Geschichte in Geschichten

Bei Castro fasziniert mich das Überlegte, Differenzierte, Undogmatische

Von Wulf Kleus

Wenn heute jemand Negatives über die DDR sagt, dann frage ich mich zunächst: Stimmt das oder stimmt das nicht, und wer ist dieser Jemand, der so über längst vergangene Zeiten spricht? Meint er es ehrlich oder gehört er zu jenen, die für Geld und scheinbare Anerkennung vom Establishment alles sagen würden? Vor ein paar Jahren hätte ich mir diese Fragen so nicht gestellt. Ich hätte seine Worte a priori zurückgewiesen. Meine frühere Unsicherheit vor Negativaussagen zum gewesenen Sozialismus habe ich mittlerweile verloren. Sie können meine Grundpositionen nicht mehr in Frage stellen. Und ich begreife zunehmend, daß in der Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Gesellschaft nicht zu erwarten war, daß man den eigenen Idealen immer befriedigend gerecht werden konnte. Aber vielleicht hätte man ehrlicher und couragierter mit der sozialistischen Wirklichkeit umgehen sollen.

Zur Wendezeit 1989 war ich noch ein Kind und besuchte eine Grundschule in Berlin-Lichtenberg. Ich glaubte an die mir in der Schule vermittelten Werte Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität, und ich dachte mir, diese Werte werden auch den Lauf der Zukunft bestimmen. Zwar spürte ich in jenen Wendetagen, da ist etwas Bedeutsames im Gange, aber ich konnte nicht begreifen, welche Konsequenzen die Ereignisse für mein späteres Leben haben sollten. Daß die Umbruchprozesse das Ende des europäischen Sozialismus einleiteten, wußte ich damals nicht. Daß ich Jahre später das erste Mal Nazis auf der Straße marschieren sehen sollte, die gegen Ausländer und Andersdenkende hetzten, war jenseits meiner Vorstellungskraft. Ebenso wenig konnte ich erahnen, daß sich deutsche Soldaten an der Bombardierung Jugoslawiens beteiligen sollten und ich 1999 erstmals an einer Antikriegsdemonstration teilnehmen würde, zu der mich meine Eltern mitnahmen.

Für Geschichte interessierte ich mich damals nicht sonderlich. Warum über Vergangenes reden, wenn doch die Zukunft entscheidend ist, dachte ich. So dachten viele von uns jungen Leuten. Zu Hause wurde gut über die DDR geredet. Aber in der Schule und in den die öffentliche Meinung bestimmenden Medien wurde ich in der Nachwendezeit mit Dingen konfrontiert, die das Gegenteil dessen präsentierten, was ich von meinen Eltern und Verwandten erzählt bekam. Was ist wahr, was nicht? Wer sagt die Wahrheit, wer nicht? Von diesen mich quälenden Fragen fühlte ich mich überfordert. Letztlich schenkte ich intuitiv jenen Glauben, die ich kannte und denen ich vertraute. Den Medien und denen, die die Schulbücher schrieben, glaubte ich nicht. Jene, die die DDR nicht kennen konnten, weil sie nicht in ihr arbeiteten und lebten, kamen in den Schulbüchern und Medien oft zu Wort, aber über die Gefühle, Ansichten und Erlebnisse derer, die dieses Land aufbauen halfen, erfuhr man fast nichts. Das fand ich schon damals suspekt. Ich sah diesen Widerspruch, aber ich konnte ihn mir nicht erklären. Ich nahm die allgegenwärtige Hetzjagd der Mainstream-Medien wahr, die in mir Unmut hervorrief. Aber ich verstand noch nicht die Gründe des medialen Aufwandes und die Heftigkeit in den Auseinandersetzungen um die Vergangenheit. Daß "der Kampf um die Macht in der Gegenwart wieder einmal in der Maske der Vergangenheitsbewältigung tobte", wie Christa Wolf einst schrieb, das begriff ich erst, als ich mich intensiver mit Geschichtsfragen und mit marxistischer Literatur beschäftigte. Ich habe aus dem Bücherregal meiner Eltern Werke von Marx und Engels herausgenommen und sie gelesen, auf Vaters Empfehlung auch Lenin. Beeindruckt haben mich vor allem die Reden von Fidel Castro. Mich faszinierte bei ihm das Überlegte, Differenzierte, Undogmatische – ohne je mit seinen Prinzipien zu brechen.

