Disput

Mindestens die Hälfte mit dem Herzen

Hermlin trifft Eisler und liebt Afrika. Im Gespräch mit dem Musiker Andrej Hermlin

Andrej Hermlin, der King of Swing aus Ostberlin, liebt Autos aus den 30igern, die Kunst und den Lebensstil dieser Zeit und tourt mit seiner Band seit 1987 durch die Welt mit Gute-Laune-Evergreens von Goodman, Miller und Dorisy. Sein Handwerk hat er an der Musikhochschule Hanns Eisler gelernt. Sein politisches Interesse verdankt er seinem Elternhaus.

Im Haus der Eltern lebt er jetzt mit seiner Frau Joyce aus Kenia und seinen beiden Kindern. Wir sitzen im getreuen Ambiente der 30iger Jahre, zwischen uns ein Fernsprechapparat von 1938, und reden über Hanns Eisler und Afrika.

Hanns Eisler1 hat seine Gedanken über Musik in vielen Gesprächen geäußert: »Musikhören verlangt mindestens soviel Übung wie Schlittschuhlaufen ... Es ist immer davon die Rede, dass Musik Emotionen freisetze oder befriedige. Der eigentliche Inhalt der Musik scheint nichts anderes zu sein als die abstrakte Opposition zur Öde und Versteinerung des Alltag.« Was denkst Du darüber?

Also zunächst einmal bin ich ein miserabler Schlittschuhläufer. Eisler hat Recht. Für mich ist es auf jeden Fall eine Flucht aus der Realität gewesen über viele Jahre. Eine Realität, die recht grau und eintönig war, vor allen Dingen aber nichts zu tun hatte mit den Dingen, die ich liebte, nämlich der Musik der 30iger Jahre. Ich konnte, wenn ich sie hörte, hineintauchen in eine Zeit, die längst vergangen schien, die nie mehr zurückkommen sollte. Ich konnte natürlich nicht ahnen, dass es ein Swingrevival geben würde, dass ich Augenzeuge und Ohrenzeuge dieses Swingrevival werden würde und sogar nach Amerika reisen würde, um es zu sehen und zu erleben. Aber vor dieser Zeit war ich ein isoliertes Kind mit einer Vorliebe für eine Musik, die kaum jemand hörte, und wenn ich sie hörte, tauchte ich ein in eine surreale Welt.

Eisler hat sich auch mit dem Begriff der Volkstümlichkeit in der Musik auseinandergesetzt. »Der Wunsch nach Volkstümlichkeit in der Musik wird oft missverstanden, ja er setzt sich auch einem gewissen Misstrauen aus. Versteht man doch unter Volkstümlichkeit im allgemeinen eine gewisse Naivität, eine gewisse Gefühlsseeligkeit, eine durch nichts berechtigte Spielfreude, auch Sitten und Gebräuchen, wie sie (unserem modernen Leben) unserer Zeit nicht leicht entsprechen.«

Deine Musik, ist sie volkstümlich, trifft sie auf ein Massenpublikum? Diente sie nicht auch dazu, in der amerikanischen Realität der 40iger Jahre instrumentalisiert zu werden und Soldaten »beschwingt« in den Krieg marschieren zu lassen?

Ich fange mit dem Schluss an: Es ist richtig, dass Swingmusik in den 40iger Jahren auch zur Truppenbetreuung eingesetzt wurde, aber ohne diese amerikanischen Soldaten würden wir uns heute hier nicht unterhalten, denn mein Vater2 hätte ohne sie nicht überlebt, auch nicht ohne die Russen, Franzosen und Engländer, aber eben auch nicht ohne die amerikanischen Einheiten, die Europa mit befreiten.

Das heißt, wenn Glenn Miller oder Artie Shaw oder andere Truppenbetreuung machten für die amerikanischen Soldaten, so stärkten sie damit den Kampfgeist einer Armee, die Hitler bekämpfte und verhinderte, dass alle europäischen Juden vernicht wurden von den Faschisten. Vor diesem Hintergrund sehe ich darin nichts Verwerfliches, im Gegenteil.

