Grundbildung in der Erwachsenenbildung.
  • Schaffung und Unterstützung eines transparenten und nachhaltigen Förder- bzw. Weiterbildungsnetzwerks, in denen die im Bereich der Grundbildung tätigen Akteure (Vereine, schulische und außerschulische Einrichtungen, Betriebe und Gewerkschaften) an vielfältigen Lernorten zusammenarbeiten.
  • Verbesserungen der Rahmenbedingungen für Beschäftigte in der Weiterbildung. Die Praxis befristeter und schlechtbezahlter Stellen muss ein Ende haben. Tariflich geregelte, unbefristete Verträge sowie die flächendeckende Einführung von Mindesthonoraren und Zuschüsse zur sozialen Absicherung sind dringend notwendig.
  • Ein 10-Jahres-Programm, mit dem Ziel, die Zahl der Menschen mit Grundbildungs- und Alphabetisierungsbedarf deutlich zu reduzieren. Dazu müssen mehr finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Dabei dürfen zusätzlich bereitgestellte Mittel nicht zu Lasten anderer Bildungsmaßnahmen gehen.
  • Vorantreiben einer differenzierten Ursachenforschung.
  • Entsprechend ihrem Bildungsauftrag sind auch die Medien als Partner in die Pflicht zu nehmen, um Analphabetismus zu enttabuisieren und die Gesellschaft zu sensibilisieren.

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Antrag der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag: "Niemanden abschreiben - Analphabetismus wirksam entgegentreten, Grundbildung für alle sichern" (Drucksache 17/8766) 

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