Auch viele Werke Bertolt Brechts haben mein Wissen bereichert. Sein Stück "Mann ist Mann" ist mir im Gedächtnis geblieben. Darin schildert er den Lebensweg eines Menschen, der "wie ein Auto ummontiert" und von einem gutmütigen Packer zu einem Schlächter auf dem Kriegsfeld umgeformt wird. Die entscheidende Essenz dieser Geschichte ist, daß man mit jemandem beliebig viel machen kann, wenn sich nicht Menschen finden, die sich gegen diese Demontage stemmen. Diese tragische Entwicklung eines Menschen, wie sie hier Brecht beschreibt, habe ich zwar in diesem Ausmaße noch nie unmittelbar erlebt, aber ich kann mich an Situationen erinnern, in denen äußere Einflußnahme Menschen derart verformte, daß sie ein Stück Menschlichkeit und Verstand dabei verloren. Ich habe allerdings auch erlebt, daß Widerspruch gegen die Zerstörung von Vernunft etwas Gutes dahingehend bewegen konnte, daß sich Menschen nicht völlig dem herrschenden Zeitgeist fügten, daß sie sich zumindest in ihrem Inneren eigene Gedanken erhielten. Als beispielsweise in der Schule während meiner Abiturphase das Thema MfS auf der Tagesordnung stand und das Übliche darüber gesagt wurde, meldete ich mich und warf ein, daß doch heutzutage auch Geheimdienste ihre Arbeit verrichteten, allerdings mit Blick auf das MfS mit zweierlei Maß gemessen werde. Das stieß auf heftigen Widerstand. Ich wurde mit dem Totschlagargument zurechtgewiesen, der Verfassungsschutz sei ein demokratischer Geheimdienst einer Demokratie, das MfS dagegen ein undemokratischer Geheimdienst einer Diktatur; dies könne man ja wohl nicht miteinander vergleichen. Die Scheinheiligkeit an dieser Debatte war es, die mich gestört hat und die ich bis heute so nicht akzeptieren kann. Natürlich war meine Meinung eine Minderheitenmeinung. Das wußte ich. Und niemand verteidigte mich öffentlich. Aber nach dieser Unterrichtsstunde, in der Pause, kamen einige auf mich zu und sagten mir, daß sie die ganze Diskussion ebenso verlogen empfänden. Der Widerspruch hatte sich also gelohnt. Er hatte wenigstens zum Nachdenken bei dem einen oder anderen angeregt und gezeigt, daß es auch Ansichten wider den Mainstream gab. Und diejenigen, die auf mich zukamen, gaben mir Kraft, auch in Zukunft nicht zu schweigen.

Wenn ich an diese Szene aus der Schulzeit zurückdenke, fühle ich mich an einen ähnlichen Vorfall erinnert, der Jahre später stattfand, als ich bereits Mitglied in der PDS war, aber noch nicht aktiv bei der Kommunistischen Plattform wirkte. Es ging um die Vorbereitung eines Landesparteitags in Berlin. Unter anderem sollten dort Anträge der Kommunistischen Plattform behandelt werden, die positive Aspekte der DDR betonten. Ich spürte den Druck im Vorfeld des Parteitages, der von einigen Funktionären aufgemacht wurde, diesen Anträgen bloß nicht zuzustimmen. Er war immerhin so hoch, daß ich mich bei den besagten Anträgen der Stimme enthielt, obwohl ich sie innerlich befürwortete. Letztlich hat aber bei mir der erzeugte Druck Gegenteiliges bewirkt. Der Drang zu widersprechen, wenn es aus meiner Sicht notwendig erscheint, ist bei mir auf die Dauer schon immer stärker gewesen als das Bedürfnis, sich den Verhältnissen anzupassen und zu schweigen. Und ich verstand einfach auch nicht, warum eine Partei, die für eine sozialistische Zukunft eintritt, solche großen Schwierigkeiten hat, sich zum vergangenen Sozialismus zu bekennen.

Natürlich ist Schönfärberei von gemachten Fehlern fehl am Platze. Aber wer den Weg für eine sozialistische Perspektive offen halten will, der muß auch der Delegitimierung des vergangenen Sozialismus entgegentreten.

