Disput

Die Leute so nehmen, wie sie sind

Aus dem Arbeitsalltag von Marcus Donath – Sonderpädagoge und Vorsitzender des Bezirksverbandes Hamburg-Mitte

Von Sandra Clemens

Der Mensch definiert sich durch Arbeit. Marcus Donath (39) muss es wissen, denn er hat reichlich davon. Der Sonderpädagoge setzt sich unermüdlich für sozialbenachteiligte Kinder ein und stößt nicht selten an seine Grenzen.

Marcus Donath wühlt sich durch einen Berg blauer Akten. Eine davon zieht er aus dem Stapel. Er greift zum Telefon. »Frau Aydin, Marco hat sich nach einem halben Tag wieder abgeseilt­, da müssen wir noch mal einen Termin machen.« Drei Tage ist der 15-Jährige nicht mehr in der Schule gewesen. Grund genug, um sich zu sorgen. Er zieht eine zweite Mappe aus dem Stapel. »Hör sich das mal einer an.« Hier bewirbt sich ein Schüler für ein Praktikum. »Ich möchte sehen, ob Arbeiter freundlich sind zu Kinder«, steht in krakeliger Handschrift auf dem Bewerbungsformular. Und: »Ich erwarte, das Lehr kommt mir besuchen auf Arbeit.«

Donath könnte verzweifeln. Er schüttelt lieber seine dunkle Lockenmähne und lacht laut auf.

Seit zehn Jahren arbeitet der Sonderpädagoge in Billstedt, einem Hamburger Stadtteil, in dem viele Menschen mit Migrationshintergrund wohnen. Als Studienrat bei der Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle (Rebus) versucht er zu helfen: den Kindern, den Eltern und den Lehrern.

Nach Feierabend geht es ins »Fürn Appel un Ei«, eine Stammkneipe der LINKEN. Donath ist Vorsitzender im Bezirk Mitte und möchte für die Bürgerschaftswahl im nächsten Jahr kandidieren. Jeden Genossen begrüßt er persönlich und mit festem Händedruck. Mit einem Pädagogen vom Stadtteilprojekt »Sonnenland« debattiert er ausführlich. Immer wieder zündet er sich eine Zigarette der Marke Sparta an, hustet, raucht weiter, gestikuliert mit immer lauter werdender Stimme: »Mir tun die Eltern oft so leid, es tut mir weh zu sehen, dass manche Menschen sich schon seit Langem aufgegeben haben.«

Elisabeth von der Gewerkschaftsgruppe spricht über den Mindestlohn. Donath blickt über seine Brille hinweg in ihre Richtung, wippt immer schneller mit den Füßen. Er prostet dem »Sonnenländer« zu und erhitzt sich über die Einführung des zweigliedrigen Schulsystems. Die Gesellschaft sei doch schon gespalten genug, findet er.

Am nächsten Tag steht ein Hausbesuch bei Schulschwänzer Marco an. Donath hat seine Referendarin Sabine Schmitz dabei. »Mach doch mal den Kühlschrank auf«, fordert er sie auf, blickt fragend zur Mutter, diese nickt. Viel Inhalt kommt nicht zum Vorschein: Einige Schokopuddings, Cola, eine Packung Fleischsalat.

Der Fernseher läuft. Von Marco fehlt jede Spur, die Mutter zuckt mit den Achseln. Referendarin Sabine blickt ratlos zu Boden. Solche Szenen hat sie allenfalls im Fernsehen gesehen, nun ist sie mittendrin.

Zurück im Rebus-Büro, eine Konferenz steht auf dem Plan. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) heißt das Dauerthema. Draußen ein Gespräch unter Kollegen. Donath wehrt lachend ab: »Ich weiß doch, dass es kein ADHS gibt, das ist doch konstruiert.« Seine Kollegin nickt. Bei nur etwa zwei Prozent der ADHS-Kinder liege eine neurologische Indikation vor. Donath bestätigt: »Eigentlich ist es ein soziales Problem: Alkohol-, Finanz- und Ehekrisen, das ist es, worunter die Kinder leiden.«

Auf dem Infoabend der Linkspartei kritisiert Donath die Ausbildung seiner Referendare. Die Berufsanfänger seien gar nicht auf ihre Klientel vorbereitet. Sie kämen aus bürgerlichen Schichten, übertrügen ihre Erfahrungen auf die sozial schwächeren Schichten. »Dabei müssen sie lernen, die Leute so zu nehmen wie sie sind, nicht wie man sie sich wünscht.« Dann beanstandet er die Abschaffung der Gesamtschule und die Mittelkürzung der Ganztagsbeschulung.

Um 22 Uhr steigt Donath in seinen Wagen. Zwischen leeren Getränkedosen, Schachteln und CD-Hüllen verstaut er das Infomaterial der Partei. Zuhause muss er noch einen Termin vorbereiten. – Wie geht er mit dem alltäglichen Stress um? »Eigentlich gar nicht.« Die Belastungen kompensiert er durch seine Hobbys: lesen, Antiquitäten sammeln, reisen. Auf den Golanhöhen oder auf anderen Gipfeln ist sein Kopf wirklich frei. Im letzten Urlaub, in Tansania, klingelte jedoch das Handy auf 2600 Höhenmetern: »Herr Donath­, ich habe Problem mit Zamir.« Donath lachte: »Wissen Sie was, ich bin gerade auf dem Weg zum Kilimandscharo.« Kurze Stille, dann fragt eine Frauenstimme: »Was Kilimann?«

Selima Aydin sitzt am nächsten Morgen in Donaths Sprechstunde. Sie soll ein Formular für ihren Sohn unterschreiben. Die Mutter lächelt beschämt: »Kann nicht schreiben, können Sie für mich machen?«

Als die Frau geht, hält Donath vor seiner Fotowand inne. Die Bilder zeigen ihn als Lehrer mit seinen ehemaligen Schülern. Er läuft durch einen Wald, an jeder Hand einen Jungen, er lächelt. Abgesehen von einem sei aus keinem etwas geworden. Donath zeigt auf einen kleinen Jungen mit Brille: »Der ist kriminell geworden.« Auf einem anderen Bild lächelt ein dicker Junge in die Kamera. Das pummelige Kind ist heute ein stark übergewichtiger Mann. Und der Junge neben ihm? »Der ist jetzt Alkoholiker.« Donath seufzt. Sein Motto aber bleibt: »Klage nicht, kämpfe.«

(Die Namen wurden geändert.)