Disput

»Persilscheine«

Feuiletton

Von Jens Jansen

Persil kam als »Weißer Riese« in den 20er Jahren auf die Welt. Die Dame mit dem blütenweißen Kleid zierte alle Werbeflächen in Stadt und Land. Die Brüder Fritz und Hugo Henkel, die von Aachen nach Düsseldorf – an den Schreibtisch des Ruhrgebietes – zogen, wurden die Könige der Waschmittelfabrikanten. Ihr »Geheimrezept« war die Verbindung des Bleichmittels PERborat mit SILikat und anderen Substanzen, die die Wäsche noch weißer als weiß machten. 1923 liefen die ersten Pappkästchen mit Persil in Genthin vom Fließband. Seither war die Kleinstadt in Sachsen-Anhalt die größte Waschküche in Deutschland. Das galt auch, als die schwarz-braune Dreckwäsche der Nazis zu waschen war. Und als dann nach 1945 in Ostdeutschland – gemäß Potsdamer Abkommen und Volksentscheid – die Enteignung der Nazis und Kriegsgewinnler anstand, da wurden die Genthiner Henkel-Werke volkseigen.

Das begehrteste Dokument der Nachkriegszeit war für die Stützen des Nazireiches der sogenannte Persilschein. Das war die Bescheinigung der Entnazifizierungskommission, wonach der Besitzer eine »weiße Weste« hat. Solch ein »Persilschein« war östlich der Elbe schwer zu haben. Dort wurden zwischen Mai 1945 und Dezember 1964 insgesamt 16.572 Personen wegen aktiver Beteiligung an den Schandtaten des Nazireiches angeklagt. 12.807 wurden verurteilt und nur 1.578 freigesprochen.

Westlich der Elbe war es leichter, an einen »Persilschein« zu kommen, weil die alten Seilschaften des Nazireiches noch gut funktionierten. Der weitaus größte Teil der Kriegs- und Naziverbrecher hatte dies geahnt und war in den Westen geflohen. Und obwohl die dortige Einwohnerschaft dreimal größer als in der DDR war, wurden im gleichen Zeitraum (1945-64) bloß 12.457 Personen angeklagt. Davon wurde nur die Hälfte rechtskräftig verurteilt. In etwa 7.000 Fällen erging Freispruch oder wurde die Hauptverhandlung gar nicht erst eröffnet. Nur 80 Angeklagte erhielten die Höchststrafe. Das waren zumeist die unteren Chargen der SS- und KZ-Mörder. Ihre Vorgesetzten, wie die Eichmann-Mitarbeiter Hunsche und Krumey, wurden in Frankfurt am Main 1964 freigelassen.

Manche Konzerne, die in der Nazizeit durch die Arisierung, als Lieferanten der  Wehrmacht und durch die Ausbeutung von Gefangenen, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern Superprofite scheffelten, verschafften sich erst vor wenigen Jahren einen »Persilschein« durch läppische Entschädigungsgelder, nachdem die meisten Opfer tot waren.

Inzwischen war auch die DDR tot und mit ihr die volkseigene Industrie. Henkel, für den heute weltweit 55.000 Leute arbeiten und der über zehn Milliarden Privatvermögen angehäuft hat, kaufte die Genthiner Werke aus der Portokasse zurück. Dann blieben da von den 1.700 Mitarbeitern noch 240 übrig. Und die küssten dem Alteigentümer die Füße, weil sie sich gerettet fühlten. Der Kaufvertrag mit der Treuhand war sozusagen der »Persilschein« für das Überleben der Traditionsfirma. Die kleine Kreisstadt leidet unter einer Arbeitslosenquote von 15 Prozent. Henkel zeigte sich generös: Er spendete für Kindergärten, Schulen und Jugendklubs. Natürlich, weil es sich rechnet. Also kein Grund für einen »Persilschein«.

Die volkseigenen Waschmittelwerke in Genthin hatten den »Wunderwaschmitteln« der Westwerbung zunächst wenig entgegenzusetzen. Aber 1968 gelang der Forschungsabteilung mit »Spee« ein Hit, der sich bis heute auf Platz 2 hinter Persil in den Regalen der Supermärkte behauptet. Noch vor zwei Jahren wurde in Genthin für 13 Millionen Euro eine neue Auslieferungshalle errichtet. Und zur Mitgift zählten ja auch die hellen Köpfe der Forschung, die Kundenkarteien, die Sachvermögen und die Ostverbindungen des Kombinates. Nicht zu vergessen die satten Fördergelder für den Aufbau Ost.

Natürlich sind alle Ostfilialen nur verlängerte Greifarme der Globalplayer. Egal, welche »Persilscheine« die Neoliberalen den Plusmachern ausstellen.

Am 7. Juli 2008 kam nun der Donnerschlag für Genthin: Henkel macht dicht! Vier Tage später standen 2.500 Menschen auf der Straße und schüttelten die Köpfe oder die Fäuste oder weinten. Mit den Zulieferern verlieren da tausend Leute ihr Einkommen und Auskommen. Die Stadt wird verdorren. Die Jugend wird abwandern. Die Altenheime müssen nach Sponsoren suchen. Nokia ist überall in Deutschland. Doch in Ostdeutschland kommen Hunderte ehemalige Kombinate dazu. Und es gibt immer noch Wähler, die den Stimmzettel zum »Persilschein« für die verantwortlichen Politiker machen. Das begreife – nein, verändere, wer kann!