Disput

... aber das ist doch auch alles ganz schön vage

Von der Ignoranz der Musik-Multis, alten Freunden und Widersprüchen im System. Interview mit Hannes Wader

Sie geben während laufender Tourneen ungern Interviews. Warum?
Auf Tournee bin ich eigentlich immer auf Disposition orientiert. Ich will für den Auftritt fit sein. Alles, was nicht direkt damit zu tun hat, ist da nur störend. Manchmal fragen mich Leute in Städten, in denen ich auftrete: »Was haben Sie sich denn heute in unserer schönen Stadt so alles angeguckt?«. Ich muss dann leider immer sagen: »Ihre schöne Stadt interessiert mich momentan überhaupt nicht.« Ich komme an, gehe ins Hotelzimmer, schließe mich ein – und abends gehe ich auf die Bühne. Da kann eine Stadt noch so schön sein.

Das klingt ein bisschen nach Graf Dracula: Am Abend springt plötzlich der Sargdeckel auf, und er ist da.
Genau! (lacht)

Auf Ihrem aktuellen Album »Neue Bekannte« begegnet man unvermutet alten Bekannten, nämlich älteren und klassischen Wader-Songs. Sie haben diese Lieder allerdings neu arrangiert, neu aufgenommen und zum Teil auch mit neuen Textpassagen versehen. Warum haben Sie sich auf diese Weise an Songs gemacht, die man doch getrost als fertig ansehen konnte?
Meine ehemalige Plattenfirma Universal – einer der vier großen Musik-Weltkonzerne – verfügt über die Rechte an ungefähr der Hälfte meines bisherigen musikalischen Werkes. Nun hat sie einen Teil meines Werkes einfach eingestampft. Insgesamt sieben Platten wurden bislang vom Markt genommen und alle noch vorhandenen Exemplare dieser Alben geschreddert, trotz anhaltender Nachfrage. Man kann diese Platten und auch einzelne Lieder zwar weiterhin aus dem Internet herunterladen, aber die Alben an sich sind vom Markt verschwunden. Für mich ist das unbegreifbar. Ich habe Verlustgefühle. Ich fühle mich, als wäre etwas von meinem Werk abgehackt worden. So kam ich auf die Idee, einige meiner älteren Songs wieder aufzunehmen und ein weiteres Mal zu veröffentlichen.

Die Universal hat Sie wahrscheinlich, was das Einstampfen Ihrer Platten angeht, im Vorfeld nicht konsultiert, oder?
Ach was! Wenn man dort anruft, dann wissen die überhaupt nichts mit mir anzufangen. Die kennen meinen Namen gar nicht. Die haben Leute wie Michael Jackson, Paul McCartney, Madonna oder wen weiß ich im Programm – was interessiert sie da Hannes Wader?
Das ist ein weiterer Punkt, der mich stört: in einer solchen Riesenmaschinerie verlorenzugehen. Ich habe nicht die allergeringste Beziehung zu irgendjemandem dort. Ich kenne nur den Namen Universal, mehr nicht. Das ist alles vollkommen anonym. Es ist ein Apparat.

Stört Sie das, oder verletzt es Sie?
Ach, das ist eine Frage der Tagesbefindlichkeit. (lacht) Manchmal amüsiert es mich auch. Mitunter bringt es mich allerdings schwer auf.

Zeugt das Verhalten des Musik-Multis Universal von der schwindenden Rolle deutscher Liedermacher in der Vermarktungsstrategie der Plattenindustrie – bei wohlgemerkt gleichzeitig anhaltendem Publikumserfolg der Künstler?
Damit legen Sie den Finger genau in die Wunde. Das ist tatsächlich ein Widerspruch: Es werden ja Platten vom Markt genommen, die an sich gut liefen.
Ich glaube, solche Entscheidungen werden in den Plattenfirmen weitgehend einem Computer überlassen. Der errechnet, wie viele Einheiten eines Albums in einem bestimmten Zeitraum verkauft werden müssen. Und wenn diese Rechnung nicht punktgenau stimmt, fliegt die Platte raus. Mit solchen Fragen beschäftigt sich ja kein lebender Mensch! Das nehme ich zumindest an.

