Disput

Kinder sind ein Geschenk Gottes

Die Diakonin Marie-Luise Strauß in Stuttgart hat immer häufiger mit armen Kindern zu tun

Von Brigitte Holm

Kinder sind ein Geschenk Gottes, sagt Marie-Luise Strauß. Sie ist Diakonin in Stuttgart und arbeitet seit vielen Jahren für und vor allem mit Kindern. »Praktisch, seit ich 15/16 Jahre alt bin«, so erzählt die heute 60jährige. Bei ihrer ersten Stunde hatte sich der Kirchenpfleger still in eine Ecke gesetzt und wollte sehen, ob sie wirklich mit den Kindern zurechtkommt. Das war in Elpersheim, einem Dorf nicht weit von Würzburg. Die Eltern betrieben dort eine kleine Landwirtschaft. Damals, in den 50er Jahren, war es ganz selbstverständlich, dass die Kinder mit anpackten: bei der Ernte Garben binden, Rüben verziehen, Kartoffeln einsammeln …

Diese Arbeiten empfand die Heranwachsende nicht als eine Zumutung, sie erinnert sich gern daran. »Wir, meine Schwester und ich, fühlten uns ernst genommen von unseren Eltern. Wir – sage ich heute – sind mit der Erfüllung dieser sinnvollen Aufgaben in Verantwortung gewachsen.« Das war und ist, zunächst eher unbewusst, das Credo ihrer Arbeit.

Nach dem Schulabschluss lernte sie bei einer Bank. Zahlen über Zahlen und immer ging’s um Geld – das mochte sie nicht ihr Leben lang machen. Das Christsein war ihr quasi in die Wiege gelegt, und von Kindesbeinen an fühlte sie sich in der evangelischen Gemeinde ihres Heimatortes zu Hause und hat dort – siehe oben – insbesondere ehrenamtlich mit Kindern gearbeitet. So entschied sie sich, ihren Glauben und ihren beruflichen Weg zu verbinden. Das hört sich ziemlich folgerichtig an. »Aber Gott hat keine Enkel«, formuliert sie und meint, dass es schon der eigenen Entschlusskraft bedurfte. Mit 25 Jahren begann sie eine theologische Ausbildung, zunächst über den Besuch einer Bibelschule, dann mit einem speziellen Studium, dessen Abschluss der zweiten Dienstprüfung bei den Lehrern entspricht. Außerhalb von Stuttgart erteilen Absolventinnen mit dieser Vorbildung auch Religionsunterricht an den Schulen.

Sie selbst hat ihre Aufgabe in der Diakonie gefunden. Das Wort Diakonie kommt aus dem Griechischen und bedeutet (sehr) frei übersetzt »Dienst«. Das Fremdwörterbuch spricht von »sozialer Arbeit in der Kirche«. Wikipedia, die Internet-Enzyklopädie, sieht die Sache so: »Die Hauptaufgabe einer Diakonin ist die Verbindung von Seelsorge und sozialer Tätigkeit, also beispielsweise die Alten- und Krankenseelsorge« – »... aber nicht die Arbeit mit den Kindern vergessen«, betont bei dieser Definition Frau Strauß.

Im Oktober war sie zum 28. Mal an der Organisation und Durchführung der »Waldheimferien« beteiligt. Auch in Stuttgart leben viele Kinder, die selten aus der Großstadt und ihrem Stadtviertel herauskommen. Deshalb haben sich die beiden großen Kirchen und die Arbeiterwohlfahrt zu dem Projekt »Waldheimferien« zusammengetan. Während der Ferien betreiben sie mit Unterstützung der Stadt an über 30 Stellen Erholung am Stadtrand. Morgens kommen die Kinder angereist, zum großen Teil in Sonderbussen, am Abend fahren sie wieder nach Hause. Dazwischen liegen Sport und Spiel und vor allem ein Aufenthalt an frischer Luft und im Grünen. Nicht zu vergessen die vier Mahlzeiten. Frau Strauß ist sich sicher, dass selbst Letzteres für einen Teil der Kinder nicht alltäglich ist. Ein Platz im Waldheim kostet 62 Euro die Woche, erklärt sie. Aber wer im Besitz einer FamilienCard – einem freiwilligen Angebot der Stadt Stuttgart – ist, bekommt 20 Prozent Rabatt. So eine Card haben die meisten, denn sie steht Familien mit einem Jahrseinkommen unter 70.000 Euro zur Verfügung. Kinder, deren Eltern sehr wenig verdienen oder die von Hartz IV betroffen sind, müssen sehr wenig oder nichts bezahlen. Den Anmeldungen kann Frau Strauß entnehmen, dass die Zahl der Kinder wächst, die nur einen geringen Betrag oder nichts bezahlen. Einerseits ist sie froh, dass die Kinder wenigstens diese Zeit im Grünen und an der Luft verbringen können und dass es deren Eltern gelungen ist, ihre Kinder anzumelden. Andererseits sagt ihr diese Beobachtung, dass immer mehr Kinder in Armut leben. Besonders betroffen sind Migrantenfamilien und Familien von Alleinerziehenden. Sie denkt an zu kleine Wohnungen, an das fehlende Geld für Bücher oder den Sportverein. Sie weiß auch von Kindern, die ohne Frühstück zur Schule kommen.

Viel zu tun für eine Diakonin, doch statt früher nur eine Gemeinde, hat sie nun drei zu betreuen. Auch die Kirche muss aufs Geld schauen. Überhaupt sei meistens von Geld die Rede und von Problemen, wenn es um den Nachwuchs geht, viel zu selten vom Glück und von der Freude, die Kinder bringen – oder bringen sollten. Schlimm, wenn in den Familien die Sorgen überwiegen.

