Disput

Mit einem Quäntchen mehr Frechheit

Mitglieder des Parteivorstandes stellen sich vor

Von Heidi Scharf

Vor 54 Jahren begann mein widerständiges Leben. Geschärft wurde dieses widerständige Leben in einer Klosterschule. Damals konnten Mädchen, zumindest in der Stadt, aus der ich komme, noch keine staatlichen Gymnasien besuchen. Meine Eltern mussten für mich 40 DM und für meine Schwester in der Realschule 20 DM monatlich an Schulgeld bezahlen, und die Schulbücher mussten ebenfalls bezahlt werden. Nach dem Schulabschluss waren Lehrstellen knapp, und wir Mädchen wurden auf Schmalspurausbildungen abgedrängt, wenn wir überhaupt noch eine Lehrstelle ergattern wollten. So begann bereits in der Schule meine Politisierung, und mein Gerechtigkeitssinn prägte im Laufe der Jahre mein Handeln.

Ich engagierte mich in der Schülermitverwaltung, in der Bewegung für autonome Jugendzentren, in der Frauenbewegung, wurde aktive Gewerkschafterin. Seit 1980 bin ich hauptberuflich bei der IG Metall beschäftigt und seit fünf Jahren 1. Bevollmächtigte der IGM in Schwäbisch Hall. Parteipolitisch hatte ich mich in den letzten 30 Jahren nicht betätigt, sondern meine ganze Kraft in der Gewerkschaft eingesetzt. Erst als unter der rot-grünen Bundesregierung immer mehr soziale Rechte auf der Strecke blieben, fand ich den Weg in die Parteipolitik. Als Gründungsmitglied des WASG-Vereines, der WASG als Partei habe ich den Parteibildungsprozess aktiv mitgestaltet.

Von unserer Großmutter haben wir Kinder gelernt, dass alle Menschen gleich sind und sich keiner vor dem anderen erniedrigen darf. Das war Leitmotiv in meinem Leben. »Die Würde des Menschen ist unantastbar« hat sich tief in mir eingeprägt. In Würde leben können Menschen jedoch nur, wenn sie genug Einkommen haben, von dem sie alle Bedürfnisse decken können. Insbesondere gehören dazu Wohnraum, Nahrung, Kleidung, Bildung, Kultur, Mobilität und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Gerade Kinder und Frauen sind oft von diesem Leben ausgeschlossen. Sie stehen an der untersten Skala der Armut in unserem reichen Land. Kinder sind unsere Zukunft, und ihre Erziehung und ihr Wohlergehen ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Deshalb plädiere ich für eine kostenlose Kinderbetreuung, ganztags und durch hochqualifiziertes Personal für alle Altersgruppen, sowie für eine umfassende Lern- und Lehrmittelfreiheit an den Schulen und Hochschulen. Insbesondere für Kinder aus sozial schwachen Familien würde dies gleiche Bildungschancen bedeuten.

»Die Armut ist weiblich«, das ist nicht nur so dahergesagt, sondern in allen Statistiken nachzuvollziehen: Im Durchschnitt 22 Prozent niedrigere Einkommen im Verhältnis zu den Männern bei gleicher Qualifikation; die niedrigsten Renten vor allem im Westen Deutschlands; Frauen haben den höheren Anteil an den SozialgeldempfängerInnen; bei den arbeitslosen Frauen ist der Aufschwung ebenfalls noch nicht angekommen.

Deshalb geht es für mich auch heute immer noch um frauenpolitische Grundrechte:

  • für das Recht auf Arbeit und gleiches Einkommen,
  • für das Recht auf gleiche Bildung und Ausbildung,
  • für das Recht auf soziale Sicherung und kostenlose hochqualifizierte Betreuungseinrichtungen für unsere Kinder,
  • für das Recht der Frau auf Schutz vor Gewalt,
  • für Freiheit von wirtschaftlicher, aber auch von patriarchaler Unterdrückung,
  • für das Recht auf Selbstbestimmung,
  • für die Teilung der Hausarbeit und Kindererziehung (vor allem durch weitere Arbeitszeitverkürzung).

Keine Frau, kein Mann, kein Kind darf ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden.

DIE LINKE wird ausgehend von diesen Grundpositionen eine inhaltliche Neuformierung der Frauenpolitik erarbeiten müssen. Es fehlen dazu, auf die heutigen Probleme bezogen, analytische Aussagen und praxisnahe Politikangebote. Diese müssen an den unmittelbaren Bedürfnissen und Interessen der Frauen anknüpfen und mobilisierungsfähig sein.