Sie nehmen Ihre Songs im Ensemble mit anderen Musikern auf. Auf der Bühne sind Sie allerdings, ähnlich wie übrigens Reinhard Mey, mit der Arbeit allein. Von der Band zum Solokünstler: Ist das eine Spannung, die Sie nicht aufgeben mögen?
Ich würde gerne auf der Bühne mit Begleitmusikern auftreten und ein bisschen an Arbeit abgeben. Dass ich solo toure, hat unter anderem einfach finanzielle Gründe: Ich kann mir für meine Tourneen keine Band leisten. Hinzu kommt die Tatsache, dass mein Publikum eine Band oder ein Sinfonieorchester im Bühnenhintergrund überhaupt nicht vermisst. Die Leute, die meine Konzerte besuchen, wollen mich pur, so wie sie Reinhard Mey pur wollen.

In diesem Sommer werden Sie 66 Jahre alt. Der Liedermacher Hannes Wader ist immer auch ein politischer Mensch gewesen. Was hat Sie, wenn man das so nennen möchte, politisch sensibilisiert?
Politisch sensibel gewesen bin ich nie. Es ist eher so, dass ich einem äußeren und inneren Druck nachgegeben habe. Dieser Druck hat zu einer politischen Positionierung geführt.

Wie sah dieser Druck aus?

Man konnte sich in den 60-er Jahren nicht einfach auf die Bühne stellen und irgendwelche Lieder trällern. Es musste einen ganz tiefen, weltverändernden Grund haben. So lautete zumindest damals die allgemeine Forderung. Ich habe mich lange gewehrt, dann aber schließlich dieser Forderung ergeben.
Das bedeutet nicht, dass mich Politik nicht interessiert hätte. Aber ich habe Politik nie begriffen. Ich bin in diesem Sinne kein politischer Kopf. Ich habe eine Meinung zu Ereignissen, wenn ich sie mitbekomme, und diese Ereignisse lösen etwas in mir aus. Das gehört für mich einfach zum Leben, wie Essen und Trinken. Denn Politik, die von außen gemacht wird, hat ja Auswirkungen auf einen selbst. Brecht sagt, der Künstler solle seine Erfahrungen mitteilen. Also macht man das. Aber all das ist nur ein Teil des Daseins und des Lebens. So habe ich es jedenfalls ganz früher gesehen, und ich sehe es heute wieder so.
Zwischenzeitlich war das anders: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, selbst so wenig an der Verbesserung der Welt mitzuwirken, so asozial vor mich hin zu singen. Unter diesem inneren Druck habe ich mich schließlich politisch engagiert. Das war auch in Ordnung, so lange ich es gemacht habe, und es ist auch in Ordnung, wenn ich es jetzt manchmal noch tue. Aber wir wollen das mal nicht überschätzen.

In Ihrer Familie hat über Generationen eine starke sozialdemokratische Tradition geherrscht. Sie haben diese Tradition in Ihrem Song »Familienerbe« besungen, dabei aber in Bezug auf die SPD festgestellt, dass diese für Sie als politische Heimat nie zur Debatte gestanden habe. Was hielt Sie auf Abstand?
Verschiedene, ganz persönliche Dinge. Mein Vater zum Beispiel war als Sozialdemokrat stark in der Kommunalpolitik engagiert. Zu Hause hieß es: »Der geht immer zur Versammlung, aber ernährt die Familie nicht richtig.« Das habe ich, jetzt vergröbert gesagt, lange mit sozialdemokratischer Politik verbunden: dass einer zu Versammlungen geht und die Familie nicht ernährt.
Später, mit dem erwachenden politischen Zwangsinteresse, wie ich es jetzt mal nennen möchte – dem Interesse, welches ich an den Ereignissen nehmen musste –, war mir das Sozialdemokratische immer zu schlapp. Als ich mich mit den politischen Hintergründen und der Geschichte der SPD beschäftigte, merkte ich: Die Sozialdemokraten haben in entscheidenden Augenblicken ihrer Geschichte immer den Schwanz eingezogen. Deshalb bin ich später Kommunist geworden.