Es ist richtig, natürlich ist unsere Musik eine volkstümliche Musik im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wurde nämlich vom Volk für das Volk gemacht. Es waren keine elitären Zirkel von Musikern, die sich zusammenfanden, um eine Musik zu spielen, die niemand verstand. Nein, es waren einfache Jungs und Mädchen, junge Leute, die sich in diese Musik verliebten, das war ihr Lebensgefühl, sie spielten ihre Musik für sich selbst und für ein Massenpublikum. Die Swingmusik in den 30iger Jahren war eine Massenmusik, nicht nur in Amerika übrigens, sondern auch weit darüber hinaus, selbst in der Sowjetunion und in Deutschland gab es solche Bands.

Eisler bezeichnet den Geschmack des unerfahrenen Hörers als Gefahr für schnelle und leichte Korruption. »Die gefährlichste Korruption ist die kommerzialisierte Unterhaltungsmusik, vor allem die amerikanische, die imstande ist, Völker ganzer Kontinente zu Musikanalphabeten zu machen. Der ungebildete Hörer ist wehrlos der Schundproduktion der Vergnügungsindustrie ausgeliefert.«

Wie stehst Du zum Thema Kommerz und Geschmacksmanipulation in der Musikindustrie?

Es ist immer eine Frage, von welcher Zeitrechnung man spricht. Generell würde ich hier Hans Eisler nicht folgen wollen. Ich habe mal darüber eifrig mit meinem Vater diskutiert, der mir das sogar im Eisler-Originalton vorspielte. Die kommerzielle Musikproduktion ist nicht per se etwas Schädliches, und umgekehrt ist es nicht richtig zu sagen, jene Musik, die besonders wenig kommerzialisiert, besonders wenig erfolgreich ist, ist automatisch eine besonders gute Musik. Es gibt das eine und das andere, es gibt nie nur schwarz und weiß. Wir haben im Augenblick natürlich eine Musikindustrie, die wenig Kreativität zulässt, die tatsächlich Musik am Fließband herstellt, größtenteils gar nicht mal von Musikern gespielt, sondern von Maschinen sozusagen fast im Alleingang produziert und von Menschen höchstens noch zusammengefügt. Aber selbst hier gibt es hochinteressante Dinge, die sich ereignen. Ich würde auch die moderne Popmusik nicht schlichtweg für schlecht, miserabel oder primitiv erklären.

Was den Swing betrifft: Hier fanden sich großartige Musiker, Komponisten, Arrangeure, Texter, Sänger zusammen, um eine Musik entstehen zu lassen, die sicherlich die Spitze von Popmusik darstellt im 20igsten Jahrhundert. Dass Hollywood und der Broadway diese Musik verwendet haben, ist richtig, aber auch nichts Verwerfliches. Wenn wir uns zum Beispiel die Filme ansehen, die Astaire gemacht hat, kann man sicherlich über den Plot des Films streiten. Aber die Musik von Erwin Gollin, Irving Berlin, Jerome Kern oder George Gershwin ist über jeden Verdacht erhaben. Das ist großartige Musik, und sie hat Bestand. Bis zu dem heutigen Tag sind das Klassiker.

Hanns Eisler sagt, er ziehe den Sozialismus vor, sehe aber auch Vorteile »in der vogelfreien Wirtschaft« für Künstler. Was würdest Du vorziehen, um künstlerisch arbeiten zu können, frei und unabhängig, aber auch, um davon eine Familie ernähren zu können?

Ich bin als Musiker im Wesentlichen jetzt im Westen sozialisiert. Ich habe zwar mit meiner Band in der DDR begonnen, aber das waren nur die letzten, sagen wir drei Jahre ihrer Existenz. Alles, was wir uns aufgebaut haben, haben wir uns unter kapitalistischen Verhältnissen aufgebaut. Ich glaube, dass ein Staat immer daran gemessen wird, was er für die Schwächsten in der Gesellschaft tut, und auch daran, was er für die Kunst und die Kultur zu geben bereit ist. Ich bin davon überzeugt, dass das Staatswesen, in dem wir momentan leben, hier zu wenig tut, dass es anders Prioritäten setzen könnte, wäre aber zu bedenken. Im Sozialismus, den wir erlebt haben, den ich selbst vielleicht gar nicht als Sozialismus bezeichnen würde, existierte zwar eine große Förderung von Kunst und Kultur für alle, aber gleichzeitig auch eine große Gängelung.