Wie erkennt sie im Waldheim, ob ein Kind arm und benachteiligt ist? – Sie überlegt einen Moment. An der Kleidung nicht so, denn dorthin kommen die wenigsten besonders herausstaffiert. Aber vielleicht hat Frau Strauß auch nicht so sehr den Blick auf die Marken, die frühzeitig eine Rolle spielen fürs soziale Prestige. Auf jeden Fall seien arme wie nicht so arme Kinder gleichermaßen schusselig und ließen ihre Sachen liegen. Die Unterschiede zeigten sich eher im Umgang und bei der Sprache. Da gehe es häufig etwas derber zu. Die »Gassensprache« als mögliche Begleiterscheinung von Benachteiligung.

Sie begegnet dem auf ihre eigene Art: »Kinder sind, selbst wenn sie Ausdrücke benützen, sehr feinfühlig. Sie schätzen es, wenn man sie schätzt«, stellt sie fest. Sie wollen angenommen werden, und sie merken, wenn man sie mag – oder nicht mag. Zum Beleg dafür, wie Missachtung verletzen kann, erzählt sie eine Begebenheit aus der Kindheit, die sich ihr fest eingeprägt hat: In der nächstgrößeren Ortschaft sollte eine Aufführung stattfinden. Voller Freude und Aufregung – damals war das Fernsehen noch eine Seltenheit – kamen die Mädchen und Jungen aus der Umgebung zumeist zu Fuß zur Stadthalle, wo Stühle aufgestellt waren. Sie nahmen vorn Platz, schließlich waren sie noch klein, wollten etwas sehen und vor allem dicht dran sein am Geschehen. Doch dann kamen Leute aus Stuttgart, und es hieß, die Kinder nach hinten, die Plätze vorn sind für die Gäste aus der Landeshauptstadt ...

Besonders setzt Marie-Luise Strauß auf das gemeinsame Singen. Das mache den meisten viel Spaß und sei für viele eine neue Entdeckung. Viel zu wenig werde gesungen, meint sie und weiß wohl, dass Armut nicht einfach weggesungen werden kann.

Früher habe sie CDU gewählt. Eine Christin wählt eine christliche Partei, dachte sie. Irgendwann, nachdem immer mehr gerade an den Kindern gespart worden war, empfand sie das »C« nur noch als Hohn. Es könne nicht sein, dass auf der einen Seite für die Reichen die Steuern gesenkt werden und dass sich die Abgeordneten die Diäten erhöhen, während auf der anderen Seite bei Hartz-IV-Kindern das Kindergeld, was sonst jede Familie zusätzlich erhält, angerechnet wird. Als sie und ihr Mann die Stadträtin von der PDS kennenlernten, kamen sie auch in Kontakt zu deren Partei. Mit der Idee von sozialer Gerechtigkeit liegen Christen und Sozialisten gar nicht so auseinander, stellten sie fest.

2005, als Hals über Kopf die Bundestagswahl ausgerufen wurde, stellte sich der Mann von Marie-Luise Strauß (er arbeitet für die Caritas) als Kandidat zur Verfügung und kam auf Platz vier der baden-württembergischen Landesliste. Seine Frau, die Diakonin, wurde zur Wahlkämpferin. Sie lacht: »Plakate an, Plakate ab. Es gab viel zu tun und war eine aufregende Zeit.« Viel mehr Menschen als früher wählten die Linken, doch für Platz vier reichten die Stimmen noch nicht.

Dass wir trotzdem eine so starke Fraktion im Bundestag haben, darüber freut sich Frau Strauß. Dass die anderen Fraktionen unsere guten Vorschläge ignorieren, ärgert sie. Als sie hört, wie der Antrag auf Zahlung einer Weihnachtsbeihilfe für Hartz-IV-Empfänger abgewiesen wurde, reagiert sie regelrecht aufgebracht. Diese Zahlung, die es früher bei Bezug der Sozialhilfe gab, wäre ein kleiner Lichtblick für alle Bedürftigen. Dabei denkt sie nicht allein an die Kinder, sondern auch an die Seniorinnen und Senioren, für die sie in der Kirchengemeinde eine Weihnachtsfeier vorbereitet. Bis vor einigen Jahren organisierte sie eine Weihnachtsfeier mit einem Krippenspiel der Kinder. »Hier gab es jeweils einen anderen Schwerpunkt: Gott wurde klein und hilfebedürftig, so wie jedes Kind in die Welt kommt; es gab keinen Platz in der Herberge, Wohnungsnot, Armut, Flucht. Die Kinder realisierten, dass Gott uns in Jesus gleich wurde, gerade in der Not«, erläutert die Diakonin.

*

Marie-Luise Strauß habe ich beim Gründungsparteitag im Juni in Berlin kennengelernt. Unmittelbar nachdem die Verschmelzung von Linkspartei und WASG vollzogen war, der Saal noch vom Beifall erfüllt, war ich dabei, Meinungen für DISPUT zu sammeln. Dabei stieß ich, wie bei allen Befragten zufällig, auf Marie-Luise Strauß. Eine seltene Begegnung, dachte ich, denn schließlich wimmelt es nicht von Diakoninnen in der Partei. Wir verabredeten, dass ich sie später noch einmal anrufen würde. Als ich mich Ende November meldete, freute sich Marie-Luise, erzählte mir aber sogleich, dass sie und ihr Mann nicht mehr in der Partei seien, und fragte, ob damit unser Gespräch hinfällig wäre. Ich verneinte, und nach allem, was ich während der Unterhaltung gehört habe, glaube ich, dass sich die beiden einfach eine Auszeit genommen haben. Und wenn nicht: Auch Sympathisantinnen und Sympathisanten kann die Partei nicht genug haben.