Wir sind Zeitzeugen der Zeitgeschichte

Werner Dalichow aus der Seniorenarbeitsgemeinschaft der LINKEN in Niedersachsen, versteht diesen Anspruch in unseren "Seniorenpolitischen Standpunkten" als Aufforderung zum Handeln.

In der Septemberberatung der Landes-Arbeitsgemeinschaft berichtete er über seine Bemühungen, Kinder und Jugendliche für die Rebellion der Matrosen in der kaiserlichen Flotte 1917/18 in Wilhelmshaven zu interessieren und ihr Andenken in Ehren zu halten. Er schöpft aus Erzählungen seines Großvaters und eigener Studien, wenn er von Max Reichpietsch und Albin Köbis und von den 800 Matrosen berichtet, die am 2. August 1917, d.h. noch immer im Krieg, in Wilhelmshaven an Land gingen, um für die Beendigung des Krieges zu demonstrieren.

Seine Worte klingen glaubhaft, weil er die Heizer des Linienschiffes "Thüringen", die an jenem 30. Oktober 1918 die Feuer aus den Kesseln rissen, nicht einfach zu Heiligen erklärt. Diejenigen, die von jeher in der Marine missachtet und getreten wurden, die in der Hierarchie an Bord zu aller unterst standen, die wollten mit ihrem Widerstand möglicher Weise nicht irgendwelche revolutionären Theorien verwirklichen. Ihr Anliegen war mit großer Wahrscheinlichkeit einfach, ihr eigenes und das Leben ihrer Kameraden zu retten und nicht vor den Küsten Englands für die Ehre jenes Kaisers sterben, der wenige Tage später selbst fahnenflüchtig werden sollte. Auf "Meutern" im Krieg, das wurde ihnen eingebleut, stand die Todesstrafe. Aber sie haben trotz alledem gehandelt und damit letztendlich eine Revolution los getreten.

Auch wenn nicht alle Träume der Linken in Erfüllung gingen, was die Novemberrevolution in Bewegung setzte hatte historische Dimensionen. Deutschland schied aus dem verbrecherischen Krieg aus. Die korrupte Monarchie der Hohenzollern wurde hinweggefegt und der Weg für die Republik frei gemacht. Frauen erhielten das Wahlrecht und der Jahrzehnte umkämpfte 8.-Stundentag wurde per Gesetz festgeschrieben. Es war Rosa Luxemburg, die im Zusammenhang mit den spontanen Aktionen der Massen in der Novemberrevolution feststellte, dass die Massen nicht nur Opfer einer repressiven Elite sind, sondern auch neue Alternativen hervorbringen, die sie zu verwirklichen trachten. Wenn die Kanzlerin denen die Ehre verweigerte, die vor 90 Jahren diese Errungenschaften der Demokratie auf den Weg brachten und lieber nach Warschau reiste als nach Wilhelmshaven oder Kiel, ist das auch eine Aussage über Demokratieverständnis. Deshalb sollte es für die Partei DIE LINKE eine ehrenhafte Verpflichtung sein, das Vermächtnis der Novemberrevolution wie auch das der mutigen Matrosen von Wilhelmshaven und Kiel und das, was sie für die Demokratie in Deutschland in Gang gebracht haben, hoch zu halten.

Wenn es sich die Seniorenarbeitsgemeinschaft zur Aufgabe gemacht hat, authentisches Wissen und gelebte Erfahrungen der Seniorinnen und Senioren über konkrete geschichtliche Ereignisse als Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung zusammenzutragen und nicht der Vergessenheit zu überlassen, dann zeigt Werner Dalichow wie das praktisch umgesetzt werden kann. Seine interessanten Erzählungen über den Widerstand der Matrosen von Wilhelmshaven 1917/18 hat er zudem auf 5 Seiten niedergeschrieben und dem Bundessprecherrat übergeben. Es wäre insbesondere in 2009 außerordentlich wertvoll, wenn alle Sprecherräte der Landesarbeitsgemeinschaften weitere Genossinnen und Genossen gewinnen könnten, in diesem Sinne unsere Zeitzeugenarbeit weiterzubringen.