Sie sind 1977 der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) beigetreten. 1991 erfolgte Ihr Austritt. Was ist danach von Ihren politischen Überzeugungen geblieben? Was gibt man bei einem solchen Schritt hinaus wieder ab?
Meine politischen Überzeugungen habe ich weitgehend beibehalten. Aber ich habe die Lust verloren, mich parteipolitisch zu binden und zu engagieren.
Die Widersprüche im System des sogenannten real existierenden Sozialismus habe ich bereits vor der Wende gesehen. Ich war ein paar Mal in der Sowjetunion und habe dort für mich persönlich schlimme Dinge erlebt. Ich habe mich deswegen schon vor der Wende aus dem Parteiengagement zurückgezogen. Das fiel aber gar nicht auf, weil seinerzeit die DKP durch Gorbatschows Glasnost und Perestroika irrsinnige Turbulenzen durchmachte. An politische Arbeit war ja am Ende gar nicht mehr zu denken. Es wurde nur noch intern diskutiert, ob Gorbatschow ein Konterrevolutionär sei oder der neue Jesus. Ich habe plötzlich gemerkt, dass mich all das überhaupt nicht mehr interessierte.
Ich habe damals die Widersprüche, die ich schon bei meinen Besuchen auch in der DDR gesehen hatte, umso stärker empfunden. Bis dato hatte ich immer gedacht: Das ist eben so, der Sozialismus ist ja noch im Werden, die müssen sich ja auch gegen den Kapitalismus zur Wehr setzen und und und. Aber es hat schließlich nicht mehr standgehalten.
Ich verdanke natürlich meiner Zeit in der DKP sehr viel. Deswegen habe ich mich nie als Renegat in die vorderste Linie der Kommunistenhasser begeben.

Es gibt in Ihrem Leben Kollegen, die mehr als bloß dies sind, die zu Freunden wurden. Reinhard Mey gehört dazu. Was schätzen Sie an Mey?
Ich schätze ihn einfach. Und wir beide wissen, dass der eine dem anderen sehr viel bedeutet.

Sind Sie beide Brüder im Geiste?
Ich bin in vielem sperriger als Reinhard. Er war von vornherein jemand, den alle mögen mussten. Ich war nicht so jemand.
Bei Reinhard und mir ist es so, dass wir uns in dem entscheidenden Moment unseres Lebens begegnet sind. Es kam in unserem Fall einiges zusammen: Wir sind gleichaltrig; Reinhard ist ein halbes Jahr jünger als ich. Wir haben uns auf der Burg Waldeck kennengelernt, jenem Zentrum der ersten großen Liedermachertreffen in den 60-er Jahren. Es hat von Anfang an eine große beiderseitige Sympathie geherrscht, weil wir uns in vielem ähnelten, etwa in der Art, wie wir Lieder auffassten.
Eines Tages kam Reinhard dann zu mir und sagte: »Hannes, ich könnte eine Tournee machen. Willste nicht mitkommen? Ich habe ungefähr zehn Lieder, du hast zehn Lieder – das ergibt ein Programm.« Wir standen beide damals noch am Anfang. Reinhard wollte Betriebswirtschaft studieren, ich wollte Grafiker werden. Wir sind also zusammen auf Tournee gegangen. Es war eine wunderbare Reise, in Reinhards himmelblauem VW, von dem Reinhard behauptet, er sei grau gewesen. Welche Farbe es wirklich war, wissen wir beide heute nicht mehr. (lacht) Das war so klasse, dass wir hinterher wussten: Das wollen wir machen, und nichts anderes.

