Disput

Drama mit Happy End?

Frauen und Rente. Linke Lösungen für eine komplexe Problematik

Von Katrin Mohr

Wenn von Frauen und Rente die Rede ist, gibt es meist nicht viel Positives zu berichten. Altersarmut, in der Bundesrepublik über Jahrzehnte weitgehend zurückgedrängt, war und ist vor allem ein Problem von Frauen, selbst wenn wegen langer Arbeitslosigkeit, sinkender Löhne und Renten zunehmend auch Männer wieder von ihr bedroht sind. Zwei Drittel aller Grundsicherungsbeziehenden sind Frauen. Frauen haben deutlich niedrigere Renten als Männer. Die monatliche Durchschnittsrente von Frauen liegt im Westen bei kläglichen 477 Euro und damit um fast 500 Euro unter der der Männer. Auch bei den Frauen im Osten beträgt der Abstand noch deutlich über 300 Euro, obwohl sie aufgrund einer höheren Erwerbsbeteiligung und geringerer Lücken in den Versicherungsverläufen deutlich bessere Rentenansprüche aufbauen konnten als ihre westlichen Schwestern. Frauen im Osten haben im Schnitt 37 Versicherungsjahre vorzuweisen, im Westen nur 26 – verglichen mit etwa 41 Jahren bei den Männern.

Dass Frauen trotzdem nicht mehrheitlich auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, liegt daran, dass viele von der Rente des Partners mit leben oder über die Hinterbliebenenversorgung Ansprüche auf Witwenrente haben. Diese Abhängigkeit von der Rente des Partners – aus Autonomiegesichtspunkten ohnehin abzulehnen – wird aber zunehmend zum Problem, da durch die Rentenreformen der letzten Jahre die Hinterbliebenenversorgung stark gekürzt worden ist und auch die Renten der Männer sinken, so dass sie im Alter in Zukunft kaum mehr für zwei reichen werden.

Woran liegt es, dass Frauen so miese Renten haben? Mit der Länge der Versicherungszeiten ist bereits ein wesentlicher Grund benannt. Denn die Höhe der Rente im Alter hängt im deutschen Rentensystem maßgeblich von der Höhe des Einkommens und der Länge der Einzahlungen ab. Frauen, die wegen Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen lange Zeit nicht berufstätig waren, haben Lücken in ihrer Versicherungsbiografie, die ihre Rentenanwartschaften beeinträchtigen. Nach dem Wiedereinstieg in den Beruf haben sie oft geringe Aufstiegschancen, und viele sind wegen des Mangels an bezahlbaren Kinderbetreuungsmöglichkeiten auf Teilzeitarbeit angewiesen. Dies schlägt sich in niedrigeren Einkommen und entsprechend mageren Rentenansprüchen nieder. Denn das deutsche Rentensystem schreibt Einkommensunterschiede und Lücken im Erwerbsverlauf ins Alter fort.

Frauen verdienen aber auch bei Vollzeitarbeit weniger als Männer, und zwar im Schnitt 22 Prozent. Damit ist Deutschland in Europa trauriger Spitzenreiter in Sachen Entgeltungleichheit. Frauen sind besonders häufig prekär beschäftigt. Bei den Minijobs, in denen kaum Rentenansprüche erworben werden, stellen sie knapp zwei Drittel der Beschäftigten. Diese Ungleichheiten in Einkommen und Art der Beschäftigung schlagen sich ebenfalls in der Rente nieder.

In der Regel sind es immer noch die Frauen, die die Hauptarbeit der Kindererziehung und Pflege von Angehörigen übernehmen und die deshalb nicht erwerbstätig, die geringfügig erwerbstätig oder erwerbstätig mit wenig Perspektiven sind. Nur wenig hat sich das konservative (west-)deutsche Ernährermodell mit dem Mann als Hauptverdiener und der Frau als Hausfrau zum Familienmodell mit Hauptverdiener plus Zuverdienerin modernisiert. Dies liegt auch daran, dass der deutsche Sozialstaat – im Gegensatz etwa zum skandinavischen – die ungleiche Arbeitsteilung fördert: Vom Ehegattensplitting bei der Steuer profitieren die Paare am meisten, bei denen die Unterschiede im Erwerbseinkommen am höchsten sind – also die, bei denen es eine Familienernährerin und einen Hausmann (in der Regel aber wohl eher: einen Familienernährer und eine Hausfrau) gibt. Die Mitversicherung in der Krankenversicherung und die abgeleiteten Ansprüche in der Rente stellen weitere Anreize zur Nicht- bzw. geringfügigen Berufstätigkeit des Ehepartners bzw. der Ehepartnerin dar.

Ist daraus nun zu schließen, dass diese Systeme umstandslos abgeschafft werden sollten? Nein, denn dies würde für viele Frauen, die ihr Leben nach dem beschriebenen Modell gelebt haben und für die es bereits zu spät ist, eine eigenständige berufliche Existenz aufzubauen, nicht zu vertretende soziale Härten bedeuten. Auch beruhte das konservative Familienmodell ja immer auf der Idee, dass jede/r an seinem bzw. ihrem Platze für das soziale und wirtschaftliche Wohl der Familie arbeitet. Die abgeleiteten Ansprüche stellen deshalb in diesem Modell den »gerechten Lohn« der Hausfrau dar, die ihrem Mann den Rücken für eine Erwerbskarriere frei gehalten hat. Zukunftsweisend ist dieses Modell jedoch nicht und wird auch nur noch von rund einem Drittel der Paare gelebt. Es muss sukzessive in ein System mit individuellen Ansprüchen inklusive der dafür nötigen Voraussetzungen überführt werden. Frauen brauchen eine eigenständige Absicherung für das Alter, damit sie unabhängig sein und aus eigenen Kräften ihre Existenz sichern können.

