Disput

Martinstag

Satire

Von Jens Jansen

In der Düsseldorfer Altstadt steht vor dem Portal der Kunsthalle eine hohe Säule, auf deren Kopf ein Pferd mit Reiter thront. Der Reiter hält ein Schwert in der Hand und zertrennt damit seinen Mantel. Dieses Kunstwerk soll an den Ritter Martin erinnern. Der wurde im Jahr 316 in Ungarn geboren, ging zu den Soldaten, hatte bald genug von den Gemetzeln, ging ins Kloster und wurde im Jahr 371 als Bischof in Tours eingesetzt. Was diesen Ritter zum Heiligen machte, war die Legende, dass er während seiner Soldatenzeit am Stadttor von Amiens seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat. Seither gilt Ritter Martin als Sinnbild der Barmherzigkeit und Solidarität.

Düsseldorf ist der Schreibtisch und Tresor des Ruhrgebietes, ist Messestadt und Modezentrum. Auf der Königsallee flanieren die Reichen und Schönen. Dort wird an einem Tag mehr Geld ausgegeben, als manche Kreisstädte als Jahreseinnahme verbuchen. Wie kommt man gerade dort zu der Martinssäule?

Nun ja, es war die Zeit des Wirtschaftswunders. Da fiel schon was ab für die Künstler. Das Denkmal steht ja auch nicht als Mahnmal auf der Königsallee, sondern abseits. Die Säule ist so hoch, dass man den weichherzigen Spender kaum sieht. Ein anderer Platz wäre günstiger, um als Stachel künstlerischer Bosheit zu wirken. Man weiß doch, wie das Völkchen denkt. Schließlich wurde in Düsseldorf auch ein Heinrich Heine geboren. Der saß mit Marx am Kamin und trug seine giftigen Verse vor: »Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten ...« und solchen Unsinn.

Der Herr Esser, der den weltberühmten Düsseldorfer Mannesmann-Konzern an die Wand gefahren hat und mit 30 Millionen als persönliche Abfindung geehrt wurde, dachte nicht im Traum daran, 15 Millionen dem Ritter Martin zu Füßen zu legen. Der kauft nicht mal für einen Euro die Obdachlosenzeitung. Der pfeift auf den Himmel. Der lebt schon so.

Ach, wenn’s doch nur der wäre! Aber der Ackermann von der Deutschen Bank, der Hartz von VW, die Vorständler von Siemens – sie leben doch alle so.

Der Mehdorn von der Bahn hat 2,1 Millionen Euro offizielle Bezüge im Jahr und hat seinen Vorständlern in zehn Jahren 60 Prozent mehr in die Taschen geschoben. Und wo nun seine Lokführer 30 Prozent Zulage verlangten, da wurden sie von Presse, Bankiers und Börsianern wie Raubritter verteufelt. Aber wer sitzt denn in diesem Unternehmerstaat auf dem hohen Ross? Und wer wird durch die unsoziale Lastenverteilung in den Abgrund der Altersarmut getrieben?

Die Oberschicht, die dies mit ihrer Steuer- und Abgabenpolitik verursacht, geht sonntags gerne mal in die Kirche. Am 11. November, dem Martinstag, sind die Kirchen besonders gut besucht. Dieser Tag gilt seit alters her als Tag der Verträge und Abgaben. Die sogenannte Martinsgans war der Obolus der Bauern für die Kirchendiener, die Genügsamkeit predigten.

Heutzutage geht es um andere Beträge. Die Methoden wurden raffinierter und umfassender. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt 50 Prozent aller Privatvermögen. 760.000 Multimillionäre löffeln aus dem Sahnetopf der Agenda 2010. Aber jeder sechste Haushalt lebt in Armut. Die Ungleichheit galoppiert.

Steuern eintreiben heißt, die Gänse zu rupfen, ohne dass sie zischen! Die Medien der Spaßgesellschaft übertönen das Zischen. Doch es schwillt an. Gysi und Lafontaine haben als erste laut gepfiffen. Beck knurrt nun mit, weil die Bundestagswahl naht. Münte spielt Querflöte nach den Notenblättern der Unternehmerverbände. Aber der Wind dreht sich!

Die Kinder ziehen zum Martinstag mit Lampions durch die Straßen, um Ritter Martin und die Barmherzigkeit zu ehren, weil in diesem Land Millionen Hartz-IV-Kinder von zweieinhalb Euro am Tag leben müssen. Ihre Lichter sollen helfen, die Menschen im Schatten zu erkennen. Aber was nutzt das, wenn die Herrschenden nicht mal hingucken, weil sie ihre Dividenden zählen? Je heller das Licht auf der Königsallee scheint, umso tiefer werden die Schatten in den Nebenstraßen. Selbst wenn sich Boss und Bettler beim Lichterumzug treffen, geht es so, wie Brecht 1934 schrieb: Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der Arme sagte bleich: »Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.«

Vielleicht sollte man die Düsseldorfer Martinssäule doch umrücken auf die Königsallee? Und gebt dem Ritter ein längeres Schwert, um jenen die Taschen aufzuschlitzen, die nie genug kriegen!