Disput

Willkommen auch mit zwölf

Warum und wie sich die junge Linke in Sachsen verändert

Von Claudia Jobst

Bedingungsloses Grundeinkommen, Unterstützung von Studierendenprotesten gegen das Hochschulgesetz, kostenlose Bildung, Emanzipation, Luxus für alle, Wahlalter Null und vieles, vieles mehr steht für das Handeln des Jugendverbands der LINKEN in Sachsen im Vordergrund. Dürfen wir erwarten, dass wir mit diesen Themen auch bundesweit gehört und verstanden werden? Dürfen wir diskutieren? Wo stehen wir als Linksjugend ['solid]-Sachsen?

Der Schritt, sich von alten Verbandsstrukturen zu lösen, war kein einfacher. Die Diskussionen über einen einheitlichen bundesweiten Jugendverband der Partei DIE LINKE waren mühsam und teilweise sehr anstrengend. Letztendlich hat mensch sich bei der Bundesdelegiertenkonferenz im Mai auf einen Kompromiss geeinigt, welcher vereinzelt Bauchschmerzen verursachte.

In Sachsen gab es bis zum 27. Oktober 2007 die Junge Linke, die mit kulturellen Veranstaltungen, politischer Bildung und der Durchführung von politisch motivierten Aktionen Jugendliche an die Partei band bzw. sie in ihrer Arbeit in und bei unserer Partei unterstützte. Jede, jeder hatte die Möglichkeit, mitzumachen und aktives Mitglied zu sein. So war gesichert, dass alle, auch jene jungen Menschen, die vielleicht nur einmal am Pfingstcamp teilgenommen haben, am Informationsfluss über Termine, Inhalte und Aktionen partizipieren konnten.

Und wie sieht die Struktur jetzt aus? Auf Bundesebene waren Fragen zur Mitgliedschaft, zur Parteizugehörigkeit und dem Alter aufgekommen. Landesweit haben wir uns verständigt, dass alle Menschen, die inhaltlich und auch kulturell bei uns verortet sein wollen, bis zum 35. Lebensjahr mitmachen können. So hat auch die 12-Jährige die Möglichkeit, bewusst Entscheidungen mit zu bestimmen. Des Weiteren haben die jungen Menschen in Sachsen die Möglichkeit, ihre Mitgliedschaft zu aktivieren, wenn sie Veranstaltungen oder Diskussionsrunden besuchten oder an den regionalen Ortsgruppentreffen teilnehmen.

Eine weitere wichtige Entscheidung für unsere Teilnehmer/innen bei unserer Gesamtmitgliederversammlung Ende Oktober betraf den Mitgliedsbeitrag. Kann mensch erwarten, von einer 14-Jährigen, die vielleicht fünf Euro Taschengeld im Monat bekommt, 1,50 Euro Mitgliedsbeitrag an den Jugendverband zu zahlen? Kann mensch erwarten, dass die Mitglieder ihr Einkommen darlegen, um eventuell in die Kategorie »verdient zu wenig – muss nix bezahlen« zu rutschen? Derartiges hat für uns wenig mit sozialem Verständnis und Freiheit eines jeden zu tun. Daher haben wir uns klar gegen einen Mitgliedsbeitrag ausgesprochen. Auch sind wir der Auffassung, dass es nur Hürden schafft, wenn mensch Eintrittsgelder für politische, ja sogar interne Veranstaltungen bezahlen muss. Linke emanzipatorische Politik sollte für jeden barrierefrei zugänglich sein!

Strukturell haben wir uns verändert, nach außen hin wollen wir weiterhin mit kritischen Themen auftreten und wirken. In den letzten zwei Jahren wurden Themen angesprochen, wie die Freigabe aller Drogen oder die Nationenkampagne, die nicht nur heftige Diskussion in der Öffentlichkeit erzeugten, sondern auch Denkprozesse innerhalb der Partei angestoßen haben.

Wie soll es weitergehen? Der Bundessprecher/innenrat des bundesweiten Jugendverbandes hat eine Kampagne zum Thema Prekarisierung ins Leben gerufen. Grundsätzlich ist es zu begrüßen, sich mit dem Thema der prekären Beschäftigungsverhältnisse und ihren Folgen zu beschäftigen. Doch problematisch waren und sind einige Festlegungen im Vorfeld der Diskussion schon: Warum schließt mensch die Behandlung oder intensivere Auseinandersetzung mit den Gedanken des Bedingungslosen Grundeinkommens von vornherein aus? Gerade im Zeitalter der Verarmung großer Teile der Bevölkerung und der Verschärfung der Schere zwischen arm und reich sollten die Finanz- und Sozialsysteme der Regierung kritisiert und Alternativen angeboten werden. In Sachsen wurde im Zusammenhang mit diesem Thema eine Tour der Jugend unter dem Label »Luxus für alle!« durchgeführt. Den Menschen soll deutlich gemacht werden, dass jede und jeder das Recht auf eine Lebenssicherung hat.

Und wie geht’s sonst so weiter? Wir haben auf der Gesamtmitgliederversammlung ein Arbeits- und Aktionsprogramm für 2008 beschlossen. Im Zuge des Wahlkampfes auf kommunaler Ebene sollte und muss es unsere Aufgabe sein, gegen die Rechten zu arbeiten, zu agieren und zu argumentieren. In Sachsen gehört es mittlerweile leider dazu, dass die NPD Familien- und Straßenfeste ausgestaltet oder mit Themen wie »Hartz IV muss weg« Wähler/innen gewinnt. Auf dem platten Lande werden Freizeitmöglichkeiten für junge Menschen angeboten und Jugendlichen Perspektiven aufgezeigt. DIE LINKE hat es teilweise verpasst, konstruktiv gegen dieses Handeln vorzugehen. Auf die Gefahr, die von rechts ausgeht, müssen wir intensiver aufmerksam machen.

Wir wollen ein starker linker und auch emanzipatorischer Jugendverband sein. Es muss klar werden, dass Linke nicht nur Punkmusik hören oder Motto-Shirts tragen. Auch kulturell anders verankerte junge Menschen, zum Beispiel Popmusik-Hörer/innen oder Gin-Tonik-Trinker/innen gehören zu uns. Umso fataler ist es, feministisch-emanzipatorisches Handeln zu verurteilen. Eine Gender- und Geschlechterdebatte wird in Sachsen durch eine gemeinsame Konferenz mit der AG LISA durchgeführt. Natürlich sind dazu alle herzlich willkommen und eingeladen!

Wir sind froh, strukturelle Klarheit geschaffen zu haben und endlich wieder intensiver inhaltlich arbeiten zu können. Nicht nur unsere Mitglieder erwarten Bildungsveranstaltungen, Diskussionsplattformen, Materialien und Kampagnen. Menschen, die wir erreichen wollen und eventuell bald als Neumitglieder begrüßen dürfen, treten nicht bei, weil unsere Satzung gut ist, sondern weil es gute Inhalte gibt.

Wir haben uns verändert, weil es unser Anreiz ist, bundesweit arbeiten und agieren zu können, weil wir wollen, dass Diskussionen über kritische Themen aus vielerlei Sichtweisen diskutiert werden (dürfen) und weil wir einen starken linken Jugendverband wollen!

Claudia Jobst ist Jugendkoordinatorin der LINKEN im Landesverband Sachsen.