Disput

Altes Denken

Kolumne

Von André Brie

Die Meldungen kamen im Stundentakt: Erst warnte die Weltbank angesichts der hohen Lebensmittelpreise vor der Verarmung ganzer Landstriche. Selbst in Ländern, die ihre Bevölkerung ernähren könnten, würden inzwischen viele Menschen Hunger leiden, weil die Gier der Industrienationen die Preise hochtreibt. Kurz darauf meldete sich die Welternährungsorganisation zu Wort, die gerade die Ärmsten der Armen von Hungerkatastrophen bedroht sieht. In 37 Ländern mache sich die Nahrungsmittelkrise bemerkbar, so die FAO. In vielen Entwicklungsländern seien die Preise für Brot, Reis, Milch und andere Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen. Als Gründe dafür nannte die UN-Organisation eine ständig zunehmende Nachfrage, Versorgungsengpässe und neue Exportrestriktionen. Am Wochenende schließlich zeichnete der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, ein dramatisches Bild angesichts der weltweit steigenden Lebensmittelpreise: »Wenn die Preise sich weiter so entwickeln wie zur Zeit, werden die Auswirkungen schrecklich sein«, meinte er in Washington.

Das sind eben die Folgen der Globalisierung, hört man jetzt einige sagen. Und es klingt, als hätte diese verhindert werden sollen. Natürlich ist dies Unsinn. Die Globalisierung ist nicht zu stoppen, sie ist, wie viele von uns noch gelernt haben, ein objektiver Prozess. Tatsächlich ist sie auch notwendig: Um die Versorgung nicht nur der reichen Länder des Nordens mit Energie zu sichern. Um die weltweite Umweltverschmutzung und den mit ihr einhergehenden Klimawandel zu bremsen. Um die Unterentwicklung in den großen Teilen der Erde zu überwinden, um Armut, Seuchen und heilbare Krankheiten sowie den Hunger endlich auszumerzen.

Denn auch das ist Fakt: Die Globalisierung muss – und kann – gesteuert werden. Dazu allerdings ist der Wille von Wirtschaft und Politik notwendig. Die Realität jedoch sieht anders aus. Beispiel Haiti: In dem Land, einem der ärmsten Länder der Welt, wurde nach tagelangen Unruhen wegen zu hoher Lebensmittelpreise die Regierung gestürzt. Beispiel Tunesien: Auch in dem nordafrikanischem Staat protestierten Demonstranten gewaltsam gegen die hohen Teuerungsraten bei Lebensmitteln. Beispiel Indonesien: Gewaltsame Auseinandersetzungen sind dort ebenso an der Tagesordnung wie in einem halben Dutzend afrikanischer Staaten. In mehreren asiatischen Ländern haben die Regierungen inzwischen den Reis-Export gedrosselt, weil die einheimische Bevölkerung sich das massiv verteuerte Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten konnte. Bereits vor einem Jahr kam es in Mexiko zur sogenannten Tortilla-Krise: Der Maispreis war, vor allem wegen der Verarbeitung des Getreides zu Biosprit für die Länder des Nordens, drastisch gestiegen.

Auf Kosten des anderen Teils der Welt


Es ist eine traurige Wahrheit, dass die entwickelten Staaten noch immer auf Kosten des anderen Teils der Welt leben. Nicht nur bei Biotreibstoffen, für die immer mehr wertvolle Nahrungsmittel verbraucht oder Tropenwälder als Anbaufl äche abgeholzt werden. Dazu gehören ebenso Lohndumping und Kinderarbeit, gerade im Westen unisono angeprangert werden, die aber, aus ganz simplen Profi tgründen, in Kauf genommen oder durch »Produktionsverlagerungen « und die Nutzung billiger Zuliefererprodukte sogar gefördert werden. Auch die EU, die sich gern die Überwindung der Nord-Süd-Kluft auf die Fahnen schreibt schreibt, verhält sich in ihrer Politik ganz anders: Die »Partnerschaftsabkommen« mit Staaten der dritten Welt verfolgen vor allem die Absicht, ungehindert auf die Märkte der Entwicklungsländer vorzudringen und nach wie vor günstige Rohstoffe von dort zu beziehen. Auch wenn dies mit klangvollen Erklärungen und einigen Brosamen verbrämt wird. Nicht zuletzt werden auch die Folgen imperialistischer Großmachtpolitik globalisiert. Die Folgen der Kriege in Afghanistan und Irak, die Aufrüstung, und das Säbelrasseln insbesondere Washingtons tragen einen erheblichen Teil zur globalen Energie- und Finanzkrise bei.

So einfach es klingt: Die Globalisierung zu steuern heißt, die Interessen der gesamtem Menscheit im Blick zu haben. Und dies kommt auch bei einigen Organisationen, die jetzt warnen, zu kurz. Schlimmer noch sind jene Stimmen aus den Industriestaaten, die zwar durchaus eine schnelle Lösung für die gegenwärtige Krisen fordern – aber zugleich nur Stabilität und Prosperität ihrer eigenen Länder im Blick haben. Das alte Denken hält sich noch hartnäckig.