Auf »Neue Bekannte« findet sich der französischsprachige Song »Recontre«, der auf eine etwas eigentümliche musikalische Kooperation Hannes Wader-Reinhard Mey zurückgeht.
Ende der 60-er Jahre wohnte ich wie Reinhard in West-Berlin. Eines Morgens, es war gegen halb zehn und somit für unsereins mitten in der Nacht, klingelte er mich aus dem Bett und forderte mich auf, mein Lied »Begegnung« auf ein Vier-Spur-Tonbandgerät zu singen, welches er eigens mitgebracht hatte. Reinhard hat dann diesen Song für sich ins Französische übersetzt.
Ich hatte nach rund 40 Jahren einfach Lust, das Lied in Reinhards Version aufzunehmen. Es war ein nostalgisches Vergnügen, das ich mir gegönnt habe. Denn es versetzt mich in die Zeit zurück, die ich gerade beschrieben habe – in die Zeit unserer Anfänge.

Einem Mittsechziger sind Rückblicke erlaubt: Was war die größte Erfüllung Ihres bisherigen Lebens?
Ich kann solche Fragen nicht beantworten, denn ich denke nicht in diesen Kategorien. Mit Enttäuschungen ist es genauso. Jedes Mal, wenn ich eine Enttäuschung erlebe, ist es die größte.

In einem Ihrer Lieder schreiben Sie: »Vielleicht sind wir Menschen nur dazu geboren, um ruhelos zu suchen, bis zum Schluss.« Was suchen Sie noch?
(denkt nach) Schwer zu sagen. Ich lese gerade ein Buch, das unter anderem von Heinrich von Kleist handelt. Kleist hat immer nach äußersten Gefühlen gesucht und etwa an seine Freundin geschrieben, dass er mit dem Kopf gegen die Wand hauen müsse, weil es in ihm drin so leer sei. So geht es mir nicht, zum Glück. Ich bin nicht Kleist, und ich fühle mich im Kopf auch nicht leer. Höchstens, wenn Sie mir diese Frage stellen. (lacht)
Aber natürlich suche auch ich etwas, irgendetwas Dunkles. Vielleicht die eigene Identität, immer noch? (lacht) Zumindest wenn es mal wieder an der Zeit ist, dass ich Lieder für ein neues Album schreiben muss, dann suche ich natürlich sehr intensiv. Nach Klischees, nach Themen, nach Reimen, nach Ausdruck. Aber das ist Ihnen jetzt wahrscheinlich zu konkret, oder? (lacht)

Ich kann mit der Antwort gut leben. Das hört sich jetzt allerdings für mich so an, als seien Sie prinzipiell weniger ein Mensch, der etwas sucht, sondern vielmehr einer, dem irgendetwas zufällt?

Nun ja, da kann man natürlich manchmal lange warten, bis einem etwas zufällt. (lacht)

Wenn man Ihren Liedern glaubt, sind Sie ausgesprochen zukunftsscheu. Woran liegt das?
(denkt nach) Zukunftsscheu bin ich eigentlich nicht. Ich denke schon manchmal über die Zukunft nach. Allerdings nicht intensiv. Zukunft, das ist etwas Esoterisches. Kein Mensch weiß doch, was gleich oder in fünf Minuten passiert. Von daher ist das gar nicht wert, dass man sich eingehend damit befasst.
Gut, der Mensch ist anders als das Tier in der Lage, zu planen und diese Pläne vielleicht zu verwirklichen. Das mache ich auch. Andererseits: Ich bin inzwischen offiziell Rentner. Und ich muss sagen: Hätte ich seinerzeit besser vorgesorgt, hätte ich jetzt eine bessere Rente. Hätte ich also nur etwas konkreter an die Zukunft gedacht! (lacht) Das ist das einzige, weswegen ich bedaure, mich mit Zukunftsfragen so wenig aufzuhalten.
Zukunft … (denkt nach) Als Kommunist hatte ich natürlich eine Zukunftsvision. Man will den Kapitalismus abschaffen, im Austausch gegen eine bessere Zukunft. Aber das ist doch auch alles ganz schön vage.

Interview: André Hagel