Ich will mir da kein Urteil anmaßen, sondern nur von mir selbst sprechen. Ich komme recht gut ohne Förderungen und staatliche Hilfsmaßnahmen aus. Ich finde auch, dass Unterhaltungsmusik der Art, wie wir sie spielen, nicht wirklich förderungswürdig ist. Wenn man von staatlicher Förderung spricht, sollte diese vor allen Dingen klassischer Musik zukommen, sollte sie Bildhauern und Malern helfen und sicherlich auch Theatern und Kunstprojekten, die sich selbst nicht tragen können. Wir können, Gott sei Dank, für uns selber sorgen.

Eisler wurde einmal gefragt, wie äußert sich Dummheit in der Musik? Was antwortest Du auf diese Frage?

Dummheit findet sich dort, wo man, und hier zitiere ich sinngemäß Brecht, dem Glück nachrennt, und das Glück rennt einem hinterher. Also wenn man Musik spielt nur zum Zwecke des Geldverdienens und dabei versucht, einen Massengeschmack zu erfühlen, zu erahnen und ihn zu bedienen. Das ist in Wahrheit genau andersherum, man muss sich in eine bestimmte Art von Musik verlieben, an sie glauben, sie mit Leidenschaft und Herz propagieren, versuchen, sie so gut wie möglich zu spielen, und dann hat man vielleicht eine Grundlage für Erfolg. Es ist keine Garantie, aber die Mindestvoraussetzung für, ich sage mal, einen ehrbaren Erfolg. Übrigens ist das eine Haltung, die sich erweitern ließe auf Ökonomie und Politik in gleichem Maße. Wir haben eine Politik in Deutschland im Augenblick, die weitestgehend versucht, einen Massengeschmack zu bedienen, es finden sich in den Parteien selten Figuren, die eine Idee, eine Vision von einer Gesellschaft haben und versuchen, die zu vermitteln; stattdessen versucht man sozusagen, das Gras wachsen zu hören und dann einfach zu transportieren, was an Stammtischen gesprochen wird. Das ist nicht mein Verständnis von Politik und auch nicht mein Verständnis von Musik.

Eisler sagt, seit 2.000 Jahren wissen wir, wenn Musiker zu denken anfangen, gibt es große Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Musik. »Wir tun immer so, als ob wir die Welt verändern könnten. Leider ist es umgekehrt: die Welt verändert uns.« Wie nachdenklich bist Du?

Ich bin sehr nachdenklich, hatte ich doch das Glück, in einem Elternhaus groß zu werden, in dem viel gedacht und viel gesprochen wurde. Ich glaube im Übrigen, dass Musiker, die in ihrer Musik anfangen, zu mathematisch zu werden, unter Umständen, zumindest in meiner Musik, nichts Gutes hervorbringen. In meiner Musik, also in der Swingmusik, wird mindestens die Hälfte mit dem Herzen und mit dem Bauch getan. Was aber das andere Leben angeht, das außermusikalische Leben, das hat es bei mir immer gegeben, und das wird es immer geben. Musik ist wichtig für mich, aber nicht alleinbeherrschend, das heißt, für mich gibt es noch ein Leben außerhalb des Swings. Ich habe mich immer für Geschichte und Politik interessiert und habe meine Leidenschaften dort. Sie sind in den letzten Jahren, auch durch meine Bekanntschaft mit Kenia, eher stärker geworden als schwächer, das heißt es gibt für mich ein Leben, das außerhalb der Musik stattfindet – ein politisches Leben.

Amerikanische Musik spielen, mit einer afrikanischen Frau leben, in Berlin-Pankow. Du bist angekommen, quasi ein Weltbürger, Vielflieger und wandelndes Designermodell. (Hermlin lacht laut.) Das wäre eine irreführende Beschreibung, denn Du bist ein streitbarer und engagierter Einmischer und Macher und ein politischer Mensch.

