Disput

Bauchgefühle

Feuiletton

Von Jens Jansen

Vor fünf Jahren quälte den obersten Feldherrn des Abendlandes, US-Präsident Bush, ein »Bauchgefühl«, das ihn in den Irak trieb.

Sein Bauch und seine Bauchredner vom CIA hatten ihn zugeflüstert, dass dort hinter den sieben Bergen, bei den sieben Wüsten, ein gewisser Saddam Hussein hockt. Der kokelt da mit Sprengstoff rum, rührt Giftgas an und bastelt Atombomben, mit denen er die Vereinigten Staaten in eine Wüste verwandeln will. Und schon schickte Bush, ohne die UNO zu fragen, seine tapfersten Krieger und mächtigsten Waffen dorthin, denn Angriff ist die beste Verteidigung.

Der Angriff war fürchterlich. Aber die Giftgasfabriken wurden nicht entdeckt, von Atomwaffen gab es keine Spur. Es war halt nur ein Bauchgefühl. Die Meisterspione vom CIA hatten die Gefahr maßlos übertrieben, um einen Vorwand zum Einmarsch zu liefern. Nach ein, zwei Jahren wurde der Sieg verkündet. Aber der Krieg ging weiter. Inzwischen sind 160.000 US-Soldaten da. 3.659 kamen bereits in Blechsärgen zurück. Noch härter traf es die Zivilbevölkerung. 600 Einheimische kamen allein im Monat Juni um. Man rechnet mit 500 bis 1.000 Anschlägen pro Woche, weil die Befreier zu Besatzern wurden und weil auch innenpolitisch zwischen Suniten, Schiiten und Kurden gestritten wird, wer die Verfügungsgewalt über welche Ölfelder haben soll.

Dieser Krieg kostet die USA täglich 370 Millionen Dollar. Aber das ist Bush die Sache wert, denn die Besetzung dieser Gegend hat hohen strategischen Wert, weil dort ringsum Öl lagert. Momentan fördert der Irak zwei Millionen Barrel pro Tag. Und das ist kein Bauchgefühl, sondern Treibstoff.

Weil das verwerflich klingt und verwerflich ist, benutzen die Invasionstruppen im Irak wie in Afghanistan einen Tarnanstrich: Man näht keinen Geier auf die Fahne, sondern schreibt »Freiheit« rauf. Man spricht nicht von Militärputsch, sondern von »Demokratie«. Man setzt Baukolonnen auf die Militärfahrzeuge und streicht die Helme am liebsten blau an. Die Deutschen haben die Ehre zusammenzuflicken, was die Amis zertrümmert haben.

Nun muss man ja der Bundeswehr zu Gute halten, dass sie »erblich belastet« ist. Die deutschen Heere hat es schon immer in die Welt hinaus getrieben. Immer suchten sie Frieden und Freiheit, und immer fanden sie Rohstoffquellen und Absatzmärkte. So konnte man auch aus den verlorenen Schlachten märchenhafte Gewinne ziehen.

Derlei fällt heute unter Bündnistreue, und da lässt sich Deutschland von niemanden übertreffen. Man ist schließlich NATO-Mitglied und damit Spießgeselle der USA. Und diese Großmacht ist bekanntlich die Erfinderin von Freiheit und Demokratie. Sie hat eine göttliche Mission auf dieser gottlosen Erde zu erfüllen. Und sie hat einen genialen Führer. Der hatte schon vor dem Irak-Feldzug ein seltsames Bauchgefühl. Das sagte ihm, dass irgendwo in den Bergen von Afghanistan ein gewisser Bin Laden hockt und mit Sprengstoff kokelt und Giftgas anrührt und auch Atombomben bastelt, die alle Hochhäuser der USA gefährden. Und schon ging es los.

Auch dort haben sich die Truppen der Alliierten festgefahren. Auch dort hat man keinen Durchblick, was Stammesfehden sind, wo Religionskriege toben, welche Rauschgifthändler mitmischen, ob alte Passanten Dynamitstangen im Gürtel tragen, oder was Sache ist. Der Krieg brachte weder Frieden noch Freiheit oder Demokratie, nur Leichenberge.

Dort hat nun endlich ein deutscher General den Oberbefehl. Und der schreit laut: »Nachschub!« AA-Chef Steinmeier hält »wegen der angespannten Sicherheitslage die Ausweitung des Bundeswehreinsatzes für unumgänglich«. Die Amis brauchen ihre Truppen schließlich für den nächsten Feldzug gegen den Iran. SPD-Fraktionschef Struck hat schon immer gesagt, »dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt wird«. Und SPD-Generalsekretär Heil weiß zwar, dass die Parteibasis ein äußerst mulmiges Bauchgefühl hat, deshalb mahnte er: »Man darf jetzt nicht aus einem Bauchgefühl heraus handeln und die Truppen zurückrufen.«

Da haben wir wieder dieses unheilvolle Bauchgefühl! Dem darf man als guter Deutscher nur folgen, wenn es vom amerikanischen Präsidenten kommt und »Vorwärts marsch!« heißt. Schließlich geht es um Öl!

Deshalb, Schluss mit den dämlichen Volksbefragungen! Die Regierung hat sich noch nie daran gehalten. Und wenn schon gefragt wird, dann lautet die Frage schlicht: »Soll unsere Autobahn zur Fußgängerzone werden?« (Denken Sie an die Benzinpreise und die Ferienstaus und antworten Sie ruhig mit »Ja«!)