Disput

Das saubere Gewissen und der Hunger

Kolumne

Von André Brie

Die Idee, Brenn- und Treibstoffe aus Mais, Soja oder Getreide zu gewinnen, hatte – trotz ethischer Bedenken – auch mich anfangs fasziniert. Der Bedarf an fossilen Energieträgern könnte damit drastisch sinken, bei der Nutzung der pflanzlichen »Kraftpakete« würde sogar noch die Umwelt deutlich entlastet. Inzwischen sehe ich diese Entwicklung sehr kritisch. Denn vor allem die Erzeugung von Biosprit & Co. könnte Hunger und Unterentwicklung sowie die Spaltung der Welt in einen armen Süden und einen reichen Norden, der nun auch noch seine Energie- und Klimaprobleme auf Kosten der Entwicklungsländer lösen will, noch verstärken.

Biokraftstoffe sind nicht erst seit einigen Wochen, als die Medien begannen, ausführlicher über diese »Alternative« zu berichten, ein Thema. Die Argumentation klingt vernünftig: Im Gegensatz zu Öl, Gas oder Kohle wachsen die Rohstoffe für Biokraftstoffe im wahrsten Sinne des Wortes stetig nach. Bei ihrer Verbrennung geben sie nur soviel Kohlendioxid ab, wie sie während ihrer Wachstumsperiode aufgenommen haben. Eine teure, aufwendige und wiederum energieintensive Erschließung der Quellen entfällt. Da wäre es doch nur zu begrüßen, dass allein in Deutschland bis 2020 die Beimischung von Biosprit zum normalen Kraftstoff auf 20 Volumenprozent steigen soll. In den USA sollen bis zum selben Jahr sogar 15 Prozent des Kraftstoffs aus Pflanzen kommen.

Das ist aber nur die eine Seite. Die andere: Der saubere Biosprit, der unser Gewissen im Norden beruhigt, stammt aus Nahrungsmitteln, die dem größten Teil der Menschheit fehlen. Für eine 50-Liter-Benzintankfüllung eines Autos werden 200 Kilogramm Mais benötigt. Damit könnte ein Mensch ein Jahr lang ernährt werden.

Zu Beginn dieses Jahres gab es in Mexiko Unruhen, weil sich der Preis für Mais, die Basis der traditionellen Tortilla-Fladen, fast verdoppelt hatte. Die Hauptursache der »Tortilla-Krise« lag in der immens gewachsenen Mais-Nachfrage in den USA – für die Kraftstoffproduktion. Hinzu kommt der enorme Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen, die für die »Energiepflanzen« benötigt werden. Schon planen clevere Unternehmen, in Entwicklungsländern Regenwaldareale und geschützte Feuchtgebiete für die lukrative Produktion von »Treibstoffpflanzen« abzuholzen.

Für den UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, ist die Herstellung von Biokraftstoffen daher ein »Verbrechen gegen die Menschheit«. Sicher ist diese Einschätzung sehr drastisch, zumal die beschriebenen Vorteile von Biokraftstoff auch dann zum Tragen kämen, wenn nicht hochwertige Nahrungspflanzen, sondern biologische Abfälle verwertet würden. Hier müssen nach meiner Meinung die Forschungen intensiviert werden. Jean Ziegler, der seit Jahrzehnten Armut und Unterentwicklung ins Licht der Öffentlichkeit bringt, hat mit seinem Bericht vor wenigen Tagen in New York aber erneut deutlich gemacht, dass das Hungerproblem eine der größten Herausforderungen unserer Zeit bleibt. Über 800 Millionen Menschen auf der Welt leiden Hunger, 100.000 sterben am Nahrungsmangel oder dessen Folgen – täglich. Und über zwölf Millionen Hungernde kommen jedes Jahr hinzu.

Dabei sind es natürlich nicht nur die Energiepläne im Norden, die die Lage verschärfen. Kriege und Unruhen, die zudem Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen, und die Herrschaft autokratischer Despoten gehören ebenso dazu wie Korruption, falsche und zu kurzzeitig gedachte Entwicklungsstrategien. Nicht zuletzt auch der fehlende Wille im Norden, der Dritten Welt mehr als nur Brosamen zukommen zu lassen. Das ist leider auch in der EU der Fall. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von richtigen und wichtigen Initiativen, um die Armuts- (oder Reichtums-)grenze zwischen Nord und Süd zu überwinden. Positive Ansätze werden aber durch Versuche konterkariert, die Entwicklungsländer in postkolonialer Abhängigkeit zu halten und sie als Rohstofflieferanten und Absatzmärkte zu missbrauchen. So belegt gerade die Handelspolitik EU-Europas, dass es nach wie vor nicht darum geht, die Länder des Südens als gleichberechtigte Partner anzuerkennen. Zwar hat die Europäische Kommission die derzeit laufenden Verhandlungen über die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit Dritte-Welt-Staaten auch auf Druck progressiver Kräfte im Europaparlament inzwischen auf den Gütermarkt beschränkt. Das Ziel der EU bleibt aber weiter, »gleichberechtigten« und umfassenden Marktzugang für beide Seiten zu sichern. Wer dabei Gewinner und Verlierer sein wird, ist klar. »Alle Gründe für Hunger sind von Menschen verursacht.« Zitat Jean Ziegler.