Disput

Winterwahlen

Wenn die gesamte Partei im Herbst zu politischen Taten fähig ist, wird sich auch der Wahlerfolg einstellen

Von Bodo Ramelow und Harald Pätzolt

Wie wichtig der Einzug der LINKEN in die Landtage von Hessen und Niedersachsen für unsere Partei wäre, liegt auf der Hand. Für die Bundespartei wäre es der ultimative Beweis, dass sie sich in den alten Bundesländern durchsetzen könnte. Bremen, natürlich, da hat die Partei schon bewiesen, dass sie es kann. Aber die großen Flächenländer Hessen und Niedersachsen mit ihrer Millionenbevölkerung – das ist doch eine bislang noch nicht bewältigte Herausforderung. Auch wenn die erfolgreichen Kommunalwahlen in beiden Ländern Mut machen. Auch wenn wir davon ausgehen können, dass wir uns bei den anstehenden Kommunalwahlen in Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein doppelt so stark wie bisher vor Ort verankern werden.

Allerdings wäre nichts falscher, als diese aus der Sicht der Partei völlig richtige Sicht auch zum Ausgangspunkt der Überlegungen zum Wahlkampf in diesen Ländern zu machen. So richtig es ist, dass Parteien danach streben, bei Wahlen ihre Stimmanteile zu steigern und damit mehr Macht und Einfluss zu erlangen, so wichtig ist es festzuhalten, dass dies nicht der ausschließliche Zweck von politischen Wahlen ist. Hier geht es zuerst um politische Willensbildung des Volkes, um die angemessene Repräsentation von Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen.

So gesehen können wir feststellen, dass für einen bestimmten Teil der Bevölkerung in Hessen, Niedersachsen und Hamburg nun mit der LINKEN erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine linke Partei neben der SPD und den Grünen bei einer Landtagswahl wählbar ist. Dass ein Großteil der Bevölkerung den Einzug der Linken in die Landtage und die Bürgerschaft erwartet. Und dass sehr viel mehr als die Anhängerschaft der LINKEN in diesen drei Bundesländern eine solche Entwicklung begrüßen würden. Die Massenmedien wissen das, und sie stellen sich darauf bereits heute ein.

Kurz: Die politische Ausgangslage ist in Hessen, Niedersachsen und in Hamburg die, dass die Öffentlichkeit in den Ländern von einem Wahlerfolg der LINKEN ausgeht. Eine solche Situation hatten wir in den alten Bundesländern noch nicht.

Drei Gründe: Erstens die Politik der Bundesregierungen, die immer weniger Akzeptanz fand und findet. Zweitens die Entstehung und die Arbeit der LINKEN, die genau darin ihren unmittelbaren Grund finden. Drittens die politische Reife der Bürger, die diesen Zusammenhang wohl verstehen.

Natürlich bleiben diese Wahlen im Winter 2008 echte Landtagswahlen. Aber die politische Grundstimmung der Bevölkerung in den einzelnen Bundesländern wird wesentlich bestimmt durch die Erfahrung einer Bundespolitik der großen Volksparteien, die als sozial ungerecht und bürgerfern empfunden wird. Auch wenn sich die SPD in Hessen oder in Niedersachsen gern etwas »linker« gibt und selbst wenn da etwas dran sein sollte, so relativiert das nur das Bild der Bürgerinnen und Bürger von der SPD, zu korrigieren vermag das die politischen Meinungen nicht. Ähnlich verhält es sich mit der CDU. Auch wenn sich diese auf Länderebene landesväterlich fürsorglich und bürgernah, gar als erfolgreich geben mag, so bleibt doch die politische Grundstimmung durch die Erfahrung der Bundespolitik geprägt.

DIE LINKE ist ein Produkt dieser verfehlten, ungerechten Politik der herrschenden Klasse und der von ihnen beherrschten Parteien. Sie hat sich genau im Widerstand gegen die ausgerechnet von einem sozialdemokratischen Bundeskanzler, Gerhard Schröder, auf die Spitze getriebene Politik des Sozialabbaus und der Umverteilung von unten nach oben sowie einer Außenpolitik mit kriegerischen Mitteln gegründet. Sie richtet ihr politisches Handeln ganz auf den Widerstand gegen diese Politik aus. DIE LINKE steht auch für pragmatische Lösungen für politische Probleme. Und sie besteht darauf, jene Regeln des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems zu ändern, die ein Leben aller in Freiheit, Gleichheit und Wohlstand verhindern.

