Disput

Sonne über der Freien Heide

Ein brandenburgisches Dorf erlebt Jahr für Jahr die größte Osterdemo

Sogar die Sonne kommt. Tagelang hatten Kälte, Schneeregen und Regen die Organisation ins große Grübeln gestürzt, der traditionelle Kundgebungsort auf dem Bombodrom, dem Truppenübungsplatz im Norden Brandenburgs, war längst völlig aufgeweicht, die Musikgruppe fürchtete um ihre Instrumente, und manche anderen Ostermarschierer dachten länger als sonst darüber nach, ob diesmal die Anreise überhaupt lohnt. ... Doch wie gesagt: Pünktlich am Ostersonntag kommt nicht allein die Sonne nach Fretzdorf – fünftausend Frauen und Männer, jung und alt, sind zur Stelle, um erneut für die ausschließlich friedliche Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide zu demonstrieren.

Nach der Sowjetarmee will nun die Bundeswehr auf dem 144 Quadratkilometer großen Gelände Bombenabwerfen trainieren. Gegen den Widerstand der Gemeinden, die sich mit mehr als 20 Klagen erfolgreich dagegen wehren, und gegen den Willen der Bevölkerung, die mit unzähligen kleinen und größeren Aktionen phantasievoll gegen die Militärpläne protestiert. Entstanden ist auf diese Weise eine eindrucksvoll breite, bunte Gemeinschaft. Zu ihr gehören gleichermaßen die direkt Betroffenen aus den Dörfern wie die »grundsätzlichen« Friedensfreunde, die aus Berlin, Rostock, Demmin und anderswo anreisen. 2008 begegnen sich wieder Bürgermeister, Pfarrer, Punks, Hoteliers, Sportfreunde, Schüler. Auch Politiker; selbst ein CDU-Landesminister aus Schwerin ist dabei und darf reden. Sie sprechen von Arbeitsplätzen, vom Erhalt der Natur, von sturen (anderen) Politikern. Der Beifall auf die Beiträge ist verschieden stark. Kerstin Kaiser, die Fraktionschefin der LINKEN im brandenburgischen Landtag, wird prinzipiell: Die Beharrlichkeit, mit der die Bundeswehr an ihrem Schießplatz-Plan für »einsatznahe Ausbildung« festhalte, müsse als Zeichen gedeutet werden für die Absicht, die kriegerischen Aktivitäten der Bundeswehr weltweit zu intensivieren. »Die Kyritz-Ruppiner Heide darf kein Übungsgebiet für das werden, was in Afghanistan und anderenorts Tod und Zerstörung bringt.«

Der 16. Osterspaziergang führt diesmal wegen des Modderbodens nicht zum Bombodrom, sondern einmal quer durch den Ort. Dann treffen sich alle erneut in Fretzdorfs Mitte, an Ständen machen soziale und ökologische Initiativen auf sich aufmerksam, es gibt ein bisschen Kinderbelustigung, selbst gebackenen Kuchen, die Reden aus der Politik, alles in allem ein politisches Volksfest.