Meine Eltern lebten gut in der DDR, mein Bruder war Leutnant in der NVA, und ich selbst hatte eine sorgenfreie frühe Kindheit. Ich war einer von vielen, denen es so ging. Aber die Geschichtsverdreher von heute wollen das Normale an der DDR vergessen machen, sie wollen, daß wir demütig auf unsere Vergangenheit zurückschauen. Denn Demütige können nicht kraftvoll für ihre Ziele kämpfen. Und so lange wir kraftlos sind, sind wir harmlos. Das wissen die Geschichtsklitterer. Natürlich stört mich auch einiges an der DDR. Ich habe mit meinen Eltern so manches Mal kontrovers darüber diskutiert, und ich verstehe bis heute nicht, warum man mit einem Robert Havemann und anderen derart hart ins Gericht ging. Ich glaube, daß man so manches auch hätte anders machen können und müssen. Aber um mir ein Bild über den vergangenen Sozialismus zu machen, brauche ich keine Märchenstunden von Hubertus Knabe und Co.

Auch wenn ich mir mehr Selbstbewußtsein und mehr Mut im Umgang mit Geschichte wünschte und ich eine deutlichere und offensivere Anklage gegen Kapitalismus und Ausbeutung für notwendig hielt, bin ich heute froh darüber, daß ich mich im Jahr 2004 im Zuge des mich repolitisierenden Studentenstreiks dafür entschied, Mitglied im Jugendverband ['solid] und wenig später in der PDS zu werden. Ich trat als bereits überzeugter Sozialist in die Partei ein. Soziale Gerechtigkeit, die Ablehnung jeglicher Kriegseinsätze und die Solidarität mit Kuba waren auch meine politischen Grundpositionen, die ich in der PDS wiederfand. Um so mehr war ich darüber empört, als Anfang des Jahres 2006 einige PDS-Europaabgeordnete einer kubafeindlichen Resolution zustimmten. Anfangs dachte ich, der Parteivorstand wird sich zu dieser Sache schon zu Wort melden. Aber er schwieg. Ich erlebte in der Parteibasis breites Unverständnis über jenes Abstimmungsverhalten. Die Stimmung war aufgeladen. Aber wochenlang reagierte der Vorstand nicht. Kommunistinnen und Kommunisten formulierten derweil einen offenen Brief, der binnen kürzester Zeit viele hundert Unterschriften sammelte, darunter auch die meinige. Wochen später reagierte endlich der Parteivorstand – nicht zuletzt auf Grund der zahlreichen Proteste – und rückte das Verhältnis der Partei zu Kuba wieder gerade. Spät, aber immerhin. Und ich erkannte wieder: Widerspruch ist nicht umsonst. Es lohnt sich zu kämpfen. Und ich glaube, die kubanische Revolution ist es allemal wert, um sie zu kämpfen.

Ich nahm damals sehr genau wahr, von wem die Initiative des Protestes ausging und wer auf der anderen Seite versuchte, die politische Ausrichtung der Partei auf eine Linie zu bringen, die wohl viele Mitglieder zum Austritt genötigt hätte. Nach dem Ende des Kuba-Streits in der PDS sah ich viel klarer, wer für welche politischen Inhalte stand.

Die Kuba-Frage sollte nicht das einzige Streitthema bleiben. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich gemeinsam mit engagierten und aufrichtigen Genossen im Jugendverband und in der Partei gegen einen demagogischen Bellizismus eines BAK Shalom auseinandersetzen müssen. Nicht ohne Erfolg. Aber natürlich schmerzt es immer wieder, wenn so manches junge Mitglied dessen primitiver Ideologie auf den Leim geht. Ich erlebe aber auch immer wieder das leidenschaftliche Engagement vieler Menschen gegen Militarismus und Krieg. Das macht mir Mut für meine eigene politische Arbeit. Natürlich habe ich hin und wieder auch Zweifel. Ich weiß nicht genau, was die Zukunft bringen wird. Aber meine Hoffnung ist, daß wir es trotz aller Probleme und Rückschläge schaffen können, eine Wiederholung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu verhindern. Ich glaube an eine Zukunft ohne Kapitalismus.