Eine Strategie für die eigenständige Existenz sichernde Alterssicherung für Frauen hat drei zentrale Bausteine. Diese liegen in der Gesellschafts-, in der Arbeits- und in der Rentenpolitik:

Gesellschaftspolitisch muss eine solche Strategie an der traditionellen Arbeitsteilung ansetzen. Sie muss werbend und unterstützend dafür wirken, dass Frauen und Männer – egal in welcher Lebensform – egalitäre Formen der Arbeitsteilung von Familie und Beruf wählen  und leben können. Institutionen wie das Ehegattensplitting, die dem entgegenstehen, müssen in ein System der individuellen Besteuerung überführt werden, Anreizstrukturen daraufhin ausgerichtet werden.

Ein wichtiger Schlüssel zur egalitäreren Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und zur eigenständigen Existenzsicherung im Erwerbsleben wie im Alter liegt in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch mit Kindern muss es beiden Partnern möglich sein, mehr als nur in geringfügigem Maß erwerbstätig zu sein und sich eine eigene berufliche Existenz aufzubauen. Dies gilt umso mehr, als viele Ehen nicht auf Dauer halten und die Zahl der Alleinerziehenden zunimmt. Die öffentliche Kinderbetreuung muss flächendeckend, kostengünstig und qualitativ hochwertig ausgebaut werden. Nur wo solche Strukturen vorhanden sind, sind »dual career couples« – Paare, bei denen beide eine (wissenschaftliche) Karriere verfolgen und keiner der Partner bereit ist, die seine, und vor allem die ihre, aufgrund der Pläne der/des anderen zu opfern – mit Kindern nicht nur bei den wohlhabenden Schichten möglich. Allein mit dem »Weggeben« der Kinder ist es aber nicht getan: Arbeit muss familienfreundlich gestaltet werden, Arbeitszeiten müssen an den Bedürfnissen der Beschäftigten ausgerichtet und Arbeits- und Rückkehrrechte von Eltern gestärkt werden, damit Familie und Beruf konfliktfrei lebbar werden.

Gute Arbeit zu einem guten Lohn bedeutet auch eine gute Rente. Der Kampf für bessere Frauenrenten muss deshalb ein Kampf um die Schaffung guter Arbeit, die Zurückdrängung prekärer und niedrig entlohnter Arbeit und die Schaffung von Entgeltgleichheit sein. Er muss daher auch auf dem Feld der Arbeitspolitik geführt werden. DIE LINKE hat hierzu unter dem Stichwort »Gute Arbeit – gutes Leben« eine ganze Reihe von Vorschlägen gemacht, allen voran die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, der vor allem Frauen zugute käme.

Aber auch die Rentenpolitik im engeren Sinn kann einiges leisten, um Frauen eigenständige und Existenz sichernde Renten zu ermöglichen. Die Wiedereinführung der Lebensstandardsicherung durch die gesetzliche Rente, wie sie DIE LINKE fordert, nutzt Frauen und Männern, die erwerbstätig und auf ein starkes öffentliches Versicherungssystem angewiesen sind. Sie würden dann nämlich bei langjähriger Beitragszahlung wieder eine gesetzliche Rente erhalten, die deutlich über dem Grundsicherungsniveau liegt, und müssten diese Absicherung finanziell nicht alleine – ohne die paritätische Beteiligung der Arbeitgeber – schultern. Die Stärkung des Solidarausgleichs in der gesetzlichen Rente zugunsten von Personen mit Lücken in der Erwerbsbiografie und mit niedrigen Einkommen – eine zweite zentrale Forderung der LINKEN – käme vor allem Frauen zugute. Denn sie würden mehrheitlich von einer Ausweitung der Kindererziehungszeiten für vor 1992 geborene Kinder und der stärkeren Anerkennung ehrenamtlicher Pflege bei der Rente profitieren. Auch die Höherwertung niedriger Einkommen käme ihnen besonders zugute. Dies gilt jedoch nur, wenn die Hürde dafür – die nötige Versicherungszeit – nicht zu hoch liegt. Nach Auffassung der LINKEN soll im Alter nach Anrechnung von Einkommen und Vermögen niemand weniger als 800 Euro aus gesetzlicher Rente oder Grundsicherung zur Verfügung haben. Diese Mindestabsicherung liegt deutlich über den heutigen Durchschnittsrenten der Frauen in West und Ost. Sie würde ihre materielle Situation also erheblich verbessern. Je nachdem wie stark die Mindestabsicherung individualisiert wird – also von der Betrachtung von Partnereinkommen und -vermögen ganz oder weitgehend abgesehen wird –, könnte sie auch die Unabhängigkeit von Frauen im Alter deutlich stärken.

Mit diesen Bausteinen könnte das Drama »Frauen und Rente« doch noch zu einem Happy End gebracht werden.

Dr. Katrin Mohr ist in der Bundestagsfraktion DIE LINKE als Referentin für soziale Sicherung und Rentenpolitik tätig.
Katrin.Mohr@linksfraktion.de