In den letzten Jahren hat sich mein Leben tatsächlich verändert. Merkwürdigerweise begann es mit einer BBC-Dokumentation, die ich zur spätnächtlicher Stunde gesehen habe und in der es um Venezuela ging, um Chávez und den Versuch der Reaktion, ihn zu stürzen im Jahre 2002. Das hat mich aufgerüttelt und vor allen Dingen auch erschüttert, weil ich den Grad der Manipulation, der ich ausgesetzt war und der ich auch manchmal erlegen bin, unterschätzt hatte. Dieser Film hat mir die Augen geöffnet. Das fiel zusammen mit meinen ersten intensiveren Reisen nach Kenia. Und es gibt natürlich sehr viele Parallelen zwischen dem, was in Lateinamerika war, nicht mehr ist, und dem, was in Kenia leider immer noch besteht. Ich habe mich verwandelt, ich bin nicht mehr einfach nur ein Tourist, ein Reisender, ich fühle mich als Beteiligter. Das, was ich gesehen habe und sehe an Gemeinheit und Ungerechtigkeit, an extremen sozialen Kontrasten, produziert von einem ungeschminkten Kapitalismus, kann man nur ertragen, wenn man blind ist und taub. Und ich bin weder das eine noch das andere. Also versuche ich mich zu engagieren, zum einen dort, wo ich lebe, im Dorf Thumaita: Wir haben dort Licht installiert, das ist das erste beleuchtete Dorf Kenias. Wir haben dort eine Müllabfuhr eingeführt, wir unterstützen die Schule, wir haben einen Spielplatz eingerichtet. Das ist aber natürlich eine bescheidene und isolierte Hilfe für einen kleinen Ort in Kenia. Ich glaube, dass man Kenia nur verändern kann, wie im Übrigen andere Länder auch, wenn man sozusagen in die große Politik eingreift. Es ist sicherlich nicht meine Absicht, das zu tun. Aber es gibt dort im Augenblick eine hochinteressante, spannende Entwicklung, es gibt die Orange Democratic Movement, angeführt von Raila Odinga, den ich den Nelson Mandela Kenias nenne. Das ist eine politische Bewegung, die zu den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Dezember antritt. Die ODM steht für soziale Gerechtigkeit, für bessere Bildung, für einen harten Kampf gegen die Korruption.

Meine Frau und ich unterstützen sie nach Kräften im Land selbst und natürlich auch außerhalb, indem wir versuchen, die Situation in Kenia bekannt zu machen. Viele Deutsche fahren dorthin in den Urlaub, aber sie wissen nicht, was wirklich in diesem Land vor sich geht. Natürlich werden sich viele Leute fragen, ob es berechtigt ist, dass ein Deutscher, der in Berlin lebt, sich in die politischen Verhältnisse einmischt. Ich glaube jedoch, dass ich in gewissem Maße ein Recht dazu habe. Ich habe nicht nur eine kenianische Frau und zwei sozusagen gemischte Kinder, ich habe dort ein Haus und verbringe inzwischen ein Drittel des Jahres in Kenia. Wir helfen dort nach Kräften, und zwar ganz alleine, das ist kein Fonds und keine Stiftung, sondern eine rein private Initiative. Ich glaube, wenn ich das alles zusammennehme, habe ich ein Recht, etwas zu sagen zu dem, was sich dort abspielt. Die Reaktionen, die ich in Kenia bekomme von Freunden, von Menschen im Dorf, es sind viele hundert Leute, bis hin zu Leuten, die ich auf der Straße kennenlerne und mit denen ich diskutiere, diese Reaktionen bestärken mich. Ich versuche, nicht belehrend aufzutreten, nicht mit dem Gefühl, die Weisheit gepachtet zu haben. Das ist ein Dialog, ich höre zu, sie hören zu, man lernt aus den Erfahrungen, und hin und wieder fragt man mich nach einer Beurteilung oder einem Vorschlag. Ich habe nicht die Absicht, wieder still und leise zu werden. Diese Zeit ist vorbei!

Gespräch: Gert Gampe

www.swingdanceorchestra.de

Nächstes Konzert: Kenia Orange. Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra, Dirk Zöllner, Bernhard Mayo & Horizon M. Solidaritätskonzert für ein anderes Kenia. 21. November, Berlin, Kulturbrauerei, 18.30 Uhr, 12 Euro.

1 Hanns Eisler, Musik und Politik, Schriften 1948-1962, DVfM, 1982

2 Stephan Hermlin (1915-1997), Schriftsteller und Übersetzer, musste 1936 emigrieren.