Disput

Die Gelbe Gefahr

Feuilleton

Von Jens Jansen

Unsere herzallerliebste Kanzlerin war unlängst in China. Dabei hat sie den Chinesen mächtig die Meinung gegeigt. Was sie dort dachte und sagte, ist so wichtig für den Seelenfrieden der Deutschen, dass wir es hier in freier Verkürzung wiedergeben:

Liebe Kollegen Chinesen, ihr seid das Reich der Mitte in Asien, wir sind das Reich der Mitte in Europa, und ich bin die Vorsitzende der Partei der Mitte in Deutschland. Wir begegnen uns also auf gleicher Augenhöhe, wenngleich eure Augen ein bisschen kleiner sind, weil ihr sie immer vor Lachen zu Schlitzaugen zudrückt. Ihr habt eben gut lachen, weil eure Mauer noch steht.

Auch anderes ist anders bei euch. Unsere »Spiegel«-Korrespondenten berichten von einem Geschäftsessen, wo man lebendigen Affen mit dem Hammer die Schädel aufgeschlagen hat, um ihr warmes Gehirn auszulöffeln. Ich sage nur: Igittigitt! Wir Christdemokraten halten uns lieber an Saumagen. Die Schädel aufzuschlagen, überlassen wir unseren Rassisten, die auch schon einige Asiaten in Deutschland erwischt haben, erst letztens in Mügeln. Aber das gehört sich nicht. Deshalb sage ich auch stets mit Entrüstung »Pfui!«

Was mich und meine Wahlhelfer in der Wirtschaft betrifft, so lieben wir euch von Herzen, weil ihr im vergangenen Jahr für 27,5 Milliarden Euro bei uns eingekauft habt. Zugleich habt ihr für 49 Milliarden spottbillige Massenwaren an uns geliefert, an denen unsere Groß- und Kleinhändler sich eine Goldene Nase verdienen konnten. Handel macht die Kassen froh, darum hurtig weiter so!

Weil aber gerade wir bürgerlichen Bundesbürger viel von den Bürgerrechten halten, muss ich mal sagen: Schämt euch!

Ihr habt 1,3 Milliarden Menschen – das sind 16 Mal mehr, als bei uns leben. Drum müsst ihr viel menschlicher mit den Menschenrechten umgehen. Bei uns in Deutschland gibt es nur drei Millionen Kinder, die sich keine Cola kaufen können, weil ihre Eltern von der Sozialhilfe leben. Wir haben nur drei Millionen Langzeitarbeitslose, die nicht zu vermitteln sind. Und es gibt auch nur drei Millionen Alte, denen es an ausreichend Nahrung und Pflege fehlt. Das sind zusammen eine Randgruppe von neun Millionen, die Grund zum Meckern haben. Das schafft ihr nie, denn ihr verhätschelt die Kinder, ihr verehrt die Alten, und die Arbeitsfähigen lasst ihr einfach arbeiten. Wie sollen wir da je zu einer Wertegemeinschaft zusammenwachsen?

Nun versucht ihr, euren Regimegegnern ein Pflaster auf den Mund zu kleben. Das haben wir auch versucht mit dem »Radikalenerlass«, der Tausende Berufsverbote brachte. Aber das Sechzehnfache schafft ihr doch nie, wenn ihr nicht mehr Verfassungsschützer und Abhörtechnik von uns heranholt!

Wenn ich schon mal hier bin, möchte ich auch anprangern, dass ihr schamlos unsere Patente klaut! Ja, gut, wir haben euch einst das Porzellan geklaut und die Feuerwerkskörper und das Papier. Aber das ist doch verjährt! Nicht verjährt ist, was ich hier auf den Straßen beobachte: Früher gab es für den Transport von Menschen und Waren nur Rikscha-Kulis. Jetzt baut ihr schon Luxus-Reisebusse, die genauso aussehen wie unsere: Unten vier Räder, vorne zwei Scheinwerfer, an der Seite große Fenster und hinten ein Auspuff. Haargenau wie unsere Busse! Das fällt doch auf!

Noch was: Ihr lasst eure Kinder Tag und Nacht mit Computern spielen. Wir auch. Aber wir haben doch viel weniger Kinder. Deshalb haben wir auch viel weniger Hacker als ihr. Und eure Computerfreaks haben neulich sogar mein Kanzleramt angezapft. Das ist genauso ungeheuerlich, wie wenn ihr mir unter den Rock guckt. Nur gut, dass ich immer Hosenanzüge trage!

Und zum Schluss: Wenn ihr es euch schon leisten könnt, so kinderlieb zu sein, dann dürft ihr aber unseren Kindern nicht die Milch wegtrinken! Ihr seid Jahrtausende mit Reissuppe ausgekommen. Jetzt wollt ihr auf einmal Müllers Milch-Reis und Quark von lila Kühen. Die Folge ist, dass bei uns die Milch knapp wird und die Preise senkrecht steigen. Wenn ihr nun noch, statt T-Shirts und Lampions, auch Luxusautos, Reisebusse und Großraumflugzeuge liefern wollt, dann dauert es keine fünf Jahre mehr und wir müssen die Wanderfahne als Exportweltmeister an euch abgeben. Das überlebt Deutschland nicht, weil wir seit über hundert Jahren – wie kein anderes Volk – vor der »gelben Gefahr« zittern. Also: Bremst eure Lebensgier, damit wir unsere weiter entfalten können! Und nun lasst uns Jojo spielen!

So etwa die Kanzlerin in China. Das Kanzleramt hat nur das Jojo-Spiel bestätigt.