Disput

Oktoberfeste

Satire

Von Jens Jansen

Im Herbst hagelt es Feste: Einheitstag, Erntedanktag, Reformationstag, der 7. Oktober ... Der ist gestrichen, denn an diesem Tag im Jahre 1989 erhielt Honecker den letzten Kuss von Gorbatschow, der dann nur noch Kohl küsste. Damals gab es im Osten auch noch den 13. Oktober als »Tag der Werktätigen der Leicht-, Lebensmittel- und Nahrungsgüterindustrie«. Man sieht: Feste über Feste. Natürlich ist das Münchner Oktoberfest das Fest der Feste, denn so viele Schnapsleichen pro Tag schafft sonst niemand. Was die Bayern mit Recht sagen lässt: »Mir san mir!«

Weil die Ostdeutschen nicht bayerisch sprechen, riefen sie im Oktober 1989: »Wir sind das Volk!« Manche lobten sie später für die erste friedliche Revolution in der deutschen Geschichte. Aber da stellte nun Ex-Außenminister Gentscher am Einheitstag 2007 noch einmal klar, dass es die ungarischen Grenzer waren, die den ersten Stein aus der Mauer brachen. Wieder andere erinnerten an den Danziger Elektriker Walesa, der Moskau in die Knie zwang. Altkanzler Kohl hingegen verwies auf seine Bootsfahrt mit Gorbatschow auf der Krim, wo er jene Strickjacke trug, die dann ins Museum für Deutsche Historische Museum kam. Der Sieg hat viele Väter!

Von Pfarrer Eppelmann spricht keiner. Auch nicht davon, dass der Aufruf der Leipziger Sechsergruppe um Kurt Masur von drei Sekretären der SED-Bezirksleitung unterschrieben wurde. Und wie viele SED-Mitglieder am 4. November 1989 unter den RednerInnen und TeilnehmerInnen der Großkundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz waren, hat nie jemand nachgezählt. Als sich der lernfähige Teil der alten Staatspartei zur PDS formierte, da wurde auf sie eingedroschen. Und noch heute kriegen die westdeutschen Linken davon was ab, weil Oskar Lafontaine ständig daran erinnert, dass einiges schiefgelaufen ist bei der Vereinigung, die keine war, weil sie als »Anschluss« vollzogen wurde.

Wie auch immer, die geknechteten DDR-Bürger wurden befreit: von der Mangelwirtschaft, von den Reisebeschränkungen, von der Gängelei der Partei. Aber auch vom Volkseigentum, vom Recht auf Arbeit, von den Billigmieten, vom grünen SVK-Ausweis, von den Polikliniken, vom halben Sparguthaben und von dem Irrglauben, das Kapital sei ein »scheues Reh«, denn hier kam es als Wildsau daher. Und wenn man schon nicht die trüben Folgeerscheinungen der verfehlten Vereinigung in den Griff bekommt, dann muss zumindest diese verdammte Rückbesinnung auf bestimmte Vorzüge einer anderen Gesellschaftsordnung bekämpft werden. Das machen die Medien in diesen Wochen so massiv, dass auch die letzten 16 Millionen DDR-Bewohner aus Scham und Entsetzen ausgewandert wären. Wegen der Tränen von Frau Ferres über die Adoptivkinder in der DDR. Wegen der mittelalterlichen Folter in den Stasi-Gefängnissen. Wegen der bösartigen Behinderung von Fluchthelfern. Jeden Tag bringen die zusammengeklebten Akten neue Verbrechen an den Tag, aus denen die Drehbücher für neue Filme zusammengeklebt werden müssen.

Und trotzdem kommen nach 17 Jahren der Umerziehung durch ALDI und all die anderen jene erschütternden Umfrageergebnisse auf den Tisch, wonach jeder fünfte Deutsche die Mauer wieder haben will. 72 Prozent sagen: Das Dasein ist ungerechter geworden! 78 Prozent haben vom Aufschwung nichts abbekommen. Völlig klar, dass nun einige Amtsträger debattieren, den Soli-Zuschlag für den »Aufbau-Ost« zu streichen. Zwar hat Bayern bis 1989, also über 40 Jahre, Finanzhilfe des Bundes bezogen, aber 12 Jahre »Osthilfe« sind einfach zu viel, auch wenn die Ostdeutschen selber, trotz kleinerer Einkünfte, dafür einzahlen. Aber was machen die mit dem Geld? Statt »blühender« Landschaften sieht man allerorten »verblühende«. Die für Touristen nicht geeigneten Industriebrachen veröden, vergreisen, vergammeln. Da wäre es doch billiger, der schwindenden Restbevölkerung eine »Abzugsprämie« zu zahlen und das gesamte Gebiet als Naturschutzpark anzumelden.

Aber vielleicht kandidiert die bayerische Hexe, Frau Pauli, 2009 als Kanzlerin? Dann könnte sie ihren genialen Vorschlag, alle Ehen nach sieben Jahren verlängern zu lassen, auch auf die Ehe von Ost- und Westdeutschland ausdehnen. Dann hätten wir per Volksabstimmung zu beschließen, ob wir uns wieder trennen. Vereint sind wir ohnehin mehr gefürchtet als beliebt bei den Nachbarn. Aber bis dahin kostet das Glas Bier auf dem Oktoberfest bestimmt schon 15 Euro. Das waren mal 30 D-Mark oder 150 Ostmark! Und wer würde dann noch darauf anstoßen?