Disput

Schwefelhölzer

Satire

Ein kleines Mädchen ging bei Schneefall und Dunkelheit frierend durch die Stadt. In seiner Schürze trug es kleine Bündel mit Zündhölzern, mit denen sich ihre Familie das Brot verdienen musste. So beginnt eines der ergreifendsten Weihnachtsmärchen, geschrieben von Hans Christian Andersen. Aber niemand kaufte dem Mädchen etwas ab. So hockte es hungrig und steifgefroren in einer Straßenecke, sah den Kerzenschein in den hellen Fenstern, roch den köstlichen Gänsebraten, zog die nackten Füße noch dichter an den Leib und fror doch immer mehr. Das Mädchen traute sich nicht nach Hause, weil es nichts verkauft hatte und der Vater zum Stock greifen würde. In seiner Not nahm das Mädchen ein Schwefelholz, steckte es an und wärmte sich für einen Moment die Hände. Dann nahm es ein zweites und drittes und sah sich – wie im Traum – hinter den hellen Fenstern an einer reich gedeckten Tafel sitzen. Doch immer, wenn die Flamme erlosch, schmerzte sie das kalte harte Pflaster umso mehr. Bis sie alle restlichen Zündhölzer abbrannte und vor ihren Augen der strahlende Glanz eines riesigen Tannenbaums erschien, der bis in den Himmel reichte, wo ihre verstorbene Oma hingegangen war. Sie rief: »Oma, nimm mich zu dir!« Und Oma erschien und streckte die Arme aus ... Am anderen Morgen fand man das erfrorene Kind. Sein Mund zeigte ein stilles Lächeln.

Nach solchen Gute-Nacht-Geschichten wird in vielen Familien genickt und gesagt: »Ja, so war das damals vor 150 Jahren. Aber wir leben ja heute!« Und damit beginnt das zweite Märchen.

Der Deutsche Kinderschutzbund veröffentlichte zum Weltkindertag 2007 einen Bericht, wonach bei uns jedes sechste Kind in Armut aufwächst. Das sind 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre. Durch die Steuer- und Sozialgesetze hat sich deren Zahl seit 2004 verdoppelt! In Nordrhein-Westfalen lebt fast jedes vierte Kind unter den Einschränkungen der materiellen Armut. Allein in Essen sind es 25.000. Während im Westen Deutschlands die Armutsquote bei 12,4 Prozent der Kinder liegt, ist sie im Osten mit 23,7 Prozent ermittelt. In vielen Städten wird die 30-Prozent-Grenze überschritten: Bremerhaven meldet 38,4 Prozent, Görlitz 35,6 Prozent, Schwerin 34,3 Prozent, Berlin 29,9 Prozent. Dr. Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband stellte fest: »Es ist verheerend für ein Gemeinwesen, wenn ein Drittel der Kinder vom normalen gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind. Da ist vieles tabu, was für andere Kinder selbstverständlich ist: Musikunterricht, Sportvereine, Zoobesuch oder Computerkurs.«

Natürlich müssen diese Kinder in unserem reichen Land, wo die Zahl der Vermögensmillionäre noch schneller wächst als die Zahl der Fürsorge-Empfänger, keine Schwefelhölzer verkaufen. Aber sie sammeln die Pfandflaschen aus den Abfallcontainern. Sie werden beim Ladendiebstahl gefilmt. Sie bieten die Obdachlosenzeitung an. Sie schleichen sich ins Warenhaus, wo dran steht »Geiz ist geil!«, und versuchen, eine Viertelstunde die Hände am Computerspiel aufzuwärmen, das ihnen niemand schenken wird. Bis sie der Hausdetektiv wegscheucht. Das ist auch nicht lustiger, als Schwefelhölzer zu verkaufen. Denn wer im Arbeitslosen- oder Ausländer-Ghetto aufwächst, dem bleibt nur die Hauptschule. Wer nicht mal den Abschluss der Hauptschule schafft, dem bleibt nur das jahrelange Betteln um einen Ausbildungsplatz. Wer keine Ausbildung hat, der greift dann nach jedem unterbezahlten Mini-Job. Und wer diesen schweren Weg geht, bei dem ist die Altersarmut und das Gesundheitsrisiko schon programmiert und das Elend seiner Kinder ebenso.

Drum will ja nun die Familienministerin, die nur 1,9 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt als Etat hat, diese Kinder mehr unterstützen. Die Kanzlerin meint auch, dass man mehr machen müsste. Die Union schwenkt mit dem Blick auf die Bundestagswahlen 2009 ein. Die SPD wird eine Kommission zum Thema »Kinderarmut« einsetzen. Aber keine Bundestagspartei kommt darauf, die selbstgenehmigte Diätenerhöhung für soziale Zwecke zu spenden – außer DIE LINKE.

Es gibt zu viele Pharisäer unter den Gläubigen. Und jene, die in der Adventzeit überlegen, ob sie ihrem Hund nicht ein mit Diamanten besetztes Halsband schenken sollten, halten nun mal wie Pech und Schwefel mit ihren politischen Geschäftsführern im Parlament zusammen. Jedenfalls so lange, bis ihnen irgendeine Kontrollkommission ein brennendes Schwefelholz unter den Hintern hält. Aber das klingt nun auch schon wieder wie ein Märchen.

Jens Jansen