Wir glauben dass die Bürgerinnen und Bürger sowohl das eine, den Grundcharakter der heutigen Politik der Herrschenden, als auch das andere, den Grund der Existenz einer neuen Partei DIE LINKE, und den Zusammenhang zwischen beidem ziemlich gut verstehen. Wie die überwältigende Zustimmung selbst von Parteigängern der SPD, CDU und CSU zu Forderungen der LINKEN zeigt, sind sich die Menschen wohl der Tatsache bewusst, dass, welche Interessen, Werte, Weltanschauungen oder Traditionen sie ansonsten an diese Parteien binden oder sie wenigsten in deren Nähe treten lassen, es einer neuen Partei wie der LINKEN auch in ihren Bundesländern bedarf, um Bewegung ins politische Spiel zu bringen.

Drei Schlussfolgerungen für die Partei und deren Wahlkämpfe: Erstens die Politik der Parteien im Bund, der Großen Koalition, thematisieren. Zweitens dabei eng an der Bundespartei bleiben. Drittens den Bürgern vertrauen.

Wenn unsere Einschätzung richtig ist, dann würde das bedeuten, das eigene Landtagswahlprogramm, die jeweiligen Wahlkampfthemen mit einem engen Bezug zur Bundespolitik zu fassen. Soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Bürgerrechte, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Bildung und das Bildungsprivileg sowie Reichtum und Armut sind Themen, die in jeweils länder-, regional- und lokalspezifischer Gestalt das Leben der Menschen bestimmen.

Nichts wird für den Erfolg der LINKEN in Hessen, Niedersachsen und Hamburg wichtiger sein als die Effektivität, Professionalität, die Aufmerksamkeit und der Erfolg unseres politischen Handelns im Herbst 2007. Wenn es uns als ganzer Partei gelingt, überall kraftvoll politische Aktionen zu starten, ja, zu politischen Taten fähig zu sein, gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, gegen die Rente mit 67, für Mindestlöhne und gute Arbeit, für den Erhalt der Bahn und anderer Unternehmen in öffentlicher Hand – dann wird sich auch der Wahlerfolg einstellen. Darin liegt die Verantwortung aller Genossinnen und Genossen für die Winterwahlen 2008.

Letztlich plädieren wir dafür, den Bürgerinnen und Bürgern und ihrer politischen Urteilskraft zu vertrauen. In der Regel haben die Menschen ein recht präzises Bild auch von der LINKEN. Dieses Bild einer neuen Partei, einer Partei der sozialen Gerechtigkeit, der »kleinen Leute«, einer Partei, für die Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Lothar Bisky entschlossen stehen, einer Partei, die erfolgreich ist und an Bedeutung gewinnen wird, dieses Bild ist durch die Gesamtpartei geprägt. Es gilt im Wahlkampf und in der praktischen Politik vor Ort, dieses Bild zu bestätigen, diesem Image, dem »guten Ruf« der LINKEN gerecht zu werden.

Natürlich wissen wir um all die schier unüberwindlichen Hindernisse bei diesen Wahlen. Wann hatten wir je solche Winterwahlen zu bestehen? Wann ist es uns im Westen je gelungen, derartige Flächen werberisch zu füllen? Wie sollen bloß all die internen Probleme bewältigt werden? Wie der Mangel an Geld, Personal und Logistik? Wie wird die Hilfe durch die Partei laufen? Finden wir die wirksamsten landespolitischen Wahlkampfthemen, beherrschen wir die regionalen und lokalen Eigenarten?

Schaffen wir es, die ganze Partei im Herbst zu mobilisieren? Und wird die Bundestagsfraktion es schaffen, diese Wirkung in Wort, Bild und Tat so zu entfalten, dass dies in den Wahlkämpfen überall spürbar wird?

Klar, viele Fragen. Aber dabei ist keine, auf die wir nicht gemeinsam eine brauchbare Antwort finden werden. Wir werden diese Winterwahlen bestehen.

Bodo Ramelow ist Mitglied des Parteivorstandes und Wahlkampfleiter, Dr. Harald Pätzolt ist Mitarbeiter in der Bundesgeschäftsstelle, Bereich Strategie und Politik