Wir müssen aber auch sagen, gegen wen wir das alles durchsetzen müssen: gegen die Macht der Unternehmer und gegen das Kabinett. Es muss mehr als nur ein Mangel verteilt werden, sondern der von uns geschaffene gesellschaftliche Reichtum muss endlich umverteilt werden. Wir brauchen das Recht auf Arbeit und Einkommen für alle. Dafür müssen wir kämpfen, Schritte gemeinsam mit den Menschen entwickeln.

Als Gewerkschafterin und als eine der beiden gewerkschaftspolitischen SprecherInnen des Parteivorstandes sehe ich meine Hauptaufgaben vor allem darin, für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und für die Gleichstellung von Frauen und Männern zu streiten und notfalls auch zu kämpfen, täglich, vor Ort und solidarisch. Das alles mit einem Quäntchen mehr Frechheit, mit viel Kreativität, mit Mut zur Veränderung und mit viel Zivilcourage gegen das Mittelmaß.

Von Wolfgang Gehrcke

Es gibt Erlebnisse und Erfahrungen, die sich ins Gedächtnis einbrennen. 2001 besuchte ich El Salvador. Über 30 Jahre Bürgerkrieg haben das Leben in diesem Land geprägt. Der Friedensschluss ist noch fragil, die Rechte stark, ein Menschenleben zählt wenig. Jetzt geht es darum, mitzuhelfen, dass sich die Ex-Guerilla als politische Partei konstituieren kann. Es gelingt; mit guten Chancen übrigens, in El Salvador 2009 die Präsidentenwahlen zu gewinnen. Ein nach El Salvador »ausgewanderter« Deutscher bittet mich, ihn in eine Kaffee-Kooperative in den Dschungel zu begleiten. Vorsitzende der Kooperative ist eine Frau, eine Indigena. Sie hat früher in der Befreiungsfront gekämpft und ist stolz auf das wenige, steinige Land, das heute ihrer Genossenschaft gehört. Eines ihrer Kinder, Pablo, sitzt auf meinem Schoß und bestaunt den Gringo, der in ihr Dorf gekommen ist. Als wir in den Dschungel aufbrechen, fängt er furchtbar an zu weinen. Er darf nicht mit, Pablo hat keine Schuhe. Und so trage ich ihn dann auf den Schultern.

Das bewegt mich bis heute. Ich will, dass die Pablos dieser Welt Schuhe bekommen und Bildung und Land und genug zu essen und dass sie selbst ihre Länder regieren. Wie Evo Morales, der indigene Präsident Boliviens. Ich fühle mich ihnen zugehörig, den Pablos dieser Welt. Nicht nur von meinem Verständnis des Sozialismus als Theorie der Befreiung her, sondern auch irgendwie aus meiner eigenen Geschichte.

Nachkriegskind, Jahrgang 43, aufgewachsen in Hamburg-Horn, in den Kriegstrümmern. Mutter war Reinemachfrau, Vater Straßenbahnschaffner und selbst ungeheuer neugierig auf die Welt. Grenzen wollte ich einreißen, soziale, kulturelle und Grenzen der Bewegungsräume. Ich erinnere mich gut der Scham in der Schule, die benutzten Bücher noch einmal benutzen zu müssen, der Ausreden, wenn kein Geld für einen Schulausflug da war. Auch des ständigen Streites meiner Eltern, wenn die nächste Ratenzahlung für die wenigen Möbel fällig war und es wieder nicht langte, und der immer wieder gewendeten Kleidung. Wir hier unten, ihr da oben – das lernte ich schnell. Und wissen wollte ich, wie kommt es und warum kommt es so. Mit dem Beginn meiner Lehre ging ich in die Gewerkschaft und in die sozialdemokratische Jugend, las Brecht und nahm an Marx-Schulungen einer Jugendgruppe teil. Den Wolfgang aus Hamburg-Horn und den Pablo ohne Schuhe in El Salvador trennen zwar Generationen und tausende Kilometer, aber ein gemeinsames Grundgefühl verbindet: Die Welt muss gerechter werden.

