Disput

Der lange Radweg der Erkenntnis

Dem Fahrrad gehört die Zukunft. Gastbeitrag von Karsten Hübener, Bundesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC)

Es war der Beginn einer Zeitenwende: »Das Ende der Ölzeit« titelte der »Spiegel« damals, 1979, auf dem Höhepunkt der weltweiten Treibstoff-Krise. Im selben Jahr fand sich in Bremen ein Grüppchen alternativ denkender Aktivisten zusammen. Per Vereinsgründung gaben sie einem Fortbewegungsmittel eine Stimme, das bis dahin in der Verkehrsplanung kaum eine Rolle gespielt hatte. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat jetzt mehr als 115.000 Mitglieder in Ost und West und hat sich seitdem als hartnäckiger Anwalt der Radfahrer profiliert.

Heute ist das Fahrrad aus modernen Verkehrskonzepten nicht mehr wegzudenken. Als Sport-, Freizeit-, Urlaubs- und Alltagsgefährt ist es beliebter denn je. Das hat im Laufe der Jahre auch die Politik erkannt, die sich zunehmend der Fahrradförderung verschrieben hat. Höhepunkt: Im April 2002 verabschiedete die damalige rot-grüne Bundesregierung den »Nationalen Radverkehrsplan« (NRVP) – ein Novum in der deutschen Verkehrsgeschichte. Denn das Strategiepapier beschreibt hoch offiziell die Potenziale des Radverkehrs für Mobilität, Umwelt und Gesundheit sowie das Fahrrad-Engagement des Bundes: verstärkter Bau von Radwegen an Bundesstraßen und Flüssen, bessere Verknüpfung mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Optimierung des Rechtsrahmens und einiges mehr. Der NRVP zeigt auch, was Länder und Kommunen für mehr zeitgemäße Rad-Infrastruktur tun könnten und sollten. All dies soll den Anteil des Fahrrads am Verkehr während der zehnjährigen Laufzeit des NRVP »deutlich« erhöhen – so das formulierte Ziel, für das rund 100 Millionen Euro pro Jahr finanziert werden.

Fünfeinhalb Jahre später – also quasi zur Halbzeit des ehrgeizigen Plans – bietet sich uns allerdings eine durchwachsene Bilanz. Unbestreitbar ist das Fahrrad als ernstzunehmendes Verkehrsmittel auf der bundespolitischen Bühne angekommen: Im Bundesverkehrsministerium wurde erst vor wenigen Monaten ein eigenes Referat für den Radverkehr eingerichtet. Im Bundestag wird über den neuesten Fahrradbericht und Große Anfragen zum Thema debattiert. Eine neue »Fahrradakademie« unterrichtet die Entscheider und Planer in Städten und Gemeinden über sinnvolle Baumaßmahnen und deren Fördermöglichkeiten. Und auf der internationalen Radverkehrs-Konferenz »Velo-city« in München diskutierten im vergangenen Juni fast 1.000 Experten und Politiker die Potenziale des Fahrrads für Klimaschutz und Verkehrsentlastung. Ob Kiel oder Kopenhagen, München oder Paris – in Deutschland und Europa bekennen sich immer mehr Metropolen zum Radverkehr!

Allerdings: Gemessen an den Zielen, die sich die Politik selbst gesetzt hat, ist noch viel zu wenig erreicht. Der Anteil, den Radfahrer am gesamten Verkehrsaufkommen haben, dümpelt laut jüngstem Fahrradbericht der Bundesregierung weiterhin bei rund neun Prozent. Mehr als das Doppelte wäre möglich! Und die Investitionen in den Radverkehr liegen im Verhältnis zu den gesamten Verkehrsetats im Promillebereich. »Das Potenzial des Radverkehrs ist gerade in Städten und Gemeinden noch längst nicht erschöpft«, muss auch Minister Tiefensee bilanzieren.

Das Verbot der Fahrradmitnahme in ICE-Zügen erschwert massiv die bequeme und umweltfreundliche Anreise zur Radtour. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) verhandelt mit der Deutschen Bahn derzeit über ein Modellprojekt, um dies zu ändern. Das lange geplante bundesweite Radroutensystem »D-Netz« wird bald mit einer zweiten Pilotstrecke quer durch Deutschland aufwarten, nachdem sich die erste Modellroute am Oder-Neiße-Radweg bewährt hat – in diesem Tempo ist das Netz erst in 50 Jahren fertig.

Auch die Zahl von Verkehrsunfällen mit Radfahrern konnte in den vergangenen Jahren nicht ausreichend reduziert werden. Und: In vielen Städten und Gemeinden wissen die Verantwortlichen nicht, welche Infrastruktur fürs Velo wirklich sinnvoll ist – oder wie sie dafür Subventionen bekommen.

Vor allem aber – und das enttäuscht mich besonders – taucht das »Null-Emissions-Fahrzeug« Fahrrad bislang so gut wie gar nicht in den politischen Debatten und Strategiepapieren der Regierung zum Klimaschutz auf. Aus Sicht des ADFC ist dies ein Skandal. Wir fordern die Regierung deshalb energisch auf, ein Konzept »Klimaschutz durch Fahrradförderung« vorzulegen und die notwendigen Finanzmittel dafür bereitzustellen. Das Fahrrad muss endlich in zugkräftige Förderprogramme – ähnlich wie bei der Gebäudesanierung – eingebunden werden, um Millionen Verkehrsteilnehmern konkrete Anreize zu geben, das Auto stehen zu lassen und ihre Alltagswege (mehr) per Fahrrad zu erledigen. Vor allem für die vielen kurzen Pkw-Wege unter fünf Kilometern, denn die verbrauchen am meisten Sprit und produzieren einen Großteil von CO2-Abgasen oder Feinstaub.

Von den Ressortchefs aus Verkehrs-, Umwelt-, Wirtschafts- oder Gesundheitsministerium erwarte ich, gemeinsame Programme aufzulegen, ihre Fahrradförderung künftig besser zu vernetzen und deutlich kräftiger auszubauen. Denn wie hatte Wolfgang Tiefensee auf der Velo-city-Konferenz gesagt: »Für den Verkehrsmix der Zukunft spielt das Fahrrad eine ebenso große Rolle wie das Auto.«

Vor allem in Zeiten, in denen das Öl zur Neige geht und auch an seiner Rolle als Hauptverursacher des Klimawandels kein Zweifel mehr besteht, ist es Zeit zum Handeln. 30 Jahre Anlaufzeit sind genug!

ADFC Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e. V., Postfach 10 77 47, 28077 Bremen, Infoline/Telefon: 04 21 / 34 62 90, Telefax: 04 21 / 34 62 950, E-Mail: kontakt@adfc.de

Der ADFC-Jahresbeitrag beträgt für eine Einzelmitgliedschaft 38 Euro (ermäßigt 25 Euro), für die Familienmitgliedschaft 48 Euro (ermäßigt 38 Euro).