Disput

Bis aufs Klo

Feuilleton

Von Jens Jansen

Als der »Stern« die Bespitzelung der Mitarbeiter und Kunden in den Billigläden von Lidl aufdeckte und der Berliner »Kurier« mit der Schlagzeile: »Aufstand gegen die Lidl-Stasi« erschien, ging ich gleich zur Filiale bei uns an der Ecke, um nachzuschauen, ob Pfarrer Eppelmann, Frau Bohley oder Herr Nooke dort mit Kerzen in der Hand zur Mahnwache gegen den Überwachungsstaat angetreten waren. Es war jedoch niemand zu sehen. Am Wetter lag es nicht, denn es war ein sonniger Frühlingstag. Es wird an der Vergesslichkeit gelegen haben, denn: »Was kümmert mich mein Gebell von gestern!«

Lidl hat über 200 Deutschlandfilialen mit Mini-Kameras bestücken lassen. Hat die Leute bis zum Klo verfolgt. Hat auch an der Kasse gefilmt, wo man die PIN-Nummern der Kundschaft ausspähen kann. Hat allein in der Lagerhalle von Nantes gegen 60 Beschäftigte 65 Kameras installiert. Das hätte Mielke mangels Westgeld nie geschafft! Und was Lidl von seinen angemieteten Detektiven alles protokolliert bekam: »Frau R. geht alle 15 Minuten auf die Toilette« und »Das Verhältnis zwischen Frau L. und Herrn H. ist zu prüfen!«. Da hätte der Regisseur von Donnersmarck Stoff für eine endlose Filmserie unter dem Titel: »Das Leben der Anderen«. Ich hoffe, er arbeitet schon daran, damit Deutschland weitere Oskars gewinnt.

Für die Hauptrollen empfehlen sich Heino Ferch und Veronika Ferres. In spannenden Nebenrollen könnten Wolfgang Schäuble als technischer Berater und Maria Furtwängler als ermittelnde Kommissarin mitwirken. Man könnte auch Angela Merkel als Laiendarstellerin einbauen, wenn sie auf der Ranch von Präsident Bush die Nachricht erhält, dass der Einkaufsriese Lidl an seiner grenzenlosen Profitgier fast erstickt ist, aber auf göttliche Weise gerettet wurde. Die »BILD«-Zeitung rettete ihn, indem sie wochenlang nur weinende Mönche in Tibet zeigte, wo Lidl wegen der Pekinger Behörden noch nicht seinen Reis verkaufen darf.

Wie könnte der Film anfangen? Da sitzt irgendwo im Schwarzwald ein Herr Schwarz. Kein Zuschauer ahnt, dass Herr Dieter Schwarz der König von Lidl ist. Der hat ein bisschen Geld und viel Geschäftssinn geerbt. Drum stellte er eine Baracke auf, wo er Margarine, Marmelade und Melonen verkauft hat. Mögen andere Branchen krisenanfällig sein – gefressen wird immer! Der Laden lief, und der Herr Schwarz entdeckte drei Unternehmerweisheiten: »Kleinvieh macht auch Mist!“, »Wenn 2 für 4 arbeiten, verdoppelt sich der Gewinn!«, »Man muss Personal und Kundschaft immer auf die Finger schauen, das halbiert die Verluste!«. Auf diese Art verdoppelte Herr Schwarz sein Kapital Jahr um Jahr.

Dann sollte der Schauplatz vom Schwarzwald ins Weltall wechseln, wo die Besatzung einer Raumstation entdeckt, dass es neben der Chinesischen Mauer noch ein zweites Erkennungszeichen für unseren Planeten gibt: 8.000 Lidl-Filialen in 30 Ländern Europas, davon 4.000 in Deutschland mit vollbesetzten Parkplätzen und 50 Milliarden Umsatz im Jahr. Übrigens: Eine Summe, mit der Herr Schwarz in Schwarzafrika mehrere Staaten über Wasser halten könnte! Aber er verdient ja gerade daran, dass er solche Entwicklungsländer mit seinen Billigeinkäufen unter Wasser hält! Um jedoch den Geruch von Übervorteilung aus seinen Baracken fernzuhalten, hat Lidl überall Extra-Verkaufsstände aufbauen lassen, wo die »Kolonialwaren« zu »fairen Preisen« gezeigt werden. Das ist menschlich, clever und genial!

So kommt es, dass sich eine kleine Verkäuferin in den Herrn Schwarz als den Chef ihrer Chefs verliebt. Weil diese Frau aber hartnäckig von dem Lagerarbeiter Kalle Krawuttke umgarnt wird, fühlt sie sich bedrängt und bedroht. Da beschließt der Herr Schwarz, überall in der Verkaufshalle Kameras zu installieren, um diesen Unhold zu entlarven und zu entlassen ... Das führt dann zu den fürchterlichen Verwicklungen, die einen Proteststurm der Gewerkschaft auslösen. Und das, obwohl es in den 4.000 Deutschlandfilialen von Lidl und Kaufland nur acht Betriebsräte gibt! Wie will die Gewerkschaft mit solchen dünnen Ärmchen einen Riesen aufs Kreuz legen?

Schließlich wird die Love-Story zu einem richtigen Krimi, was ja die Zuschauerquote senkrecht in die Höhe treibt und der erste Schritt ist zum Bundesfilmpreis!

Wer es genauer wissen will, sollte das »Schwarzbuch Lidl Europa« von Andreas Hamann und anderen, herausgegeben von ver.di 2006, lesen.