Kaum in die SPD eingetreten, flog ich im August ’61 wieder raus. Begründung: Brecht und Marx lesen und Engagement für die Ostermärsche der Atomwaffengegner, vom ersten Ostermarsch bis heute übrigens. Das langte aus in Zeiten des Kalten Krieges. Ich suchte Kontakte zur damals in der Bundesrepublik verbotenen KPD und wurde im Oktober 1961 in die Kommunistische Partei aufgenommen. Illegal versteht sich. Jüngst entdeckte ich in einem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Handbuch des Linksextremismus meinen damaligen Parteinamen: Christian Hammerer. Gemeinsam mit anderen habe ich die Jugendarbeit der Kommunisten aufgebaut. Wir gründeten am 4./5. Mai 1968 (Marx-Geburtstag) die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, SDAJ. Sie wählte mich zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden, und später bin ich sogar Vorsitzender geworden. Ich gründe die DKP mit und gehöre zeitweilig deren Parteivorstand und Präsidium an. In Hamburg werde ich zum Bezirksvorsitzenden gewählt. In der DKP engagiert, angezogen und angespornt von den antifaschistischen Widerstandskämpfern, setzt sich eine Vision bei mir fest: die der Aktionseinheit. Freiheit in der Diskussion und Einheit in der Aktion – über lange Jahre bleibt dies eine unerfüllte Vision.

1987, auf dem Höhepunkt der Krise in der DKP, schreibe ich mit Genossinnen und Genossen eine Streitschrift für eine moderne kommunistische Partei. Wir wehren uns gegen den Vorwurf, die DKP liquidieren zu wollen, und setzen dem entgegen: Wir wollen die kommunistische Bewegung nicht auflösen, sondern sie einbringen in eine größere Bewegung, in eine Partei der Linken. Dass noch einmal zwanzig Jahre vergehen müssen, bis sich die Chance für eine solche Partei in Deutschland ergibt, und dass sie sich tatsächlich in Deutschland, nicht in Italien, Frankreich oder Spanien, ergeben wird, ahnt damals keiner von uns. Eine solche Chance, eine in der Gesellschaft verankerte linke Partei, eine Partei des demokratischen Sozialismus aufzubauen, gibt es in einem Menschenleben wahrscheinlich nur einmal. Die deutsche LINKE, wir alle haben nicht das Recht, leichtfertig mit dieser Chance umzugehen.

Eine Konstante in meinem Leben war und bleibt der Kampf gegen den Krieg und die Verbindung zur Friedensbewegung. An der Frage »Krieg dem imperialistischen Kriege« oder »Vaterlandsverteidigung« spaltete sich die sozialdemokratische Bewegung. Voraussetzung für die Gründung der neuen LINKEN war, sich als Antikriegsbewegung zu konstituieren. Diesen wichtigen Schritt ist die LINKE gegangen. Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen – dies einzulösen bleibt die grundlegende Forderung an die deutsche Außenpolitik. Ich war während des Vietnamkrieges in Hanoi, als die US-Bomben auf die Hauptstadt fielen, und bin mit den vietnamesischen Genossen den Ho-Chi-Minh-Pfad gegangen. Während der Luftangriffe auf Beirut 2006 sah ich zerstörte Häuser und verwundete Menschen. Wieder waren es auch US-Bomben, abgeworfen von israelischen Flugzeugen. In El Salvador und Guatemala sind die Folgen der Bürgerkriege, auch hier US-Waffen, noch immer gegenwärtig. Das Kapital kämpft um eine Neuaufteilung der Welt, die LINKE um Frieden, gebaut auf Recht, Gerechtigkeit, Demokratie und Abrüstung.

Von Rosemarie Hein

Seit einigen Jahren gehen mir ein paar Zeilen nicht aus dem Sinn: »Nicht erbitten kann ich mir Mut bei Dingen, die ich zu ändern vermag, und Gelassenheit für die, die ich nicht ändern kann, jetzt und allein, und Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden, gemessen mit dem Maß unserer Zeit. Nicht erbitten kann ich, aber erlangen, denn zu den Dingen, die ich zu ändern vermag, gehöre ich. Die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden ist, zu erkennen, was wir vermögen und müssen, jetzt und hier, und also, was mit Mut zu verändern ist.« Ich kenne diese Zeilen schon lange, sie stammen aus einem Gedicht von Peter Wendrich aus dem Jahre 1971. Zirkel Schreibender Arbeiter. Da war ich auch drin. Als Schülerin. Das war die Zeit, in der Kybernetik in der DDR kurzzeitig großgeschrieben wurde, bis ein Staatschef fand, dass wir das jetzt nicht brauchen. Peter Wendrich, ich glaube, er war Ingenieur, beschäftigte sich mit kybernetischen Systemen, und das Gedicht ist sein Nachdenken darüber und über die Politik. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass er den Gedanken einem Gebet entlehnt hat. Ich finde ihn trotzdem richtig: Erkennen, was wir vermögen und müssen, jetzt und hier, und dies mit Mut zu verändern. Das ist so etwas wie ein Credo geworden für meine Art, Politik zu machen.

Meine politischen Wurzeln sind durch die kommunistische Tradition der Familie meines Vaters, der schon mit 16 Jahren in die Kommunistische Partei eintrat, ebenso geprägt wie durch den einfachen Humanismus der Familie meiner Mutter, meiner Oma, die hungernden Kriegsgefangenen, die täglich an ihrem Haus vorbeigeführt wurden, heimlich Brot zugesteckt hat und der wahrscheinlich nicht einmal bewusst war, in welche Gefahr sie sich dabei brachte. Dieses Klima, ein humanistisch kommunistisches, prägte mein Aufwachsen, und daraus wuchs meine politische Überzeugung, die lange, zu lange völlig ohne Arg war. So wollte ich mit 18 Jahren ganz selbstverständlich Mitglied dieser Partei, der SED werden, was aber nicht gelang, weil mein Vater, der gelernte Maurer, inzwischen studiert hatte und damit nicht mehr zur Arbeiterklasse gehörte.

Mitglied der SED wurde ich als Lehrerin, weil man auf der Stelle einer FDJ-Sekretärin an der Erweiterten Oberschule keine Parteilose haben wollte. Mir war’s recht, wenn ich es auch kindisch fand. Zweifel an der grundsätzlichen Richtigkeit des Weges hatte ich damals nicht, und als sie aufkamen, habe ich sie lange tapfer niedergekämpft: Die Genossen da oben werden das schon wissen.

Ich promovierte zur Frage von Krieg und Frieden in der Bildenden Kunst der DDR und wunderte mich allen Ernstes noch, warum es zum Thema kaum Literatur gab. Viele bildende Künstler der DDR haben sich in den 70er und 80er Jahren intensiv mit Fragen von Krieg und Frieden auseinandergesetzt, Heidrun Hegewald ist eine von ihnen. Mein Nachdenken begann, als ich Peter Weiss’ Dreiteiler »Die Ästhetik des Widerstandes« las und nach 1989 Wolfgang Leonhards Buch »Die Revolution entlässt ihre Kinder« aus den Fünfzigern sowie Isaak Deutschers Stalin-Biografie. Langsam begriff ich, warum passieren musste, was passiert ist. Ich begann auch, Marx neu zu lesen, begeisterte mich für Havemanns Utopie »Morgen«, und mir ging Inge von Wangenheims Essay »Genosse Jemand und die Klassik« nicht aus dem Kopf. Ich begriff: Linke Politik geht anders, als ich bisher dachte. Revolutionen mögen zwar Lokomotiven der Weltgeschichte sein, aber sie sind höchstens ein Signal für notwendige Veränderungen, die in praktischer Politik Stück für Stück hart errungen werden müssen. Jetzt und hier. Und Visionen sind immer Projektionen von der Gegenwart in die Zukunft. Wenn sich aber die Gegenwart verändert, muss sich auch die Projektion, die Vision, verändern und natürlich auch der Weg dahin. Es wird nicht helfen, die Gegenwart solange zu interpretieren, bis sie wieder in die alten Definitionen und Begriffsgefüge hineinpasst, sondern wir müssen immer prüfen, welche Mittel geeignet sind, unsere Ziele zu erreichen. Auch diese Mittel sind nicht statisch, sie müssen gemessen werden mit dem »Maß unserer Zeit«. Erkennen, was wir vermögen und müssen, jetzt und hier ... Unterscheiden lernen: Was ist links und was ist nur linkisch.

Die neue LINKE hat sich große Ziele gesetzt. Endlich eine Chance auf Gemeinsamkeit. Aber Gemeinsamkeit ist nicht, wenn die einen sagen, wo’s langgeht, und die anderen folgen. Das hatten wir schon, das sollten wir nicht wieder wollen. Ich jedenfalls will das nicht. Ich will mit nachdenken und ernst genommen werden, will andere ernst nehmen, auch wenn sie Unbequemes denken, will in Frage stellen dürfen, was scheinbar unverrückbar feststand, und ich will mit anderen neue Antworten finden, die uns gemeinsam weiter bringen.

Schaffen wir das, wird es die neue LINKE als gesellschaftsrelevante Kraft geben, und wir werden etwas verändern können, jetzt und hier. Schaffen wir das nicht, werden wir nichts verändern und es wird die LINKE in Deutschland wieder eine Splittergruppe oder auch viele. Aber ich bin zuversichtlich: Wir schaffen das!